Hochbetrieb durch deutsche Fahrzeuge an den Tankstellen in Slubice. Diese Aral-Tankstelle hatte schon vor dem 1. Februar viele Kunden aus Deutschland. Imago/Mausolf

Dienstagvormittag, in Schwedt kostet der Liter Super E5 1,919 Euro, ein paar Kilometer weiter, jenseits der Grenze in Polen, purzeln am Morgen die Preise. In Gorzow etwa zahlt man für den Liter nur noch 1,127 bis 1,195 Euro – über 70 Cent weniger. Im Vergleich mit Berlin sind es bis zu 58 Cent: Hier kostet der Liter am Mittag rund 1,709 Euro. Tanken in Polen ist seit diesem Dienstag noch mal deutlich günstiger – das Land hat zum 1. Februar die Spritsteuer gesenkt. Und die Tankstellen in Deutschland zittern. Gerade die deutschen Tankstellen in Grenznähe, in Brandenburg, haben es nun noch schwerer, Kunden zu finden.

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Der Verband des Garagen- und Tankstellengewerbes Nord-Ost geht davon aus, dass der Tanktourismus Richtung Nachbarland noch einmal deutlich zunehmen wird. Der Verkehr über die Grenze sei bereits in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen, sagt Verbandschef Hans-Joachim Rühlemann. Mit einer genaueren Einschätzung der Lage rechnet Rühlemann  am kommenden Wochenenende. Der Verband betreut in Berlin und in den ostdeutschen Bundesländern etwa 300 Tankstellen.

Wie der Sprecher der Bundespolizei in Pasewalk (Vorpommern-Greifswald) Igor Weber am Dienstag sagte, haben die Beamten auf der Bundesstraße 104 und auf der Autobahn 11 Berlin-Stettin deutlich mehr Verkehr durch Tagestouristen registriert. Das hänge vermutlich mit mehr Tanktourismus zusammen, der aber Anfang des Monats, wenn viele Menschen mehr Geld haben, immer größer ist als sonst.

Hunderte deutsche Tankstellen müssen um ihre Existenz bangen

Polen hatte zum 1. Februar die Mehrwertsteuer unter anderem auf Sprit von 23 auf 8 Prozent gesenkt. Dadurch war Diesel am Morgen bei Stettin um bis zu 60 Cent billiger als bei den Tankstellen in Deutschland. Ähnlich war es bei Super-Benzin. „Die Fahrer berichteten, dass fast alle Nutzer Kanister dabei hatten und es an den polnischen Tankstellen gleich hinter der Grenze bereits zu kleineren Staus kam“, sagte Weber.

Für die Branche in der Region hat das Rühlemann zufolge katastrophale Folgen. An der Grenze zu Polen gebe es einige Hundert Tankstellen, die um ihre Existenz bangen müssten. „Wir haben jetzt eine Situation, wie sie so schlimm noch nie gewesen ist. Da werden sich viele überlegen, ob sie nicht zumachen“, sagte er. Zahlreiche Mitarbeiter könnten ihre Arbeit verlieren. Derzeit fielen schon bis zu 70 Prozent der Tankkunden weg.

Tankstellen profitierten zwar auch vom Nebengeschäft wie Kaffee- oder Imbissangebot und vom Zeitungsverkauf. Wenn Tankkunden aber ausblieben, fielen auch diese Einnahmen weg. Da lohne auch eine Investition in mehr Imbissangebote nicht. „Wenn die Kollegen mich anrufen, sind sie verzweifelt, weil sie nicht mehr wissen, wie sie es weiter händeln sollen“, berichtet Rühlemann, der in Berlin selbst eine Tankstelle betreibt.

Polen will auch noch die Mehrwertsteuer für Lebensmittel aussetzen

Deutlich kritisierte der Verbandschef die Mineralölgesellschaften. Denen sei es egal, ob die Autofahrer vor oder hinter der Grenze tankten, denn sie verkauften überall ihren Sprit und hörten nicht auf die Hilferufe der Pächter. Rühlemann erneuerte seine Forderung an die Mineralölgesellschaften, den Betreibern eine höhere Provision für Kraftstoffe pro Liter zu zahlen. Bislang liegt sie Rühlemann zufolge zwischen 1 und 1,2 Cent pro Liter – viel zu wenig, sagt er.

Und der Ausflug zum Tanken nach Polen könnte sich bald noch mehr lohnen. Polen hat angekündigt, auch die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel (fünf Prozent) vorübergehend aussetzen.

Wichtig: Polen ist aktuell als Corona-Hochrisikogebiet eingestuft. Von einer  Quarantänepflicht bei Rückkehr ist aber der sogenannte  „kleine Grenzverkehr“ ausgenommen. Das gilt bei einem Aufenthalt von weniger als 24 Stunden für Einkäufe, den Arztbesuch oder Kurzausflüge über die Grenze.