Die KV schlug jetzt Alarm, dass Ärzte ihre Praxen schließen müssen, da es kaum noch Schutzkleidung gibt. Foto: imago-images/foto2press

Viele Ärzte können in der Corona-Krise ihren Patienten kaum noch helfen. 101 Praxen sind bereits dicht, teilte die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit. Bei vielen befindet sich das Personal in Quarantäne. Doch 31 Praxen mussten schließen, weil sie schlichtweg keine Schutzkleidung mehr haben. Und es werden mehr, warnt die KV in einem Brandbrief an den Senat.

Die Interessenvertretung der insgesamt 6800 Berliner Kassenärzte schlägt Alarm. „Die Überforderung unseres Gesundheitssystems lässt sich nach heutigem Stand bereits nicht mehr abwenden“, heißt es in dem offenen Brief, den die KV am Mittwoch an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) schickte. Die Ärzte gehen laut Hochrechnungen davon aus, dass das Berliner Gesundheitssystem „spätestens zu Ostern“ an seine Grenzen kommt.

Weiter heißt es: Alle Praxen arbeiten derzeit mit großer Kraftanstrengung daran, „die medizinische Versorgung auf das Schlimmste vorzubereiten und einen Zusammenbruch zu verhindern“. Doch das werde immer schwieriger, weil in immer mehr Arztpraxen Mundschutzmasken, Handschuhe oder Desinfektionsmittel ausgehen. Die Lieferungen sind, „wenn sie überhaupt ankommen, viel zu gering“, so die KV Berlin.

Alle Berliner Praxen brauchen 1,5 Millionen Atemschutzmasken

Die Arztpraxen bräuchten in den kommenden sechs Monaten 600 000 Stück Mund- und Nasenschutz, 1,5 Millionen Atemschutzmasken mit Filter, darunter 20.000 Spezialmasken für Lungenärzte. Doch bis zum Mittwoch seien lediglich 23.000 Atemschutzmasken geliefert worden, sagt eine KV-Sprecherin.

Die Praxis des Treptower Arztes Dr. Wolfgang Conrad gehört zu denen in Berlin, wo derzeit fast gar nichts mehr läuft. Auf seiner Internetseite teilt er den Patienten mit: „Ich bin mittlerweile alleine in der Praxis, nehme Anrufe entgegen und versuche, die Versorgung mit Rat, Medikamenten und Krankschreibungen aufrechtzuerhalten.“ Weiter schreibt der Arzt: „Da ich nach wie vor keinerlei Schutzmaterialien habe, kann ich weder Hausbesuche machen, noch Patienten empfangen.“

Ihre Sprechstunden hat auch Hausärztin Ellen Becker aus Mitte eingestellt. Wer sie anruft, hört auf einer Bandansage den Grund. Die Ärztin könne die Sprechstunden nicht mehr durchführen, weil sie keine Schutzmittel mehr hat.

„Wir machen weiter, so lange es geht“

Sie hat dagegen noch geöffnet: Die Praxis der Wannsee-Internisten in Zehlendorf, in der jedoch eine Art Notbetrieb herrscht. Denn auch dort geht der Vorrat an Schutzmasken und Desinfektionsmittel aus. „Wir müssen damit haushalten. So lange wie es geht, machen wir weiter“, sagt Tilo Schöbel (55), einer der dortigen vier Ärzte.  „Normalerweise kommen etwa 2500 Patienten im Quartal zu uns, dazu betreuen wir ein Seniorenheim in der Nähe. Derzeit behandeln wir nur Patienten mit Herz- und Kreislaufbeschwerden, wenn es dringend ist. Alle anderen Behandlungen wie Routineuntersuchungen ruhen. Viele Dinge klären wir auch am Telefon mit unseren Patienten ab.“

Weil die normalen Lieferungen ausbleiben, hat der Arzt schon Atemschutzmasken im Internet bestellt. Nun ginge aber auch dieser Vorrat zur Neige. Das Problem bei Bestellungen wie bei Ebay ist, dass man sich nicht sicher sei, woher der Händler die angebotenen Masken hat. Schöbel hält es für möglich, dass auch Masken darunter sind, die aus Kliniken entwendet wurden und nun zu höheren Preisen verkauft werden. 2,50 Euro pro Maske sei dabei noch günstig. In Normalzeiten erhielt er Atemschutzmasken für 40 Cent pro Stück.

Kinderarzt Burkhard Ruppert ist Vize-Chef der Kassenärztlichen Vereinigung und Mitunterzeichner des Brandbriefes an den Senat. Foto: Gudath

Neben der KV wandten sich auch die Mitarbeiter der Charité und der Vivantes-Kliniken in einem offenen Brief an den Senat. Sie machten klar, dass für Krankenschwestern und Pfleger  nicht ausreichend Schutzkleidung und  Desinfektionsmittel da seien.  Der Regierende Michael Müller erklärte, dass alles getan werde, um die Versorgungslücken mit Schutzausrüstung zu schließen. Müller sei mit großen Produzenten wie Siemens oder Philips im direkten Kontakt.