Ein spilleriger Jungbaum und die Reste alter Baumbestände: Sie stören angeblich den Denkmalschutz. Julia Schneider

In Pankow ist ein Kampf ausgebrochen, was wichtiger ist: Klimaschutz oder Denkmalschutz? Die  Berliner Denkmalschutzbehörden wollen die „Wohnstadt Carl Legien“ möglichst baumlos sehen, die Anwohner dagegen wollen Bäume. Die Grünen-Abgeordneten Julia Schneider und Andreas Otto   bemängeln, dass der Denkmalschutz noch keine Antwort auf den Klimawandel habe, sich aber an neue klimatische Rahmenbedingungen anpassen müsse. Ein entscheidender Schritt gegen „überheiße Quartiere“ im Sommer seien Fassadenbegrünung und Baumpflanzungen.

Bezirksamt erklärte junge Bäume für unerwünscht

Schneider erklärte, die Siedlung heize sich durch baumlose Straßen und Vorgärten zunehmend auf.  Das merkten auch die Anwohner. Sie pflanzten deshalb in der Gubitzstraße zwei Rotdorn-Bäumchen in einem  Vorgarten. Das Straßen- und Grünflächenamt erklärte daraufhin, das ginge so nicht, die Bäume müssten wieder weg. So, wie die meisten Bäume, die früher in den Vorgärten gestanden hatten und nach und nach gefällt wurden. Inzwischen ist vom Fällen der Jungbäume nicht mehr die Rede, jetzt sollen sie „versetzt“ werden

Der Screenshot zeigt, dass die Vorgärten vor etwa zehn Jahren noch dicht  mit Bäumen bestanden waren. Google Streetview

Schneider und Otto nahmen den Vorgang zum Anlass zu einer Anfrage im Abgeordnetenhaus zur Haltung des Senats. Die Antwort kam von der Senatskulturverwaltung: Sie ist zuständig, weil die von Bruno Taut entworfene Siedlung aus den 1920-er Jahren seit 1977 unter Denkmalschutz steht und seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Staatssekretär Gerry Woop versuchte in seiner Antwort einen Spagat. Natürlich wisse man, dass der Senat vor ziemlich genau zwei Jahren die „Klimanotlage“ der Stadt anerkannt habe, und dass Klimaschutz und Denkmalschutz nicht im Widerspruch stünden. Dennoch sei man dagegen, dass die Bewohner der Siedlung Bäume in die Vorgärten pflanzen: „Die bewusst gestalteten Grünanlagen bilden einen wesentlichen Teil des denkmalgeschützten Ensembles.“

Bäume werden nach dem Fällen nicht ersetzt

„Altbäume“ in den Vorgärten, wenn sie  beispielsweise wegen Altersschwäche gefällt werden müssten, sollen deshalb nicht ersetzt werden. Denn, so schreibt Woop in seiner Antwort: „Das historische Bild der Vorgärten zeigt von Hecken gesäumte, baumfreie Flächen, um die Wirkung der Fassaden nicht zu reduzieren. Die Vorgärten sind fester Bestandteil des Erscheinungsbildes der Siedlung, das weltweit Beachtung und Anerkennung findet. Insofern gilt es die Erlebbarkeit der Siedlung zu erhalten.“

Das Landesdenkmalamt habe als Kompromiss vorgeschlagen, neue Bäume nicht in den Vorgärten, sondern weiter weg von den Fassaden an den Gehwegen zu pflanzen.

Die Grünen-Abgeordneten wollen etwas mehr: „Um dem Zielkonflikt zwischen Denkmal- und Klimaschutz konstruktiv zu begegnen, schlagen wir vor, die Wohnstadt zum Modellprojekt für Denkmalschutz in der Klimakrise zu machen und dabei das bereits vorhandene bürgerschaftliche Engagement einzubinden.“