Die Insel der Jugend ist eine Etappe bei einer Tour auf der Spree in Treptow. dpa/Global Travel Images

Für die neue Ausgabe unseres Geschichtsmagazins B History haben wir uns auch aufs Wasser begeben. Viele historisch bedeutsame Orte, bekannte und unbekanntere, liegen an den schönen Berliner Wasserwegen. Unsere Autoren Anne-Kattrin Palmer und Dominik Badow stellen zwei Paddeltouren vor.

Für Anfänger: „Wind of Change“-Tour

Die Biber haben sich blitzsauber durch Äste und Stämme genagt. Zu sehen ist keiner; vermutlich sind sie abgetaucht, als sie unsere Paddelschläge hörten. „Sie haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt, überall hinterlassen sie ihre Spuren“, sagt Skipper Paul Stresing. „Man sieht sie halt selten, manchmal haben wir bei einer Bootstour Glück.“ Allein schon die abgenagten Hölzer sind ein kleines Highlight auf unserem Ausflug, der auf der Spree am Funkhaus Berlin in der Nalepastraße in Oberschöneweide startet.

Die Wasserstadt Berlin bietet viele Möglichkeiten für Spritztouren. Ich habe mich für die „Wind of Change“-Tour von Backstagetourism entschieden. Die führt nicht nur in die Geschichte der DDR, sie zeigt auch das Davor und das Danach. Paul Stresing und ich sitzen in einem Dreier-Kanu, vor uns liegt eine zweistündige Paddelfahrt.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte!

Drängt es Sie auch nach draußen, an die frische Luft, ins frische Grün? Da trifft es sich gut, dass Berlin und Brandenburg so viele Gelegenheiten bieten, das Grau des Alltags abzuschütteln. In der Frühjahrsausgabe des Geschichtsmagazins B History, aus der dieser hier veröffentlichte Artikel stammt, stellen wir auf 124 Seiten mit rund 260 Abbildungen Ausflüge in die Vergangenheit vor – zu Schlössern und Burgen, Parks und Wäldern, Brachen und Ruinen, Gewässern und Adressen, die Geschichte(n) erzählen. Erhältlich ist B History für 9,90 Euro im Einzelhandel, bei uns im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter https://aboshop.berliner-zeitung.de

Wir sind im Zwiebelprinzip gekleidet: mehrere T-Shirts, dazu ein Pulli und eine Jacke, darüber eine Schwimmweste, falls wir kentern sollten. Es ist windstill heute, die Gefahr, Letzteres zu erleiden, also eher gering. Auch sind kaum Schiffe oder Boote auf der Spree unterwegs.

„Unter der Woche geht es hier geradezu ruhig zu, das ist am Wochenende anders“, sagt Paul Stresing. In der Corona-Zeit sei aber auf dem Wasser ohnehin alles stiller geworden. Sein Kanu-Verleih ist allerdings weiterhin geöffnet. Backstagetourism gibt es seit zehn Jahren. „Wir hatten uns damals überlegt, was wir neben einfachen Kanutouren anbieten können“, sagt Stresing. „Und da haben wir uns für historische Touren entschieden.“

Nicht nur Biber leben an der Spree, auch Kormorane, die sich von Zander und Welsen ernähren. Gemächlich gleitet das Kanu dahin. Steuerbord (also auf der rechten Seite) sehen wir das Heizkraftwerk Klingenberg. Technisch konzipiert von dem Pionier des modernen Kraftwerksbaus Georg Klingenberg, wurde es über die Grenzen Deutschlands hinaus zum Vorbild einer neuen Generation von Großkraftwerken. Mit einer Leistung von 270.000 kW ging es 1927 ans Netz. Damit war es das größte Elektrizitätswerk Europas. Bis 2017 verfeuerte es hauptsächlich Braunkohle aus der Lausitz, seitdem gewinnt es Energie aus Erdgas.

Fischfang an der Halbinsel Stralau um 1920 dpa/ullstein bild

Paul Stresing steuert das Kanu auf die Liebesinsel zu, die östlich der Südspitze der Halbinsel Stralau liegt und schon viele Namen hatte: Entenwerder, Seewall, Diebesinsel. Um 1900 hatten hier Segelvereine ihre Liegeplätze, damals gab es auch ein Restaurant, das Ernst’sche Haus. Ein Blick nach rechts, auf das Ufer des Rummelsburger Sees. Dort stehen denkmalgeschützte Backsteingebäude, die Eigentumswohnungen beherbergen.

Skipper Stresing zeigt auf ein Gebäude an der Spree. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war es das Städtische Arbeitshaus Rummelsburg, zu DDR-Zeiten das Gefängnis Rummelsburg, eine Haftanstalt der Volkspolizei für bis zu 900 Männer. Nach 1990 wurde das Gefängnis aufgelöst. Es ist heute ein Gedenkort.

Von der Liebesinsel aus umrunden wir die Südspitze der Halbinsel Stralau und allmählich beginnen die Muskeln in meinen Armen zu meckern. Unter uns, bis zu zwölf Meter tief, liegt ein Straßenbahntunnel: der Spreetunnel Stralau–Treptow, der 1899 in Betrieb ging, im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker diente und 1948 wegen Einsturzgefahr geflutet wurde.

Zenner, Spreepark, Eierhäuschen: Alle wollen wieder eröffnen

Skipper Stresing ändert erneut den Kurs. Wir erblicken das Gasthaus Zenner, dessen Geschichte als Ausflugsrestaurant bereits 1822 begann. Seit Oktober 2019 ist es geschlossen, in diesem Jahr soll es wieder eröffnen. Das Kanu gleitet auf die Insel der Jugend zu. Die Insel trägt ihren Namen seit 1949. In den 1950er-Jahren ließ der Ost-Berliner Magistrat dort ein Mädchenwohnheim errichten; in den 1970ern lag am Ufer ein Schleppkahn, der als Tanzlokal diente. Der Jugendclub Insel hat hier seit 1984 sein Domizil.

Apropos Jugend: Wie jung dürfen Wasserwanderer sein, die diese Tour paddeln wollen? „Das müssen Familien selbst entscheiden“, sagt Paul Stresing. „Wir hatten schon Leute mit Babys. Ich würde aber grundsätzlich empfehlen: mindestens zwei Jahre.“

Unter der Abteibrücke hindurch, die auf die Insel der Jugend führt, geht die Tour weiter. Diese Überführung war eine der ersten Stahlbetonbrücken Deutschlands und steht unter Denkmalschutz. Zu unserer Rechten liegt der Plänterwald mit dem Spreepark, der vor 1991 Kulturpark Plänterwald hieß und seit 2002 geschlossen ist. Ein Kultur- und Kunstpark soll hier, wenn es gut läuft, in naher Zukunft eröffnet werden.

Das Eierhäuschen kommt rechter Hand in Sicht, ein ehemaliges Ausflugslokal. Theodor Fontane war hier des Öfteren zu Gast – er bestellte sich vorzugsweise Omelett – und erwähnte das Haus in seinem Roman „Der Stechlin“. Das Lokal war auch zu DDR-Zeiten ein beliebtes Ausflugsziel. Teile des Eierhäuschens dienten zeitweilig als Requisitenkammer des Fernsehfunks. Das Gebäude steht seit 1991 leer und wird derzeit saniert. Ein Restaurant und ein Biergarten sollen entstehen.

Das Futuro House des finnischen Architekten Matti Suuronen kannte in der DDR jedes Kind. Markus Wächter

Hart backbord! Paul Stresing ändert die Fahrtrichtung. Kurs Funkhaus! Unsere Wasserwanderung endet dort, wo sie begonnen hat. Und da, rechts von uns, sehen wir noch ein Ufo auf Stelzen, das auf einem Schiff parkt. Es ist das Futuro House des finnischen Architekten Matti Suuronen. „Das kannte fast jeder, der in der DDR aufgewachsen ist“, sagt Skipper Stresing. Das Gebäude stand damals im Kulturpark Plänterwald und wurde für Dreharbeiten genutzt, so zum Beispiel für „Spuk unterm Riesenrad“, eine siebenteilige Kinderserie, die 1979 im DDR-Fernsehen lief.

Die Anlegestelle ist erreicht. Biber sind nicht aufgetaucht. Ich tröste mich mit dem Funkhaus Berlin. Der Rundfunk der DDR hatte dort seinen Sitz. Architektur und Klangqualität der Studiogebäude suchen ihresgleichen, das Deutsche Filmorchester Babelsberg war nach der Wende jahrelang Mieter. Das Haus hat sich inzwischen zu einem Kultur- und Veranstaltungsort gemausert. Eine Führung böte sich an, ist aber wegen Corona nicht erlaubt. Skipper Stresing und ich nehmen stattdessen einen Kaffee aus der am Funkhaus gelegenen Milchbar.

Anne-Kattrin Palmer


Für Fortgeschrittene: Sieben-Seen-Tour

Eine Sieben-Seen-Tour, haben sie gesagt: einmal um die Wannsee-Insel. Ein Paddel-Ausflug in die Geschichte, hieß es in der Redaktion, das klang entspannt. Nun sitze ich im Kajak im kalten Wannsee und drohe jeden Moment zu kentern. Neben mir paddelt Klaus Fischer vom Kanu-Verein Falke und erklärt die Historie der Gegend.

Doch ich höre ihn kaum, ich bin im Panik-Tunnel, als säße ich in einem Linienflieger, der in Turbulenzen geraten ist. Nur dass kein Flugzeug gleich abschmiert, wenn man das Gewicht zu sehr zur Seite verlagert. Ein Kajak dagegen schon. Eine Rolle kopfüber ins kalte Wasser wäre kein Weltuntergang, wenn ich wüsste, wie man wieder hochkommt. Der Fotograf lacht, er sitzt ja auch im Zweier-Boot, das vergleichsweise ruhig auf dem Wasser liegt.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte! 

Drängt es Sie auch nach draußen, an die frische Luft, ins frische Grün? Da trifft es sich gut, dass Berlin und Brandenburg so viele Gelegenheiten bieten, das Grau des Alltags abzuschütteln. In der Frühjahrsausgabe des Geschichtsmagazins B History, aus der dieser hier veröffentlichte Artikel stammt, stellen wir auf 124 Seiten mit rund 260 Abbildungen Ausflüge in die Vergangenheit vor – zu Schlössern und Burgen, Parks und Wäldern, Brachen und Ruinen, Gewässern und Adressen, die Geschichte(n) erzählen. Erhältlich ist B History für 9,90 Euro im Einzelhandel, bei uns im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter https://aboshop.berliner-zeitung.de

An sich ist es eine herrliche Sache, Geschichte vom Wasser zu erkunden. Der Wannsee und die umliegenden Gewässer bilden dafür eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch. Es gibt wunderbare Routen; eine der schönsten – und herausforderndsten – ist die Sieben-Seen-Tour: Man fährt im Kreis vom Großen Wannsee an Potsdam vorbei und zurück zum Kleinen Wannsee, sieht historisch bedeutsame Orte wie zum Beispiel den zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Park Babelsberg, den Peter Joseph Lenné und Fürst Hermann von Pückler-Muskau im 19. Jahrhundert für Prinz Wilhelm (später: Kaiser Wilhelm I.) gestalteten.

Man kann die Tour im Motor- oder im Ausflugsboot machen, man kann sie sich erwandern oder erradeln. Oder man paddelt die gut 17 Kilometer. Drei bis vier Stunden dauert das laut Angaben einiger Anbieter, fünf bis sechs schreiben andere. Es sei ein Tagesausflug, sagte mir Klaus Fischer am Telefon. Schließlich wolle man sich Zeit lassen zum Aussteigen, Besichtigen, Picknicken und im Sommer zum Baden.

Laut, lauter, Wannsee: So sah Heinrich Zille das „Berliner Strandleben“ 1912. dpa/akg-images

Hört sich herrlich an, dachte ich, als ich mich Ende März mit dem kleinen Kanu-Verein, der die Tour zwei- bis dreimal im Jahr anbietet, an der Wannseebrücke verabredete. Man kann sich dabei keinen besseren Begleiter wünschen als Klaus Fischer, den Vereinsvorsitzenden. Der drahtige Rentner paddelt seit über 50 Jahren, hat Geschichte studiert und viel zur Gegend gelesen. Vor Beginn der Tour spielt er eine Beschreibung des Wannsees von Theodor Fontane vor, gelesen von Otto Sander: „Das weite tiefe Blau trifft unser Auge wie eine Erquickung.“ Perfekte Einstimmung.

Doch dann zeigt Fischer das Boot: ein extrem leichtes, wendiges Kajak aus Karbon. Mit einem Kanu dauere die Tour zu lange, erklärt er. Der Fotograf fährt im Zweier bei Vereinsmitglied Sandra Volkmann mit. Ich bin zwar noch nie Kajak gefahren, aber wie schwer kann das denn sein, denke ich.

Wir wassern. Zunächst halte ich mich noch aufrecht, da sagt Fischer: „Die Tour würde ich Anfängern eher nicht empfehlen.“ Im Einer-Kajak solle man eine „aktuelle Basissicherheit“ haben. Der Wind, die Wellen, damit müsse man sich schon arrangieren. Dann paddelt er voraus. Ein sonniger Tag war angesagt, doch das Wetter ist diesig und das Wasser eiskalt, trotz warmer Kleidung. Die Spritzer an der Hand reichen mir, reinfallen muss nicht sein. Ich balanciere bangen Blickes, jede Bewegung der Wellen beäugend. Währenddessen erklärt Fischer uns die Landschaft.

Die Villa von Max Liebermann, erbaut 1910, liegt am Großen Wannsee. Sie ist heute ein Museum. imago/Jürgen Ritter

Es gibt wirklich einiges zu sehen am Großen Wannsee: am linken Ufer die 1910 erbaute Villa des Malers Max Liebermann etwa, heute ein Museum mit wunderschönen Gärten. Fischer kennt die Nachbarvilla, sie gehört immer noch derselben Familie. Am rechten Ufer das Strandbad Wannsee, 1907 gegen den Widerstand der Anwohner eröffnet. Die Villenbesitzer empfanden den halbnackten Trubel als anstößig, aber der damalige Landrat war Anhänger der Körperkultur-Bewegung.

Während der Corona-Pandemie holen sich hier viele Menschen ihre Naherholung, am und auf dem Wasser. „Sie suchen das Weite, das Offene“, sagt Fischer. „Man kann sich den Dingen in seinem eigenen Tempo annähern.“ Mein Tempo ist leider sehr langsam. Daher zieht Fischer mich mit einem Abschleppseil zum Haus der Wannsee-Konferenz, wo im Januar 1942 Vertreter der NS-Regierung und der SS-Behörden den bereits beschlossenen Holocaust an den Juden im Detail organisierten. Fischer war früher in Gedenkstätten tätig, er weiß über diesen so friedlich wirkenden, furchtbaren Ort genauso viel zu erzählen wie zu jeder Stelle am Ufer des Sees.

Der Griebnitzsee, Kleist, Stalin und die Stasi

An einem der ausgewiesenen Pausenplätze ufern wir. Und picknicken. Natürlich könne man die Tour auch in Etappen erleben, sagt Fischer. Die Strecke vom Kleinen Wannsee über den Stölpchensee zum Griebnitzsee habe mit Kleist, Siemens, der Ufa, Stalin und der Stasi zu tun. Um den Wannsee und die Insel Schwanenwerder gebe es viel über das 19. und 20. Jahrhundert zu erzählen. Glienicker Lanke und Jungfernsee weckten Italien-Sehnsucht.

Bevor wir wieder wassern, bietet der Fotograf an, die Boote zu tauschen. Die Sonne bricht durch die Wolken, ihre Strahlen fallen auf die Pfaueninsel vor uns, wo anlegen verboten ist. Man könnte jetzt Richtung Potsdam paddeln, zur Glienicker Brücke, wo im Kalten Krieg Spione ausgetauscht wurden, dann zur Heilandskirche und nach Schwanenwerder, doch das werden wir heute nicht mehr schaffen.

Ich fürchte um meinen Fotografen, der fluchtartig den Rückweg angetreten hat, um mit mehr Tempo an Stabilität zu gewinnen. Man muss den Wannsee nur zu nehmen wissen. „Dieser Ort trieft vor Geschichte“, sagt Klaus Fischer und blickt über die Weite des Wassers. Man sollte nur nicht hineinfallen.

Dominik Bardow


Infos zur Tour „Wind of Change“

  • Veranstalter: Backstagetourism, Nalepastraße 18, 12459 Berlin, Tel. 030 532 157 42 www.backstagetourism.com
  • Anfahrt: Straßenbahn 21 bis Köpenicker Chaussee/Blockdammweg

Infos zur „Sieben-Seen-Tour“

  • Veranstalter: Kanu-Verein Falke e.V., Königstraße 69, 14109 Berlin, www.kanuvereinfalke.de
  • Anfahrt: Straßenbahn 21 bis Köpenicker Chaussee/Blockdammweg

Dampferfahrten und Schiffstouren