Der Philosoph Peter Sloterdijk liebt es, in Berlin zu wohnen. dpa/Xoan Rey

Wussten Sie, dass der Philosoph Peter Sloterdijk über Linden besonders viel nachdenkt? Darum ist er jetzt „mit Haut und Haaren Berliner“ geworden.

Auch darüber könnte man philosophieren: Es gibt schöne und weniger schöne Daten und Jahreszeiten, um Geburtstag zu haben. Übel ist natürlich Weihnachten. Oder der 29. Februar. Deutschlands bekanntester Philosoph hat im Juni Geburtstag, genauer: am 26. Damit ist er sehr zufrieden, besonders seit er in Berlin lebt. Peter Sloterdijk wird 75 Jahre alt.

„Eine der Prachtstraßen Berlins heißt ja nicht zufällig Unter den Linden“, erzählt Sloterdijk der Deutschen Presse-Agentur. „Die Linde ist der Baum, der den Juni in der Stadt verzaubert durch das Blütenaroma. Eigentlich ist ganz Berlin ein großes Unter den Linden. Es gibt nichts Besseres als einen Juni in der Hauptstadt.“

Sloterdijk stammt aus dem Süden, er ist gebürtiger Karlsruher. Der holländische Name kommt von seinem Vater, mit dem er nie viel zu tun hatte. In seiner Sprache schwingt immer das süddeutsche Idiom in abgeschliffener Form mit. Es verleiht seiner Rede einen gemütlichen Plauderton, in dem auch die inhaltlich härteste Attacke angenehm sanft und vernuschelt daherkommt.

Als Philosoph ein großer Unterhalter

Gedruckte Aussagen von ihm lesen sich deshalb oftmals anders, als sie eigentlich ausgesprochen wurden. Man muss sich den Typen im Geiste immer mit dazu vorstellen. Auch der schwere Kopf mit dem walrossartigen Schnäuzer verleiht ihm etwas Behäbig-Gutmütiges.

Überhaupt, man darf Sloterdijk nicht nur lesen, man muss ihn erleben wie Shakespeare auf der Bühne. Denn unabhängig von seinem philosophischen Rang als Autor von mittlerweile klassischen Werken wie „Kritik der zynischen Vernunft“ ist er von selten erreichter Qualität als intellektueller Unterhalter. Gerade in Deutschland, wo die Geisteswelt für gewöhnlich in Schweres und Leichtes strikt unterteilt wird, hat das Seltenheitswert.

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Sloterdijk kann sich auf einen Stuhl setzen und – vorausgesetzt, er bekommt die richtigen Stichwörter zugerufen – einen ganzen Abend lang ein Publikum fesseln. Spontan. Vom Philosophischen kommt er auf Kunsthistorisches und Politisches zu sprechen, mitunter auch auf die Tücken des Alltags. Er kann unendliche Assoziationsketten aneinanderreihen und erschafft nebenher scheinbar mühelos neue Begriffe wie auch das eine oder andere Wortungetüm. Im Wechsel mit einem geeigneten Gesprächspartner lässt er sich durchaus auf einen Pointenwettbewerb ein.

Im fortgeschrittenen Alter hat der Philosoph Süddeutschland Ade gesagt

Im fortgeschrittenen Alter hat er Süddeutschland Ade gesagt. „Ich bin jetzt mit Haut und Haaren Berliner geworden, seit fast vier Jahren schon“, erzählt er munter. „Im Augenblick leben wir in Berlin-Halensee in einer Wohnung, von der ich hoffe und wünsche, dass wir sie uns noch länger leisten können. Die Großstadtatmosphäre tut mir nach 25 Jahren in der Karlsruher Provinz sehr gut.“ Er nimmt also mit, was die Metropole zu bieten hat? „Unbedingt!“, bestätigt er.

Dabei hat er ja nicht immer in der Provinz gewohnt, sondern auch in Wien, Paris und New York. Was macht Berlin aus? „Aus meiner Perspektive die Tatsache, dass ich mich hier fast differenzlos zu Hause fühlen kann. Es ist eben eine deutsche Metropole. In Paris und New York macht man eher die Erfahrung, dass man nie wirklich integriert ist. Man bleibt doch immer Außenseiter. Im New York ist es sicher etwas leichter, aber als Fremder ist es auch dort nicht einfach, in die Society hineinzukommen.“

Jetzt ist das anders. „Ich empfinde meinen Aufenthalt hier – besser unseren, ich spreche nun auch für meine Frau – als eine Art Ankunft.“ Seine Frau Beatrice ist immer an seiner Seite, als eine Art Generalmanagerin, Pressesprecherin, Schutzengel ... Die Journalistin hat etwas Zupackend-Unkompliziertes, das sich mit seiner Durchgeistigung auf das Trefflichste ergänzt.

„Ich sehe ganz deutlich, dass ich von Alterszufriedenheit bedroht bin“, sagt der Philosoph

So sind sie gemeinsam auch durch die Pandemie gekommen. „Wir haben Corona eine freche Privatheiterkeit entgegengesetzt.“ Gegen Bedrohungsszenarien hätten sie beide eine gewisse Resistenz entwickelt und sich außerdem auch auf verbaler Ebene impfen lassen. „Jede der Warnungen des dominierenden Epidemiologen im Gesundheitsministerium hat bei uns unmittelbar die Immunität erhöht. Wir haben von Anfang an versucht, die Haltung des Sich-Beklagens und -Beschwerens so schnell wie möglich abzubauen. Was ein gelegentliches gesundes Schimpfen nicht ausschließt.“ Auf der Phil.Cologne in Köln bekannte Sloterdijk kürzlich: „Ich liebe das Wort Arschgeige.“

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Es läuft also derzeit bei Peter Sloterdijk. Er ist keiner Depression verfallen, es geht ihm nachgerade gut. Was bei Denkern und Gelehrten keine Selbstverständlichkeit ist. Sloterdijk tickt eben anders. Der Philosoph, mit einem Anflug von Kichern: „Ich sehe ganz deutlich, dass ich von Alterszufriedenheit bedroht bin.“