Zwei, die sich kennenlernen. Bei vielen jüngeren Leuten klappt das nicht, weil sie schon eine Kontaktaufnahme vermeiden. Und das liegt nicht an Schüchternheit.
Zwei, die sich kennenlernen. Bei vielen jüngeren Leuten klappt das nicht, weil sie schon eine Kontaktaufnahme vermeiden. Und das liegt nicht an Schüchternheit. imago/Ute Grabowsky

25, 30 oder noch mehr Jahre alt, und noch nie einen Freund oder eine Freundin gehabt, geschweige denn Sex? Diese Form der Einsamkeit betrifft viele Menschen, vielleicht besonders in der Weihnachtszeit. Tobias Hellenschmidt, Oberarzt am Vivantes-Klinikum am Friedrichshain kennt sich mit Patienten aus, die als „Absolute Beginner“ in Sachen Partnerschaft und Sexualität gelten. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Verhaltenstherapeut und Sexualmediziner.

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Mit genauen Zahlen kann auch er allerdings nicht dienen, man schätzt, dass bis zu fünf Prozent der erwachsenen Menschen in Deutschland noch nie Sex hatten, vorwiegend Männer. Eine Umfrage einer Partnervermittlung ermittelte sogar sechs Prozent.

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Einen einheitlichen Grund für die Beziehungslosigkeit gibt es nicht, sagt Hellenschmidt: „Die Biografien sind sehr unterschiedlich. In der Regel ist den Betroffenen jedoch gemeinsam, dass sie dysfunktionale und angstauslösende Vorstellungen bezüglich ihrer Sexualität haben. Die tief verinnerlichte Vorstellung, in sexueller Hinsicht uninteressant, unattraktiv, nicht liebenswürdig zu sein, führt zu immer stärkerem Vermeidungsverhalten.“

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Tobias Hellenschmidt ist Leitender Oberarzt bei Vivantes. Er kann durch seine Kenntnisse die Ursachen erklären, die Partnerlosigkeit nach sich ziehen.
Tobias Hellenschmidt ist Leitender Oberarzt bei Vivantes. Er kann durch seine Kenntnisse die Ursachen erklären, die Partnerlosigkeit nach sich ziehen. dpa/Britta Pedersen

Das könne seine Ursache schon in der Kindheit haben, wenn Eltern ihrem Nachwuchs langanhaltend den Eindruck vermittelt haben, er genüge Anforderungen aller Art nicht. „Das verankert sich dann in der Persönlichkeit und wird bei der Partnersuche zum Hindernis“, sagt Hellenschmidt.

Die beschriebenen Erfahrungen in der Kindheit führten häufig zu negativen Grundannahmen über die eigene Liebenswertigkeit. Der Therapeut: „Kontakte, die sich in Richtung Intimität entwickeln, werden dann plötzlich abgebrochen und am Ende gar nicht mehr versucht. Diese Dynamik geht weit über eine gewisse Zurückhaltung oder Schüchternheit hinaus, wie sie viele bei der Kontaktanbahnung empfinden."

Unerfüllbare Erwartungen an sich selbst, nicht nur durch Pornos

Natürlich könnten auch psychische Einschränkungen wie Depressionen, posttraumatische Belastungs- oder Persönlichkeitsstörungen Beziehungen erschweren. Eine Rolle bei der Entwicklung von Angst – speziell bei Männern – spielten aber auch gesellschaftliche Vorstellungen über gute Sexualität. Es liege nicht nur am Konsum von Pornografie, wenn Menschen glauben, sie könnten nicht so oft und lange Sex haben wie die Akteure in Pornos es angeblich schaffen. Oder Männer meinen, ihr Penis sei nicht lang genug. Auch oft veröffentlichte Sex-Tipps führten zu Druck.

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Hellenschmidt schlussfolgert: „Vor allem bei Männern führen Selbstzweifel und Versagensängste bezüglich ihrer sexuellen Fähigkeiten zur Vermeidung von Partnerschaft und Intimität. Dabei entsteht häufig ein Teufelskreis – aus Scham wegen der nicht vorhandenen Beziehung sowie der Angst, eine solche zu versuchen.“ Die Furcht vor Stigmatisierung als Sex-Versager verstärkt die Unfähigkeit, sich anderen zu öffnen und   Unterstützung zu suchen.

„Traurige Singles“ leiden lebenslang an Partnerlosigkeit

Der Arzt beschreibt das Problem auch jenseits des Sex: „Gemessen an der Bedeutung psychosozialer Grundbedürfnisse – sich angenommen, bestätigt und geborgen zu fühlen – wird verständlich, wie hoch der Leidensdruck sein kann, wenn eine Partnerschaft nicht entsteht, obwohl man es sich so sehr wünscht. Deshalb gibt es ,Sad Singles‘: Menschen, die lebenslang mit dieser unfreiwilligen, leidvoll erlebten Partnerlosigkeit befasst sind."

Es sei schwer, aus der Falle zu kommen, weil Betroffene oft gar nicht mehr bewusst über die Ursachen dafür nachdenken, dass sie den Kontakt zum anderen Geschlecht vermeiden. Aus Selbstbewertungen und Annahmen würden „Wahrheiten“.

Hellenschmidt sagt deshalb, es sei zunächst gut, sich innerlich über die Ängste und das daraus entstehende Verhalten klar zu werden. „Die bewusste Akzeptanz, also die Anerkennung des Problems, ist oft der Ausgangspunkt, etwas verändern zu können, sich Hilfe zu holen, aktiv zu werden!“

Leistungsdruck als Beziehungs-Killer, schon bevor es eine Beziehung gibt

Wenn man die „Wahrheiten“ bezüglich der eigenen Attraktivität und Liebenswürdigkeit durchschaue, könne man sie auch auflösen. Hellenschmidt: „Dazu gehören auch jegliche Vorstellungen über die Sexualität, in denen es um Leistung anstatt Befriedigung und Erleben von Annahme und Beziehungslust geht. Nur ohne Druck und Angst kann man das Erleben von partnerschaftlicher Nähe zulassen."

Wird man als Betroffener nicht selber damit fertig, weil Ängste und Vermeidungsmuster so chronisch und tief verankert sind, sei eine therapeutische Hilfe sinnvoll. Tobias Hellenschmidt: „Sie  kann im Rahmen einer Psychotherapie mit sexualtherapeutisch erfahrenen Therapeuten erfolgen oder in einer Selbsthilfegruppe.“