Penelope Elena Scheidler pflegt ihre Haare, denn der Schopf ist ihr wichtigstes Arbeitsgerät. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Jeder hat im Zirkus schon mal einen Luftartisten gesehen. Aber so eine Akrobatin hat Berlin noch nie erlebt! Penelope Elena Scheidler zeigt ihre Kunststücke nicht am Seil, am Trapez oder an hängenden Tüchern – sie lässt sich an ihren eigenen Haaren an die Decke hängen. Die Kunst des „Hairhanging“ war in den 20er-Jahren ein Trend, ist nun im Varieté „Wintergarten“ zu sehen. Dem KURIER verriet die 24-Jährige, wie groß die Schmerzen sind – und wie sie ihre Haare pflegt.

Es gibt wohl nur wenige Artisten, bei denen Zuschauen weh tut – Penelope Elena Scheidler ist eine davon. „Und genau das ist es, was mich vor Jahren an der Kunst des Hairhanging faszinierte“, sagt sie dem KURIER. „Man spürt beim Zugucken den Schmerz. Eigentlich kann man gar nicht hinsehen – aber man kann eben auch nicht wegsehen.“ Seit zwei Jahren steht die 24-Jährige mit ihrer besonderen Form der Akrobatik auf der Bühne. „Und es war schwierig, das zu erlernen, weil es heute eine sehr geheime Disziplin ist. Ich habe lange recherchieren müssen, bis ich eine Hairhangerin fand, die mir die Techniken erklärte.“

Die 24-Jährige lässt sich an ihren Haaren in die Luft hängen. Foto: dpa/Jens Kalaene

Zur Artistik kam die heute 24-Jährige über ihre Mutter, die als Tänzerin eine eigene Tanzschule hatte. „Dort tanzte ich schon mit drei oder vier Jahren.“ Später kam die Akrobatik hinzu. „Ich performte mit elf Jahren zum ersten Mal – und das Gefühl ließ mich nicht mehr los.“ Nach dem Abschluss am Gymnasium kam ein Studium nicht infrage. „Ich hatte keinen Bock auf einen normalen Job.“ Stattdessen verdiente sie ihr Geld mit Handstand-Artistik und Kontorsion, der Kunst des Verbiegens.

Man muss das richtige Binden der Haare lange üben. Man kann ja nicht einfach einen Knoten in den Zopf machen und hoffen, dass es hält.

Penelope Elena Scheidler, Artistin

In Australien sah sie später zum ersten Mal eine Hairhangerin. „Ich fand die Ästhetik unglaublich“, sagt sie. So einfach, wie sie auf der Bühne aussieht, ist die Kunst aber nicht. „Man muss das richtige Binden der Haare lange üben. Man kann ja nicht einfach einen Knoten in den Zopf machen und hoffen, dass es hält.“ Ihr Freund habe sie zum ersten Mal in die Luft gehoben, als sie die Technik gelernt hatte. „Er stellte sich breitbeinig auf zwei Stühle. Dann hob er mich an meinem Zopf in die Luft. Das erste Gefühl war: Krass, es tut ziemlich weh, aber es ist auszuhalten.“

Es dürfte klar sein, dass sie sich um ihre Haare besonders gut kümmert. Färben geht nicht, sagt sie. „Und einmal die Woche gibt’s eine lange Pflegeroutine mit Kokosöl und Masken“, sagt sie. Wenn sie auf der Bühne hängt, müssen die Haare nass sein, damit sie nicht brechen. Und: Geschnitten wird selbst – niemand sonst darf an ihre Frisur.

Artisten wie Penelope leiden schwer unter der Corona-Krise

Auch in den 20er-Jahren war die Kunstform ein Trend, deshalb steht Scheidler nun in der Varieté-Show „Golden Years“ im „Wintergarten“ auf der Bühne. Aktuell ist die Disziplin wieder beliebter, was aber nicht immer gut ist. „Es gibt viele, die es einfach ausprobieren wollen, ohne die richtige Technik zu beherrschen“, sagt sie. „Ich kenne eine junge Frau, die es übertrieben hat. Bei ihr hat sich die Kopfhaut von der Schädeldecke gelöst. Man muss echt aufpassen.“

Scheidler freut sich nun auf die Auftritte im „Wintergarten“, denn „Corona war krass“, sagt sie. Im Februar und März hatte sie noch ein Engagement in Neuseeland. „Dann war innerhalb von drei Tagen mein kompletter Vertrag weg.“ Sie reiste nach Salzburg zu ihrer Familie, ihr Freund blieb in Australien. „Wir waren durch die Pandemie sechs Monate getrennt. Es war eine harte Zeit.“

Georg Strecker ist der Direktor des Varieté „Wintergarten“. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Für sie ist die Show ein Neuanfang. Und auch für den „Wintergarten“. Das Haus hat die Krise bisher überstanden – und die schwere Zeit mit Bauarbeiten überbrückt. „Wir haben uns unter anderem dem Theaterbalkon gewidmet, die Arbeiten laufen noch“, sagt Georg Strecker, der Direktor des Varietés, dem KURIER. „Dort oben sollte es noch komfortabler werden.“ Wer auf dem Rang sitzt, soll künftig auch essen können. Für den Neustart gelten, wie in anderen Häusern, Hygiene-Regeln – die Anzahl der Sitzplätze im Parkett hat sich hier von 290 auf 190 reduziert. 

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Die Schließung sei „ein blödes Gefühl“ gewesen, sagt Strecker. Die Ungewissheit machte allen zu schaffen. „Niemand wusste, was passiert.“ Viele Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt, Tickets abgewickelt werden. Jeden Monat des Corona-Lockdown fehlen dem Haus rund 200.000 Euro Einnahmen. „Berlin ist im Entertainment-Bereich sowieso ein heißes Pflaster – und die Lage an den privaten Theatern schon außerhalb von Corona schwierig“, sagt Strecker. Hinzu kommt: Eine Varieté-Show muss mit Vorlauf produziert werden, wenn Künstler dafür anreisen. „Ein Restaurant ist schnell eröffnet, aber am Theater ist es schwieriger.“

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Zirkus-Szene von der Krise erholt

Die Show „2020“, die im März die neuen 20er-Jahre eröffnete und kurze Zeit nach der Premiere dem Lockdown zum Opfer fiel, soll 2021 wiederholt werden – denn das Leben muss weitergehen, auch auf der Bühne. Das hofft auch Penelope Elena Scheidler. „Ich wünsche mir, dass die Zirkus-Szene die Krise überlebt – und dass Corona nicht so eine offene Wunde hinterlässt“, sagt sie. Künstler und Bühnen hätten sehr unter der Pandemie gelitten. „Sie alle müssen sich davon erholen.“

Infos, Tickets: www.wintergarten-berlin.de