Polizisten führten nach der Räumung Journalisten durch das Haus.  Foto: Markus Wächter

Gefährliche Stolperfallen, Falltür und jede Menge Dreck: So präsentiert sich das umkämpfte Haus Liebigstraße 34 nach der Räumung. Nach stundenlangen Kämpfen um das Gebäude hat der Eigentümer am frühen Nachmittag Medienvertreter ins Innere gelassen. Es präsentierte sich ein schreckliches Bild. 

Das in der linken Szene so symbolträchtige Haus, das seit vielen Jahren nur von den radikalen Bewohnerinnen und ihren Gästen betreten werden durfte, wirkt baufällig und stark beschädigt. In den Fluren waren Stolperfallen errichtet worden, politische Parolen waren an die Wände geschmiert. In den Fluren waren Stolperfallen errichtet worden, politische Parolen waren an die Wände geschmiert. Im Treppenhaus war zu lesen: „Hoch leben die rechthabenden und allwissenden Revolutionärinnen“ und „Welcome to Hell 34“.

Eines der vielen Hindernisse in einem Hausflur.  Foto: Markus Wächter

Im Erdgeschoss neben der Eingangstür lag eine männliche Schaufensterpuppe ohne Arme und Kopf und mit zwei Messern in der Brust. Eine zentnerschwere Eisentür war zu einer lebensgefährlichen Falltür umfunktioniert worden. Balkone wurden mit spitzem Metall und scharfem Gerümpel vollgestellt, um ein Eindringen der Polizisten zu verhindern. Auf mehreren Balkonbrüstungen wurden zudem Glasscherben einbetoniert. 

Eine zentnerschwere Eisentür wurde zur einer lebensgefährlichen Falltür umfunktioniert worden. Balkone wurden mit spitzem Metall und scharfen Gerümpel vollgestellt, um ein Eindringen der Polizisten zu verhindern. Auf mehreren Balkonbrüstungen wurden zudem Glasscheiben einbetoniert. Eines der beiden Treppenhäuser war mit einer massiven, aufklappbaren Platte verschließbar. Die Polizei hatte die Metallplatte aufgebrochen und gesichert.

Das europaweit bekannte Wohnprojekt präsentierte sich verwahrlost, dreckig und muffig. Die Wohnungen sind unsaniert und simpel eingerichtet. Die meisten Bewohnerinnen haben auf gammligen Matratzen geschlafen, die auf dem Fußboden liegen. Schmutziges Geschirr stapelt sich neben Essensreste in den Spülen einiger Küchen. Im Erdgeschoss neben der Eingangstür lag eine männliche Schaufensterpuppe ohne Arme und Kopf und mit zwei Messern in der Brust. „Wenn das alternatives Wohnen bedeutet, muss ich sagen, ekelt es mich an“, sagte einer der Beobachter. Ein Bautrupp hat bereits mit den Entrümpelungen begonnen.

Ziemlich vermüllt: So lebten die Bewohnerinnen.  Foto:  Markus Wächter

Das umkämpfte Haus „Liebig 34“ war gegen 11 Uhr endgültig geräumt worden. Knapp 60 Bewohnerinnen und ihre Anhänger wurden von der Polizei aus dem Gebäude geführt. Kurz darauf hatte der Gerichtvollzieher, der wie ein Polizist gekleidet war, die Räume betreten, um die Schäden für zivilrechtliche Ansprüche des Eigentümers zu dokumentieren. Ein Bausachverständiger hatte kurz zuvor das Gebäude für sicher erklärt. Die Polizei bleibt mit einem Großaufgebot vor Ort, bis der Eigentümer das Haus störungsfrei übernehmen kann, erklärte ein Polizeisprecher dem KURIER.

Die Polizei war kurz nach Sonnenaufgang mit einem Räumpanzer an das Gebäude gefahren. Ab 8 Uhr wurden drei Stunden lang vor allem Frauen aus einem aufgebrochenen Fenster über eine Leiter auf die Straße geführt. Jede der Frauen wurde von den Gegendemonstranten lautstark bejubelt. Die Räumung lief nach Angaben der Polizei ziemlich geordnet ab. Auch die Gegendemonstrationen verliefen friedlicher als erwartet. 1500 Einsatzkräfte standen genauso vielen Gegendemonstranten gegenüber. Große Gewaltausbrüche blieben zum Glück aus. 

Eine Frau wird von Polizisten aus dem Haus geführt.  Foto: AFP/Odd Andersen 

Zu Beginn der Räumung hatten die Einsatzkräfte Probleme, in das Gebäude zu gelangen. Über die Eingangstür konnte das Haus nicht betreten werden, da eine Mauer errichtet worden war. Vor Ort hieß es, dass die Bewohnerinnen mithilfe von Männern angeblich seit Monaten Zementsäcke und Ziegel ins Haus getragen haben. Nach Angaben der Polizei verlief die Räumung in den ersten Stunden „zäh“, da es zahlreiche Hindernisse wie Stahltüren oder Holzverschläge zu überwinden gab. Im Treppenhaus stießen die Beamten auf Betonplatten, viele Türen waren verbarrikadiert.

Bautrupps der Polizei betraten das Haus mit Spitzhacken, Beilen und Trennschleifern.„Die Bewohnerinnen hatten im Haus Gegenstände postiert, die offenbar den Anschein erwecken sollten, gefährlich zu sein“, erklärte Polizeisprecher Thilo Cablitz. So wurden zum Beispiel Drähte verbaut, die wie Sprengsätze aussahen. „Deshalb mussten wir mehr Zeit verwenden. Sie waren aber ungefährlich.“ Die Bewohnerinnen hatten auch Hindernisse errichtet wie etwa Betonsperren im Treppenhaus. Nach Angaben von Polizisten mussten die Beamten sich „alternative Wege“ suchen. „Wir sind deshalb auch mal durch die Decke gegangen“, sagte ein Beamter dem KURIER. 

Ein Anwalt der Besetzer erklärte dem KURIER vor Ort, die Räumung sei rechtswidrig. Der Räumungsbescheid richte sich gegen die Mitglieder des Raduga-Vereins. Doch die seien gar nicht im Haus, dort seien Mitglieder des Mittendrin-Vereins. Kurz vor der Räumung hatte die Polizei mitgeteilt: „Gerichtlich wurde festgestellt, dass das Gebäude in der Liebigstr. 34 widerrechtlich besetzt wird. Der Gerichtsvollzieher versuchte vergeblich, das Urteil durchzusetzen. Unsere Kollegen beginnen jetzt auf seine Bitte mit der zwangsweisen Räumung des Gebäudes in Amtshilfe.“ 

Ein Polizist klettert mit einem Winkelschleifer in ein Fenster des Hauses.  Foto: AFP/Odd Andersen

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Nachdem die Bewohnerinnen dennoch aus dem Haus geführt wurden, stellte die Polizei deren Identität fest. Gegen einige wurden Ermittlungsverfahren wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte eingeleitet. Ein Polizeisprecher sagte, mehrfach seien in dem weiträumig abgeriegelten Bereich Beamte mit Flaschen beworfen worden. Auch Feuerwerk sei abgebrannt worden. Vor dem Haus kam es zu Rangeleien zwischen Polizisten und schwarz vermummten Demonstranten. Vereinzelt seien Gegenstände auf die Straße gebracht worden. Dabei seien mehrere Randalierer festgenommen worden. Vereinzelt kam es zu Schubsereien und Beschimpfungen. Die Zahl der Demonstranten habe sich im Laufe des Vormittags nicht wesentlich verändert. Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt. 

Der Eingangsbereich des Hauses.  Foto: Markus Wächter

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Schon Stunden zuvor hatten sich Hunderte Demonstranten hinter Absperrgittern vor dem Eckhaus versammelt. Die meist jungen, überwiegend schwarz gekleideten Menschen skandierten laute Sprechchöre wie „Häuser denen, die drin wohnen“ oder „Ganz Berlin hasst die Polizei“. Die Kreuzung vor dem Haus war mit Scheinwerfern ausgeleuchtet.

In dem weiträumig abgeriegelten Bereich wurden Beamte mit Flaschen beworfen. Auch Feuerwerk wurde gezündet. Vereinzelte seien Gegenstände auf die Straße gebracht worden. Dabei wurden mehrere Randalierer festgenommen. 

Polizisten führen einen Randalierer ab. Foto: AFP/Odd Andersen 

In der Rigaer Straße und in der südlichen Liebigstraße gab es spontane Protestansammlungen. Linksautonome hatten unter anderem versucht, die Frankfurter Allee am Frankfurter Tor zu blockieren. Doch die Polizei konnte dies verhindern – anders als damals bei der Räumung der Liebig 14. Vor dem Heinrich-Hertz-Gymnasium in der Rigaer Straße hatten Vermummte Möbel angezündet, die auf der Straße standen.

Mehrere Personen hatten versucht, die Frankfurter Allee zu blockieren. Doch die Polizei drängte die Protestansammlung zurück.  Foto: Eric Richard

Für die Kinder im Kiez war dieser Freitag ein besonderer Tag: Gleich neben dem Haus ist eine große Kita, schräg gegenüber eine Schule. Die Einrichtungen sind aufgrund der drohenden Ausschreitungen geschlossen worden. Und auch die Kita „Rock’n’Roll Zwerge“ in der Rigaer Straße ist dicht. In der Grundschule in der Pettenkofer Straße, ganz am anderen Ende des Kiezes, wurde den Eltern an diesem Tag freigestellt, ob sie ihre Kinder an den Polizeiabsperrungen vorbei in die Schule bringen wollen oder nicht.

Bereits in der Nacht vor der Räumung hatte es vereinzelt Anschläge und Schmierereien an Hausfassen gegeben. An verschiedenen Stellen in der Stadt brannten laut Polizei in der Nacht Autoreifen, Müllcontainer sowie ein Abfertigungsgebäude im S-Bahnhof Tiergarten. Der Einsatz von Wasserwerfern zur Unterstützung der Feuerwehr beim Löschen von Kleinstfeuern sei freigegeben worden, twitterte die Polizei.