Alltag auf den Intensivstationen: Ein Intensivpfleger kümmert sich um einen schwerkranken Corona-Patienten. dpa

„Ich weiß, dass viele Menschen von Herzen geklatscht haben“, sagt der Intensivkrankenpfleger Ricardo Lange heute. Er meinst damit die Menschen auf Balkonen und an Fenstern, die zu Pandemiebeginn im Frühjahr 2020 für  Pfleger und Ärzte applaudierten. Doch was als Zeichen der Dankbarkeit gedacht war, hat bei vielen Angesprochenen auch für Frust gesorgt. „Für uns hat sich dadurch wenig geändert.“ Lange hat sich seinen Frust über die Krise in der Pflege mit dem Buch „Intensiv - Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist. Ein Notruf“ (dtv, 16 Euro, 192 Seiten) von der Seele geschrieben.

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Der 40-jährige Brandenburger Lange, der am Rand von Berlin lebt, ist in der Pandemie für viele so etwas wie ein Gesicht der prekären Arbeitsbedingungen in der Pflege geworden. Deutschlandweite Berühmtheit erlangte er über Social Media, eine Kolumne und als er im vergangenen Jahr vom damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Bundespressekonferenz eingeladen wurde, um dort über den Krankenhausalltag zu sprechen. In seinem Buch schreibt er nun darüber, was ihn seit Corona umtreibt, wie er die Situation der Pflege seit Jahren erlebt und was sich ändern muss.

Der Intensivpfleger kritisiert den zunehmenden Personalmangel

Es ist eine einfache Rechnung: Wenn nicht genug Personal zur Verfügung steht, muss jede und jeder mehr stemmen als eigentlich zumutbar. Für die Intensivpflege, so schreibt Lange, bedeute der zunehmende Personalmangel, dass eine Fachkraft nicht mehr wie vorgesehen zwei Patienten gleichzeitig versorgen müsse, sondern eher drei, nicht selten sogar noch mehr. Die Folgen: Permanente Überanstrengung und eine wachsende Diskrepanz zwischen dem Anspruch an die Patientenbetreuung und der von Zeitmangel geprägten Realität. Hinzu kämen unzulängliche Bezahlung und mangelnde Wertschätzung.

Der Intensivpfleger Ricardo Lange hat das Buch Intensiv: Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist. Ein Notruf geschrieben. dpa/Kalaene

Lange, der nach seiner Schilderung seit einigen Jahren für eine Zeitarbeitsfirma eingesetzt ist, beschreibt in „Intensiv“ Erfahrungen aus etwa zwölf Jahren Klinikalltag. Übermannende Erschöpfung bis zum Einnicken an der Ampel auf dem Heimweg, die Angst, Fehler zu machen, die über Leben und Tod entscheiden könnten. Nachvollziehbar erscheint die Panik, die der ausgebildete Intensivpfleger einmal empfunden habe, als er wegen Unterbesetzung auf einer Kinderstation eingeteilt worden sei und eine fachfremde Verantwortung habe schultern müssen, der er sich nicht gewachsen fühlte.

In der Pandemie sterben Menschen anders, schreibt Ricardo Lange. Teils plötzlicher und immer einsamer.

Und dann ist da seit fast zwei Jahren die Pandemie, in der die Intensivstationen immer wieder mit Corona-Infizierten volllaufen, die keine Luft mehr bekommen. In der das Personal immer wieder bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung um Leben kämpft, immer mit dem Risiko, sich selbst trotz sperriger Schutzkleidung zu infizieren. In der Pandemie sterben Menschen anders, schreibt Lange. Teils plötzlicher und immer einsamer. So viele Patienten habe er sterben sehen, dass er sich nicht an alle erinnern könne. In dieser Zeit hätten schon zu viele Pflegekräfte den Job verlassen.

Als sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU, re.) sich im Frühjahr 2021 auf der Bundespressekonferenz mit dem Intensivpfleger Ricardo Lange (li.) schmücken wollte, holte der zu einer umfassenden Systemkritik aus. Stichwort: Pflegenotstand. Imago/Schicke

„Wir dürfen nicht anfangen, Menschen in Kategorien einzuteilen oder moralisch zu bewerten“

Ihn selbst belaste seit Pandemiebeginn die zunehmende gesellschaftliche Spaltung, berichtet Lange. Wenn auf Stationen Desinfektionsmittel und Schutzmaterial geklaut würden und Gegner der Corona-Maßnahmen ihm menschenverachtende Nachrichten schickten, täten sich Abgründe auf. „Wir werden es aber nur alle zusammen aus dieser Pandemie schaffen“, sagt er im Interview. Ungeimpfte und Geimpfte seien auf den Intensivstationen gleich viel wert. „Meine Aufgabe als Krankenpfleger ist es nicht, zu urteilen. Wir dürfen nicht anfangen, Menschen in Kategorien einzuteilen oder moralisch zu bewerten.“

Manchmal dürften Langes schlichte, recht schonungslose Darstellungen der Leserin und dem Leser von „Intensiv“ ein beklemmendes Gefühl bescheren. So schreibt er anrührend über die ersten Tränen im Job, die er nach dem Tod eines kleinen Patienten vergossen habe. Und über seinen schlimmsten Tag in der Pandemie, als er aus empfundenem Arbeitsdruck einen treuen Freund vor seinem Tod allein gelassen habe. Im Nachhinein sagt er mit Bitterkeit: „Man hat keine Zeit zu trauern, man muss funktionieren. Und am Ende, da dankt es dir keiner.“

Der Pfleger fordert ein neues Schulfach: Gesundheit

Lange beantwortet im Buch viele Fragen - wie sehr ihn ein aus seiner Sicht noch immer fehlendes politisches Konzept zur Verbesserung der Pflegesituation enttäuscht, warum das Geräusch beim Zuziehen eines Reißverschlusses ihm Gänsehaut macht. Gleichzeitig wirft er Fragen auf, die er nicht beantworten kann: Die nach einem Patentrezept - und ob er auf lange Sicht noch in dem Job arbeiten will.

Der Intensivpfleger nimmt sich viel vor auf rund 190 Seiten und will auch Lösungswege aufzeigen. Mit einem Bonus oder mehreren für die Pflege sei es nicht getan, es brauche grundlegende strukturelle Veränderungen, so Lange. Dazu sollen aus seiner Sicht etwa eine bessere Bezahlung, ein Überlastungsausgleich durch zusätzliche freie Zeit und Gesundheit als neues Schulfach gehören, um die Tätigkeit für den Nachwuchs attraktiver zu machen. Die Forderungen sind im Kern nicht neu, und doch verleiht Lange ihnen entschlossen Nachdruck.

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Am Ende bleibt neben dem Appell, endlich die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte nachhaltig zu verbessern, auch ein Plädoyer für einen Job, der für Lange „der vielseitigste ist, den ich kenne“, wie er im Gespräch betont. Der ihn mehr erfülle als jede andere Tätigkeit - den er aber nicht mehr um jeden Preis auszuüben bereit sei.