Der kleine Häkel-Schabowski verkündet die Reisefreiheit – auch er wird am Sonnabend am Brandenburger Tor zu finden sein. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Wenn es den Fall der Mauer nicht gegeben hätte, gäbe es auch diese besondere Geschichte nicht: Elke Hahn kommt aus Westdeutschland, Ina Werner aus dem Osten. Die beiden teilen eine Leidenschaft: das Häkeln. Seit Monaten basteln die beiden Frauen kleine Figuren, die die wichtigsten Szenen der Wiedervereinigung nachstellen. Anlässlich des Einheits-Jubiläums wollen sie ihr Häkel-Kunstwerk am Brandenburger Tor aufbauen. Handarbeit, die Grenzen sprengt.

Kleine Demonstranten, die Schilder mit Sprüchen wie „Wir sind das Volk!“ halten. Günther Schabowski, der die Reisefreiheit für die DDR-Bürger verkündet. Und ein Volkspolizist, der an der offenen Grenze steht. Szenen der Wiedervereinigung, an die sich viele noch erinnern dürften. Nun gibt es sie auch in Miniatur – und gehäkelt aus Garn! Die süßen Figürchen sind Teil eines Kunstwerks, das zwei begeisterte Häkel-Fans am Sonnabend am Brandenburger Tor aufbauen wollen.

Schon in der Schulzeit entstand die Häkel-Leidenschaft

Hinter dem Projekt stehen Elke Hahn (58) und Ina Werner (32) – zwei Frauen, die sich nicht kennen würden, wenn es den Fall der Mauer nicht gegeben hätte. Hahn kommt ursprünglich aus Stuttgart, begeisterte sich bereits in ihrer Schulzeit für das Häkeln. „Danach vergaß ich das Handwerk jahrzehntelang, bis ich Mutter wurde“, sagt sie dem KURIER. „Da fing ich an, für meine Kinder wieder zu häkeln.“

Ina Werner (32) häkelt für die Einheit. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Im Internet stieß sie auf „Yarnbombing“, eine Form der Aktionskunst, bei der Häkel- und Strick-Fans überraschende Kunst im öffentlichen Raum schaffen – sie häkeln beispielsweise Mützen für Straßenpfosten. „Ich fand das spannend, traute mich aber zuerst nicht, es in meiner Heimat auszuprobieren. Deshalb testete ich es während einer Reise nach Dresden.“ Sie setzte einem Pfosten eine Mütze auf und versteckte sich in einem Hauseingang. „Die Leute, die vorbeigingen, waren zwar in Eile, aber die blieben trotzdem stehen und lächelten.“

Elke Hahn (58) mit ihren gehäkelten Demonstranten. Foto: privat

Hahn baute das Hobby weiter aus, rief den Blog „Gassenmaschen“ ins Leben – inzwischen hält sie sogar den Weltrekord im Pfostenmützen-Häkeln, 111 Stück in einem halben Jahr. Über Instagram lernte sie im vergangenen Jahr Ina Werner kennen. Die 32-Jährige wurde in Magdeburg geboren, lebt heute in Berlin-Hellersdorf. „Ich begann während meiner Schwangerschaft mit dem Häkeln, denn da hatte ich Zeit“, sagt sie. Hahn wollte schon lange ein Häkel-Projekt zur Einheit starten, suchte dafür Unterstützung aus Berlin. So kamen die beiden Frauen zusammen. Sie planten die Figuren-Installation am Brandenburger Tor. Hahn: „Der Platz ist ein wichtiger Ort der Wende-Geschichte. Es war der Ort, auf den die ganze Welt geschaut hat.“

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Die beiden Frauen blicken aus völlig unterschiedlichen Perspektiven auf die Ereignisse rund um den Mauerfall. Elke Hahn findet die Ereignisse noch heute bemerkenswert, sagt sie. „Ich war eine junge Frau, fand das alles wahnsinnig toll. Es war für mich unvorstellbar, dass Deutschland plötzlich wieder vereint war.“ Heute freue sie sich umso mehr: „Wenn die Grenzen nicht geöffnet wären, hätten wir unsere Häkel-Aktion nicht machen können. Selbst so etwas harmloses war durch die Mauer unmöglich.“ Ina Werner war erst zwei Jahre alt, als die Mauer fiel. „Ich kenne die Zeit nur aus Erzählungen von meinen Eltern“, sagt sie. „Dass mein Vater das Radio, das er heute noch besitzt, vom Begrüßungsgeld kaufte. Für mich ist das heute aber Geschichte.“

Auch dieser gehäkelte Volkspolizist mit Trabi gehört zum süßen Kunst-Projekt. Foto: Volkmar Otto

Seit Monaten bereiten Hahn und Werner nun ihr Projekt vor – in der Freizeit häkelten sie ihre Figuren. Beide können verstehen, dass manch einer das Hobby eher langweilig findet. Das Image sei etwas angestaubt. „Aber gerade in der heutigen Zeit, in der alles industriell hergestellt ist, hat etwas Selbstgemachtes einen ganz besonderen Wert.“

Ihre Figürchen wollen sie heimlich, still und leise in der Nacht zum 3. Oktober am Brandenburger Tor aufstellen – und hoffen, dass sich viele Passanten daran erfreuen können. Denn eine Nebenwirkung des „Yarnbombing“ ist, dass die kleinen Kunstwerke nicht wirklich befestigt werden können, weshalb immer wieder Langfinger zuschlagen. „Wir reden uns das schön und sagen: Den Leuten gefallen unsere Häkel-Figuren so sehr, dass sie sie mitnehmen wollen.“ Dafür bleiben nach solchen Aktionen viele Fotos. „Und die kann uns keiner nehmen“, sagt Hahn.