Die Stühle im Klassenraum bleiben oben: Der Lehrer ist krank, der Unterricht fällt aus.
Die Stühle im Klassenraum bleiben oben: Der Lehrer ist krank, der Unterricht fällt aus. dpa/Kay Nietfeld

Es wird in Berlin wieder einmal um die hohe Zahl von Unterrichtsausfällen an den Schulen gezofft. Die Bildungsverwaltung schiebt die aktuelle Grippe- und Erkältungswelle vor, um zu erklären, warum so viele Lehrer derzeit krank sind. Die Erzieher-Gewerkschaft GEW sieht das anders und schlägt Alarm.  An dem derzeitigen massiven Stundenausfall sei auch der Personalmangel mitverantwortlich. Und der betrifft nicht nur die Schulen.

Der hohe Krankenstand sei aus Sicht der Gewerkschaft auch auf Überlastung der Lehrer und Erzieher zurückzuführen. „An allen Ecken und Enden herrscht Personalmangel, der kompensiert werden muss“, sagte Markus Hanisch, Geschäftsführer der GEW Berlin, der Deutschen Presse-Agentur. Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden (Daks) sieht Probleme vor allem in einer hohen Personalfluktuation und einer großen Erschöpfung, verstärkt durch die Corona-Pandemie.

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Die Bildungsverwaltung nennt die Lage „angespannt“. „Es gibt an Schulen und Kitas zahlreiche Krankmeldungen von Kindern und von Angehörigen des Kita- und Schulpersonals“, so Sprecher Martin Klesmann. Der Krankenstand ist nach Einschätzung des Hauses „der Jahreszeit geschuldet und der Tatsache, dass auch andere Viren aufgrund der besonderen Schutzmaßnahmen im vergangenen Herbst und Winter nun stärker durchdringen“.

„Lehrer haben das Gefühl, dass ihnen mehr zugemutet wird, als sie leisten können“

„Die Bedingungen sind einfach nicht haltbar“, sagt Hanisch. In Ganztagsschulen müssten sich Erzieher in der Nachmittagsbetreuung teilweise um 50 Kinder kümmern, obwohl es laut Personalschlüssel höchstens 22 Kinder sein sollten. „Da geht es nur noch um Verwahrung. Man kann dem Anspruch an die eigene Arbeit nicht mehr gerecht werden“. Auch viele Lehrkräfte hätten das Gefühl, dass ihnen mehr zugemutet werde, als sie leisten könnten.

Auch in Kitas sei die Lage mitunter dramatisch. „Viele Kitas stehen vor dem Kollaps, davor warnen wir schon länger“, so Hanisch. Die GEW hatte bereits in den vergangenen Monaten auf extremen Personalmangel, fehlende Kitaplätze, die Belastungen der Corona-Krise oder auch die Aufnahme von geflüchteten Kindern als Belastungsfaktoren aufmerksam gemacht.

Ein Personalmangel lasse sich statistisch nicht belegen. „Im Zeitraum von 2017 bis 2021 kamen in Berlin jährlich im Schnitt 1200 neue Leute ins System, allerdings auch mehr Kinder“, sagt hingegen Roland Kern mit Blick auf die Kitas. Die aktuelle Krankheitswelle treffe auf ein insgesamt geschwächtes System, so Kern, dessen Verband etwa 1000 Einrichtungen in Berlin vertritt.

Rückmeldungen aus Kitas hätten beispielsweise in Pankow gezeigt, dass der Krankenstand der Mitarbeiter bei bis zu 75 Prozent liege. „Es gibt aber auch Einrichtungen, in denen niemand krank ist, das sind eher Ausnahmen“, so Kern. Der Umgang der Kitas sei ganz unterschiedlich. Während größere Einrichtungen Gruppen zusammenlegen könnten, seien in kleineren Kitas oft Elterndienste gefragt. Auch Betreuungszeiten würden gekürzt.

Bildungsverwaltung: Betrieb von Schulen und Kitas nicht gefährdet

Laut Bildungsverwaltung ist der Betrieb von Schulen und Kitas generell nicht gefährdet. In 35 von rund 2800 Berliner Kitas seien derzeit Gruppen oder ganze Einrichtungen geschlossen.

Die Barmer berichtet, dass in Berlin in der Woche ab dem 14. November rund 6600 ihrer rund 430 000 Versicherten wegen akuter Atemwegsinfektionen arbeitsunfähig gemeldet waren. Rund 1860 Krankschreibungen entfielen auf COVID-19-Infektionen und 45 auf eine Grippe. „Wir haben momentan rund doppelt so viele Krankschreibungen wegen akuten Atemwegsinfektionen wie im Jahr 2018. Die immer noch andauernde Corona-Pandemie trifft mit einer in diesem Jahr heftigeren Erkältungswelle zusammen“, erläutert Barmer-Sprecher Markus Heckmann.

„Wir haben eine Anhäufung von Infekten. Die Kinder sind teilweise rund um die Uhr krank und die Eltern machen sich Sorgen, dass sie gar nicht mehr gesund werden“, sagte Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Dabei seien es oft einfach viele Infekte, die aufeinanderfolgten und in der Regel harmlos seien. Durch die Corona-Pandemie und das Tragen von Masken hätten viele Kinder nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Immunsystem zu trainieren.