Oskar, sein Vater Norbert B. (li.) und Andreas Landgraf vom Verein Kolibri im neuen Fahrstuhl. Foto: Privat

Oskar sitzt in seinem Rollstuhl. Seine Augen sind auf die Tür gerichtet, die sich in wenigen Sekunden automatisch öffnet. Der Fahrstuhl fährt ihn vom Erdgeschoss direkt in sein Kinderzimmer des Einfamilienhauses, denn seit einer schweren Erkrankung sitzt der 13-Jährige im Rollstuhl. Ohne das Transportmittel wäre die Familie aufgeschmissen und der Alltag kaum zu bewältigen. In der Not haben zwei Berliner Unternehmer ein großes Herz bewiesen und nicht nur 30.000 Euro zur Finanzierung dazugegeben, sondern den behindertengerechten Aufzugs sogar gebaut.

„Wir sind sehr dankbar, weil der Fahrstuhl eine erhebliche Erleichterung in unserem familiären Alltag für uns darstellt“, sagt Norbert B. Doch die Investition stellte eine erhebliche Belastung für die Eltern dar. 60.000 Euro hat der Spezialaufzug mit gläserner Kabine insgesamt gekostet. 30.000 Euro zahlte die Familie aus eigener Tasche, die andere Hälfte und Einbau zahlten Dirk Zelle und Michael Wittek, Geschäftsführer von ATB Aufzugtechnik.

Norbert B. schiebt seinen Sohn mit dem Rollstuhl ins Kinderzimmer. Dort hängt ein Trikot von Alba Berlin an der Wand. Oskar war bis zu seiner Erkrankung leidenschaftlicher Basketballspieler. Sein Vater beschreibt ihn als guten Schüler und technisch sehr versiert. „Er hat viel gebastelt und jedes Handy auseinandergenommen.“

Am Abend überbrachte die Ärztin die Diagnose: Leukämie!

Doch im Dezember 2017 trifft die Familie ganz plötzlich ein unfassbarer Schicksalsschlag. Ihr jüngster Sohn Oskar ist auf einmal ganz blass und fühlt sich nicht gut. „Er hatte Schnupfen und Husten und war ganz heiser“, sagt Norbert B. Sie gingen mit ihm zur Kinderärztin, die ihm vorsichtshalber Blut abnahm. Noch am Abend klingelte die Medizinerin persönlich bei Familie B., um ihnen die erschreckende Diagnose so behutsam wie möglich zu unterbreiten. Oskar, der gerade die vierte Klasse besuchte, war an Leukämie erkrankt. 

Für Oskar, seine Eltern und die ältere Schwester war das ein großer Schock und sie klammerten sich an der vagen Hoffnung fest, es möge sich wohl um eine Fehldiagnose handeln. Noch in derselben Nacht wurde Oskar im Helios-Klinikum Berlin-Buch auf der Kinderonkologie aufgenommen, und kurz danach bestätigte sich dort der schreckliche Verdacht der Kinderärztin. „Von da an liefen wir das Programm mit Chemotherapien und Bestrahlung durch, wie es viele andere kennen“, so der Vater. 

Foto: Privat
So sieht der behindertengerechte Aufzug aus Glas von außen aus. 

Während die Ärzte zunächst auf eine leichte Form der Leukämie tippten, stellte sich später heraus, dass die Prognose weitaus schlechter war. Ein weiterer Schock. „Doch wir versuchten, die Situation anzunehmen“, erklärt der Vater. Wenige Tage später wurde die Familie erneut schwer geprüft. Oskar war ins Koma gefallen und nicht mehr ansprechbar. 

Wie durch ein Wunder wachte der damals Zehnjährige nach drei Tagen wieder auf und machte erhebliche Fortschritte. Weil die Chemotherapie nicht zum erhofften Erfolg führte, erhielt er im Juni 2018 eine Stammzellentransplantation in der Universitätsklinik in Leipzig. „Jetzt startet mein neues Leben“, hat Oskar zu seinem behandelnden Oberarzt gesagt. Ein Satz, der seinem Vater bis heute fest im Gedächtnis geblieben ist. Weil in jenem Satz aus dem Mund eines schwerkranken Kindes so viel Kraft und Überlebenswille steckte.

Eine Woche nach der OP verschlechterte sich Oskars Zustand

Zunächst verlief die Operation erfolgreich. Nach einer Woche aber verschlechterte sich Oskars Gesundheitszustand mit einem Mal dramatisch. „Er sah Doppelbilder und hatte starke Kopfschmerzen“, erinnert sich Norbert B. Seine Ärzte hätten zunächst vermutet, dass es die Nebenwirkungen der Medikamente ausgelöst hätten. Doch dann habe sein Sohn ganz verwaschen gesprochen. Kurz danach fiel er erneut in ein Koma, aus dem er bis heute nicht wieder aufgewacht ist.

Das war im Oktober 2018. „Damals waren wir am Tiefpunkt unseres Lebens angekommen und wussten nicht, wie es weiter gehen soll“, sagt Norbert B. Im Helios-Klinikum Berlin-Buch, wohin Oskar zurückverlegt wurde, und in einer anschließenden Rehaklinik hätten die Ärzte alles  versucht, seinen Sohn wieder ins Leben zurückzuholen. Vergeblich. Warum Oskar ins Wachkoma fiel? Darauf hat noch kein Mediziner eine Antwort. 

Irreparable Schäden im Gehirn 

Nach Schilderung seines Vaters seien in Oskars Gehirn irreparable Schäden aufgetreten und sein Sohn sei mehrfach schwerstbehindert. Seine Mutter, eine gelernte Krankenschwester, widmet sich zu Hause der Pflege ihres Kindes, das zu 100 Prozent auf Hilfe angewiesen ist. Oskar kann nicht mehr allein essen und sich allein anziehen oder die Zähne putzen. Er kann weder laufen noch sprechen. „Meine Frau muss ihn alle vier Stunden wenden, auch nachts, und mithilfe der Überwachungsgeräte aufpassen, dass er sich nicht verschluckt oder einen epileptischen Anfall bekommt“, erzählt sein Vater. Für Oskars Mutter sei das ein „Fulltime-Job“. 

Den Sohn trotz seines Handicaps nach den monatelagen Klinikaufenthalten wieder vollständig ins Familienleben zu integrieren ist seinen Eltern wichtig und dafür ist der behindertengerechte Fahrstuhl eine große Unterstützung. Als die beiden Berliner Unternehmer über den Berliner Verein Kolibri Hilfe für krebskranke Kinder Deutschland e.V.  von dem schweren Schicksal des Jungen hörten, zögerten sie nicht lange. „Als langjähriger Partner vom Kinderkrebsverein Kolibri war es für uns selbstverständlich, dass wir im Fall der Familie B. helfen“, sagt Geschäftsführer Dirk Zelle dem KURIER. 

Als die Familie für Oskar einen Stammzellenspender suchte, waren sie stark in der Öffentlichkeit präsent, obwohl sie das eigentlich nicht mögen. Aber sie haben Hilfe für ihr geliebtes Kind gesucht und auch von vielen Seiten erfahren. Inzwischen haben sie sich zurückgezogen und auch die Facebookseite „Oskar braucht Hilfe“ nicht mehr gepflegt. „Wir haben unser Schicksal angenommen wollen einen Abschluss finden“, betont Norbert B. Es soll ihre letzte Geschichte im KURIER über des Schicksal ihres Jungen sein. „Wir wollen den beiden Geschäftsführern und allen anderen Menschen danke sagen, die uns zur Seite gestanden haben.“ Oskar, seine ältere Schwester und seine Eltern halten zusammen. Sie sind ein starkes Bündnis.