Steinerne Kreuze, in Gedenken an die Toten die hier vor mehr als zehn Jahren vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gefunden wurden, stehen auf einem privaten Gelände.  
Steinerne Kreuze, in Gedenken an die Toten die hier vor mehr als zehn Jahren vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gefunden wurden, stehen auf einem privaten Gelände.   Patrick Pleul/dpa

Das große Holzkreuz wirkt verwittert, das parkähnliche Gelände drumherum nicht besonders gepflegt, eher wie vergessen. Vor mehr als zehn Jahren hatte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf dem Areal einer privaten Baufirma in Frankfurt (Oder) Gebeine und Skelette gefunden. „In so einem Fall greift automatisch das Kriegsgräbergesetz. Die Fläche darf nicht wirtschaftlich genutzt werden, Besuchern muss der Zugang gewährt werden“, erklärt Thomas Wenzke, Frankfurter Kreisgeschäftsführer des Volksbundes.

Lesen Sie auch: 72-Jährige genervt vom Sauerstoffgerät ihrer Bettnachbarin (79) – da schaltet sie es einfach aus!>>

Das Holzkreuz und eine Tafel erinnern an die Toten, die dort gefunden wurden: Deutsche Soldaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hier beerdigt worden waren.

Deutsche Soldaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Heimat zurückkehrten und starben, sind  hier beerdigt worden.
Deutsche Soldaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Heimat zurückkehrten und starben, sind hier beerdigt worden. Patrick Pleul/dpa

Darum starben in Frankfurt Oder so viele Wehrmachstangehörige

Die Stadt Frankfurt (Oder) war ab 1945 der zentrale Entlassungsort für alle Wehrmachtsangehörigen, die aus sowjetischen Kriegsgefangenenlagern kamen. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen passierten in den Nachkriegsjahren die Oderstadt, die zur riesigen Drehscheibe wurde. „Genauere Angaben gibt es nicht, da einfach Unterlagen verschollen, Todeslisten unvollständig sind“, sagt Wenzke. Viele der Heimkehrer starben demnach bereits während des tagelangen Transportes in Güterzügen, die im Frankfurter Bahnhof endeten oder aber direkt in mehreren Lagern oder Lazaretten im Stadtgebiet.

Lesen Sie auch:  „Ältester und bester Freund“: Jan Josef Liefers nimmt Abschied von Tobias Langhoff – und spricht über die Todesursache>>

Auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht war auf der Fläche, auf der jetzt das Holzkreuz steht, ein Friedhof für die Toten angelegt worden. Demnächst könnte es dort wieder Bewegung geben, denn die einstige Begräbnisstätte dürfte weitaus größer sein, als das ursprüngliche Suchfeld. „Der Frankfurter Historische Verein hat über Jahre Dokumente und Angaben sowie Handskizzen von Zeitzeugen gesammelt. Auf Flugbildern vom März 1946 sind viele, jeweils etwa 20 Meter lange Gräben deutlich zu sehen“, sagt Wenzke. Diese neuen Erkenntnisse seien jetzt der Stadtverwaltung übergeben worden. „Die müsste einen neuen Sondierungsauftrag auslösen und Mittel dafür beim Bund beantragen“, erklärt der Experte vom Volksbund.

Tausende unentdeckte tote Kriegsheimkehrer in Frankfurt Oder vermutet 

„Dringenden Handlungsbedarf“ sieht auch Joachim Kozlowski, einziger Umbetter des Volksbundes in Deutschland. Er vermutet noch tausende unentdeckte tote Kriegsheimkehrer in Frankfurt (Oder). Zwar hatte es in den 1970er Jahren etwa 3800 Umbettungen auf den Hauptfriedhof gegeben - allerdings seien die unvollständig. „Und die späteren Suchgrabungen von 2009 waren mehr als stümperhaft, ohne tatsächlich dort zu graben, wo es bei Bauarbeiten zuvor schon Knochenfunde gegeben hatte“, sagt Kozlowski. Der Volksbund sehe es als seine Pflicht an, diejenigen würdevoll zu bestatten und an sie zu erinnern, die nach Kriegsende den Weg in die Heimat nicht mehr geschafft haben, ergänzt Wenzke.

 Thomas Wenzke (l), Frankfurter Kreisgeschäftsführer des Volksbundes und Konrad Tschäpe, Leiter der Frankfurter Gedenkstätte für Opfer politischer Gewaltherrschaft stehen am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder.  
 Thomas Wenzke (l), Frankfurter Kreisgeschäftsführer des Volksbundes und Konrad Tschäpe, Leiter der Frankfurter Gedenkstätte für Opfer politischer Gewaltherrschaft stehen am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder.   Patrick Pleul/dpa

Die Geschichte der deutschen Kriegsheimkehrer in Frankfurt (Oder) sei weitaus vielschichtiger und gehe weit über die Stadthistorie hinaus, sagt Konrad Tschäpe, Leiter der Frankfurter Gedenkstätte für Opfer politischer Gewaltherrschaft. „Die Stadt war zwischen 1945 und 1950 tatsächlich eine Drehscheibe. In der früheren Hornkaserne wurde registriert und identifiziert, wer aus sowjetischer Kriegsgefangenenschaft kam.

Aus sowjetischen Lagern kamen Gefangene nach Frankfurt Oder 

Gleichzeitig war sie auch ein Sammelpunkt für Transporte deutscher Zwangsarbeiter aus Internierungslagern der sowjetischen Besatzungszone in Richtung Osten“, erklärt der Kulturwissenschaftler. Hinzu komme das Thema der Vertriebenen aus den einst deutschen Ostgebieten. In der einstigen Hornkaserne, heute Sitz der Polizeidirektion Ost, erinnert seit 1998 eine kleine Ausstellung an die damaligen Ereignisse.

Lesen Sie auch: Kinder-Krankenhäuser in Berlin voll! Kinder mit Atemwegsinfekten müssen nach Brandenburg verlegt werden>>

„Inzwischen sind viele neue Informationen dazugekommen, durch die sich der Kontext besser verstehen lässt“, sagt Tschäpe. Geplant ist deshalb bis 2025 ein Neubau für die Geschichte der deutschen Kriegsheimkehrer - als Ergänzung der Frankfurter Gedenkstätte für Opfer politischer Gewaltherrschaft, dem einstigen Stadtgefängnis, am Oderufer.

Eine Zelle in der Gedenkstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“.
Eine Zelle in der Gedenkstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“. Patrick Pleul/dpa

„Dieser Teil der Frankfurter Stadtgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ist von gesamtstaatlicher Bedeutung. Bisher gibt es keinen Erinnerungsort, der diese Zusammenhänge verdeutlicht“, sagt Maria Nooke, Brandenburger Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen kommunistischer Diktatur, die sich eigenen Angaben nach sehr für diesen Ergänzungsbau an der Frankfurter Gedenkstätte eingesetzt hat. Rund 1,94 Millionen Euro stellt das Land Brandenburg aus Geldern der einstigen DDR-Parteien- und Massenorganisationen dafür zur Verfügung.

Lesen Sie auch: Szenarien für den „Brownout“ in Deutschland: Worauf müssen wir uns gefasst machen, wenn Versorger gezielt den Strom abdrehen?>>

Noch immer Anfragen von Angehörigen 

Das Thema sei noch heute interessant und wichtig, ist Tschäpe überzeugt, der noch immer Nachfragen von Angehörigen einstiger Kriegsheimkehrer erhält. „Die Familien der Toten waren damals nicht informiert worden.“ Schicksale würden sich jedoch nur noch selten klären lassen, denn die in Frankfurt (Oder) gestorbenen ehemaligen Soldaten waren in der Regel nackt, ohne persönliche Gegenstände begraben worden.