Eine von rund 8000 Prostituierten in Berlin. dpa/Rolf Kremming

Endlich! Ludwig freut sich. Sonia auch. Ab Freitag (18. Juni) dürfen die Berliner Bordelle wieder öffnen und Ludwig kann die zarten Hände der hübschen Italienerin genießen. Nach monatelangem Prostitutionsverbot hat der Senat die Türen zur Lust wieder geöffnet. In der behördlichen Anordnung heißt es: Sexuelle Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr. Wer da nicht grinst, hat keinen Humor.

Pünktlich um 10 Uhr will  Ludwig vor der Tür des „Sexycandyshop“ stehen und Sonia wird ihn im frisch bezogenen Bett empfangen. „Ich war vier Monate in Italien  und habe meinen Eltern auf der Tasche gelegen. Nun bin ich froh, wieder arbeiten zu dürfen“, erzählt die 29jährige Florentinerin.

Hausdame Ragina vom „Sexycandyshop“ macht die Betten für den 18. Juni fertig.  Rolf Kremming

Hausdame Ragina zieht inzwischen schon die Laken glatt und stellt Cola und Wasser kalt. „Die Mädels haben mir gefehlt und die Ungewissheit, wie es weitergeht, hat uns alle schwer genervt“, erzählt sie. „Für den Corona-Schnell-Test haben wir sogar ein Zimmer freigemacht. Röhrchen in die Nase und 15 Minuten warten. Was danach in den Zimmern abgeht?“ Ragina schmunzelt.

„Jede Frau und jeder Gast muss sich testen und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Es sei denn, er oder sie ist doppelt geimpft oder genesen. Wir halten uns an die AHA-Regel und wechseln nach jedem Gast das Laken“, erklärt Aurel Johannes Marx, Betreiber des erotischen Unternehmens am Kamenzer Damm 85. Sexarbeiter dürfen ihre Maske allerdings abnehmen, wenn sie sonst keinen Oralverkehr praktizieren können, heißt es in der amtlichen Berliner Verordnung. Die Frauen mit Massageausbildung arbeiten bereits seit zwei Wochen als Masseusen und sorgen für entspannte Glieder ohne erotische Hintergedanken. Nicht nur die Gäste sind zufrieden, auch Finger und Hände der Damen bleiben so in Übung.

Es ist noch immer das älteste Gewerbe der Welt und nicht wegzudenken

„Der Lockdown war hart. Es war nicht klar, wann wir wieder öffnen durften“, sagt Marx. Mal hieß es in vier Wochen, dann wieder nicht. Es war ein heilloses Durcheinander. „Ich habe zwar Corona-Hilfe bekommen, doch gereicht hat es hinten und vorne nicht. Zeitweilig haben einige Frauen hier im Haus gewohnt und Ragina hat gekocht und sie bemuttert. Durch das Prostitutionsverbot ist ein Schwarzmarkt entstanden und die sexuellen Dienstleistungen sind im Dunkeln verschwunden. Für viele Frauen eine finanzielle und menschliche Katastrophe.“

Inzwischen wird im „Sexycandyshop“ wieder gelacht, man/frau ist entspannt, alles glänzt und die Kühlschränke sind voll. „Für mich war es wichtig gewesen, den Kontakt zu den Frauen zu halten. Einerseits war es die Hoffnung auf eine baldige Öffnung, andererseits tat uns der  Zusammenhalt gut.“

So wie Marx und seinen Frauen geht es etwa 8000 Frauen, die in etwa 250 Bordellen und auf der Straße in Berlin arbeiten. Mag es einigen  Menschen nicht gefallen und wollen sie die Prostitution auch verbieten, es ist noch immer das älteste Gewerbe der Welt und nicht wegzudenken.

Der Berufsverband sexueller Dienstleistungen hat ausgerechnet, dass pro Tag 1,2 Millionen sexuelle Leistungen erkauft werden. Das ist ein jährlicher Umsatz von 14,5 Milliarden Euro. In etwa der Umsatz des ehemaligen Karstadt-Quelle Konzerns.

Aurel Johannes Marx, Betreiber des „Sexycandyshop“ freut sich auf die Eröffnung am Freitag. Rolf Kremming

Johanna Weber vom Berufsverband Sexarbeit: „In unserem Beruf ist es nicht anders als in anderen Berufen. Es gibt in jeder Branche Menschen, die keinen Spaß an ihrem Job haben. In der Sexarbeit ist es eine Grundbedingung, dass körperliche Nähe kein Problem und etwas Intimes ist. Es geht um Nähe, Zuwendung, soziale Bedürfnisse, Akzeptanz und natürlich oft auch um schnelle Befriedigung. Wir gehen auf die Bedürfnisse des Gastes ein: Will ein Gast schweigen, lassen wir nur unseren Körper sprechen. Will er reden, hören wir zu und führen ihn durch seine Fantasien.“

Doch es gibt auch die andere Seite. Die rumänischen, bulgarischen und albanischen Zuhälter, die ihre Frauen zur Prostitution zwingen. Wer nicht spurt, wird verprügelt. Natürlich nur an Stellen, die das Geldverdienen nicht behindern

Benjamin Jendro von der Polizeigewerkschaft sagte im RBB: Das Verlangen nach Sexarbeitenden ist in der Pandemie nicht weniger geworden. Das Angebot hat sich nur ins Internet und in einzelne Wohnhäuser verlagert. Es kann zu Gewalt kommen, die niemand mitbekommt.

Mario, Betreiber der erotischen Zimmervermietung „New Van Kampen“ in der Forckenbeckstraße 1, sieht wieder Licht am Ende des Tunnels. „Es war eine schwierige Zeit. Nicht nur für mich, auch für die Mädchen, die teilweise nicht wussten, wie sie ihre Miete bezahlen sollten. Kein Zuständiger hat sich darüber einen Kopf gemacht. Letztes Jahr hatte ich einen Tag der Offenen Tür veranstaltet, um über die Schwierigkeiten zu informieren. Leider hat sich von den Senatsleuten keiner blicken lassen.“

Mario ist ein Mann, der es den Gästen und Mädchen schön machen will. Sein exklusives Haus ist seit zwanzig Jahren ein Familienunternehmen. Die Themenzimmer seiner „Beletage“ sind kunstvoll eingerichtet: sinnliche Bilder, erotische Skulpturen, Kerzen, Spiegel an Wänden über dem Bett. Ab Mittwoch zieht eine zusätzliche Putzkolonne durchs Haus und bringt Glanz in unsere Hütte.

Doch es gibt auch die andere Seite: Wer nicht spurt, wird verprügelt

„Am 25. Juni steigt eine Party zur Wiedereröffnung mit einem Stargast, von dem ich den Namen jetzt noch nicht verrate. Endlich wollen  wir wieder lachen und die düstere Zeit des Lockdowns hinter uns lassen.“

Mario und Sohn Jo haben den Kontakt zu Gästen und Frauen nie abreißen lassen. Es gab eine Telefon-Hotline, die alle auf den neuesten Stand brachte. Nicht selten hat er in die Tasche gegriffen und den Frauen, die besonders in  Not waren, mit Geld unter die Arme gegriffen. Da hat er schon mal die Miete bezahlt oder  den Kühlschrank gefüllt. „Ich bin nicht nur ein mittelständischer Unternehmer mit der Verantwortung für vierzig Leute, sondern auch ein Mensch. Weihnachten haben wir als große Familie gefeiert, Geschenke ausgetauscht und gesungen. In den letzten Monaten haben wir sogar einzelne Zimmer renoviert. Statt mit Dessous und High Heels standen die Mädels in Malerklamotten auf der Leiter. Ich war total gerührt.“

Sarah, 22, Escort-Girl aus Pankow, hat im Untergrund  weiter gearbeitet, so wie viele ihrer Kolleginnen. „Uns stand das Wasser bis zum Hals. Ich habe mir für 600 Euro einen 19 Jahre alten Polo gekauft und meine Dienste privat angeboten. Entweder bin ich zu den Gästen nach Hause gefahren oder wir sind in ein Hotel gegangen.“ Dass ihre  Arbeit nicht ganz ungefährlich war, hat Sarah zweimal erlebt. „Ein Gast weigerte sich zu bezahlen, drohte mir, mich anzuzeigen und versuchte mich zu vergewaltigen. Der zweite fiel sturzbetrunken über mich her und weigerte sich den Mundschutz zu tragen. Ich bin froh, dass ich ab Freitag wieder ordentlich angemeldet in einem Club arbeiten kann.“