Insgesamt 26 Hühner und Hähne leben in den Gehegen des Tierheims. Rechts: Diese niedlichen Küken wurden in Weißensee ausgesetzt. Fotos: Tierheim Berlin

Im Tierheim leben nur Hunde und Katzen? Wer das dachte, wird nun eines besseren belehrt. Momentan gackert es hier sogar an vielen Stellen – denn die Einrichtung in Falkenberg ächzt unter einer regelrechten Hühner-Flut. Der Grund: In den vergangenen Wochen und Monaten wurden viele der Tiere gefunden oder sichergestellt. Auch der KURIER berichtete bereits über den merkwürdigen Trend der Hühnerhaltung in der Großstadt. Ein Trend, der Sorgen macht.

Erst Mitte September wurden sechs winzige Küken in einem Karton in Weißensee ausgesetzt, berichtet das Tierheim. Die wehrlosen Tiere mussten für einige Wochen aufgepäppelt werden – sie wurden mit einer Wärmelampe und einem speziellen Futter versorgt. Es ist nur einer von mehreren Fällen, die zur Hühner-Flut führten. Schon im Juli berichtete der KURIER darüber, dass in Lichtenberg fünf Hühner vom Balkon einer Plattenbauwohnung befreien werden mussten.

Sie waren dort in zwei Pappkartons untergebracht und wurden wohl zum Essen gehalten, sagte Tierheim-Sprecherin Beate Kaminski dem KURIER. Der Zustand der Tiere war katastrophal. „Weil sie in den Pappkartons leben mussten, waren die Hühner großem Stress ausgesetzt. Deshalb haben sie sich gegenseitig verletzt.“ Mehreren der Tiere fehlen deshalb Federn, eines muss einen Verband am Fuß tragen, weil sich ein Abszess gebildet hat. „Man kann den Begriff artgerechte Haltung hier nicht im geringsten in den Mund nehmen“, sagte Kaminski.

Die Küken wurden in einem Karton in Weißensee gefunden. Foto: Tierheim Berlin

26 Hühner und Hähne leben deshalb derzeit in den Gehegen des Tierheims. „Unsere Platzkapazitäten sind erschöpft“, sagt Tierheim-Sprecherin Annette Rost. Die Haltung von Hühnern scheint in Berlin immer beliebter zu werden. Das beobachteten die Bezirksämter. In Neukölln hieß es auf KURIER-Nachfrage etwa, die Haltung von Hühnern werde beliebter. „Bis zu 10 Hühner gelten in Berliner Wohngebieten als ortsüblich und sind zulässig. Beschwerden gibt es dazu kaum“, teilte ein Sprecher des Amtes mit. Bestätigung auch aus Mitte: „Die Veterinäraufsicht des Bezirksamtes Mitte verzeichnet seit einiger Zeit einen deutlichen Anstieg von häuslichen Geflügel- und Bienenhaltungen“, teilt das Bezirksamt auf KURIER-Nachfrage mit.

Auch mehrere Hähne warten auf ein neues Zuhause. Foto: Tierheim Berlin

Die Experten aus dem Tierheim sehen die Haltung der Tiere in der Stadt kritisch. Interessierte könnten sich die Tiere problemlos kaufen oder sie sogar mieten. Solange eine artgerechte Unterbringung gegeben ist, sei das prinzipiell kein Problem, sagt Rost. „Doch nur die wenigsten Stadtbewohner können das gewährleisten.“

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Man dürfe nicht vergessen, dass es hier um Lebewesen geht, die genauso Bedürfnisse haben wie Hunde, Katzen oder andere Haustiere. „Verkaufsslogans wie ‚Huhn to Go‘ degradieren die Tiere zu Gegenständen.“ Hühner gehören nicht in eine Mietwohnung oder auf einen Balkon. Sie seien sehr soziale Tiere, die feste Gruppen mit Artgenossen schätzen, die Platz brauchen, eine Wiese, Sand zum Scharren und Beständigkeit. Ein ständiger Ortswechsel wie bei einer Vermietung sei für sie Stress, so das Tierheim. Wer Hühnern oder Hähnen aus dem Tierheim Berlin ein artgerechtes Zuhause bieten kann, findet auf www.tierschutz-berlin.de in der Tierdatenbank weitere Infos.