Der Angeklagte vor Gericht Pressefoto Wagner

Der Polizist gab Gas. Blaulicht und Martinshorn hatte er eingeschaltet – „Bahn frei!“. Bis Jens B. (26) bei Rot und mit etwa 89 km/h ein Auto rammte.

Für den Crash in Neukölln landete der Polizeimeister nun vor dem Amtsgericht. Der Vorwurf: Fahrlässige Körperverletzung im Amt. Jens B. (Name geändert): „Aus meiner Sicht standen alle anderen Fahrzeuge. Ich ging leider davon aus, dass alle auf Blaulicht und Martinshorn aufmerksam geworden waren.“ Und leise: „Ich hatte vorher noch keinen Verkehrsunfall.“

5. November 2018. Gegen 9.43 Uhr preschte B. mit einem Kollegen im Funkwagen auf die Kreuzung Lahnstraße/Mierstraße zu. Eile war geboten – wegen einer ausgelösten Alarmanlage in einem Einkaufscenter.

Jens B.: „Es war extrem voll auf der Straße. Ich fuhr noch in die Gegenfahrbahn.“ Zu spät sah er, dass von rechts und bei grüner Ampel ein Opel Corsa auf die Kreuzung rollte. B. ging auf die Bremse. Der Beamte: „Frontal sind wir mit dem Funkwagen in die Seite des Autos gefahren.“

Mit 77 km/h erwischte er bei der Einsatzfahrt den Kleinwagen von Sandra J. (24). Durch den Aufprall drehte sich das Polizeiauto und stieß eine Fußgängerin (43) gegen eine aufgestellte Hilfsampel. Die Passantin wurde am Fuß verletzt.

Musik zu laut? Corsa-Fahrerin hatte Martinshorn überhört

Warum nahm die Corsa-Fahrerin die Alarm-Fahrt nicht wahr? Sandra J.: „Ich hatte Musik im Auto an. Das Martinshorn hörte ich nicht, fuhr bei Grün.“ Außerdem stand sie rechts neben einem Lkw, war für B. zunächst verdeckt. Die Richterin: „Sie wurde durch den Lkw abgeschirmt.“

Mit Beckenfraktur und gebrochenen Rippen kam die Corsa-Fahrerin ins Krankenhaus. Und gegen sie wurde zunächst ein Verfahren eingeleitet, das inzwischen eingestellt worden ist.

Einsatzfahrten mit Blaulicht und Martinshorn können riskant sein: Die Helfer und Retter müssen schnell zum Ziel kommen, sich mit „Sonder- und Wegerechten“ den Weg durch die Stadt bahnen. Für Aufsehen sorgte ein tödlicher Crash in Mitte: Ein Polizist (52) raste im Januar 2018 in das Auto von Fabien M. (21). Im Oktober kommt der Hauptkommissar vor Gericht.

Im Fall von Jens B. waren Staatsanwalt und Gericht einig: Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Auflage von 1200 Euro. Die Richterin: „Eine Verkettung unglücklicher Umstände führte zum Unfall.“