Bei Roots Radicals zaubert Monica Kisic aus Blumenkohlblättern und Apfelkernen noch haltbare und leckere Lebensmittel.  Markus Wächter

In dem kleinen Laden in der Schreinerstraße stehen Kisten mit Flaschen und Gläsern auf dem Tisch. Etiketten werden an die Flaschenhälse gebunden, Tüten zum Versand gepackt. Das Team ist kurz vor Weihnachten noch im Dauereinsatz. „Wir machen die Dankeschön-Geschenke für die Teilnehmer einer Crowdfunding-Kampagne fertig“, sagt Monica Kisic und verschwindet wieder hinter einem deckenhohen Regal.  Bei der Aktion haben sie über 30.000 Euro für eine größere Produktionsküche, einen Laden mit Café eingesammelt. Und das ist auch dringend nötig. Denn die Idee, die hier sämtliche Kochtöpfe, Kisten und Kühlschränke füllt, gewinnt immer mehr Liebhaber. 

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Scharfe Soßen und Chutneys aus geretteten Früchten. 

Die Idee, das ist Kochen aus dem, was andere  für Abfall halten. Haltbar machen, damit nichts weggeworfen werden muss, dass noch voller Geschmack und Leben ist. „Aus vielen Beiprodukten machen wir hier etwas Neues“, sagt Monica Kisic, die Gründerin. 

Fermentieren, Einkochen und Trocknen: alte Techniken zum Haltbarmachen 

Aus Blumenkohlblättern wird hier ein feuriges Kimchi, aus Zwiebelschalen ein Gewürzsalz. Orangenschalen werden kandiert und reife Bananen veredeln eine Barbecue-Soße. Grüne, unreife Tomaten aus Brandenburg werden zu einem Chutney, die Kerngehäuse und Schalen von Äpfeln geben einem gesunden Apfelessig den Geschmack.

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Wenn Monica eine köstliche Paste aus gebackenem Knoblauch herstellt, werden auch die Schalen noch zu einem Gewürzsalz verarbeitet. In  Kreisläufen denken, nichts verschwenden - und die Menschen wieder in einen unmittelbareren Kontakt zu den Lebensmitteln, die sie konsumieren bringen, das ist Monicas Mission. 

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Eingelegt und fermentiert halten sich Lebensmittel viel länger und müssen nicht weggeworfen werden. 

2019 startete die 39-Jährige mit einer Eismaschine und mit vor dem Wegwerfen geretteten Früchten in Berlin. In einem Einfrau-Betrieb stellte die Biochemikerin und Köchin eine kleine Auswahl an Chuteys und Pasten her und wagte ihr Glück: Auf dem letzten richtigen Weihnachtsmarkt vor Corona ist ihr Stand innerhalb kurzer Zeit leer gekauft. Berlin hat Lust auf sinnvoll weiterverwertetes und veredeltes Obst und Gemüse! Dabei macht sich Kisic alte Techniken, die längst ihr Comeback feiern, zunutze. Fermentieren, Trocknen, Einkochen. Haltbar machen, was sonst auf dem Müll landen würde, weil zu viel produziert wird, ist das Credo des Teams, das mittlerweile auf sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewachsen ist. 

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Kandierte Zitronenschalen, in Salz eingelegte Zitronen, Würz-Panade aus altem Brot. Monica Kisic gehen die Ideen für Food-Upcycling nicht aus. 

Monica Kisic weiß, was sie tut. In ihrer Heimat Peru führte sie ein Restaurant, seit vielen Jahren betreibt  sie den Kochblog Monitoulille. Nach monatelangen Hospitationen bei Sterne- und Starköchen in Spanien, New York und auf der ganzen Welt hat Monica Kisic ihre Vision in Berlin verwirklicht. Circular Cooking, Kochen in Kreisläufen und ohne Abfall. Die Zutaten bekommt das Team dabei von Food-Saving-Projekten oder es kauft saisonal verfügbare Produkte ein. „ Wenn es gerade viele Blaubeeren gibt, machen wir Blaubeerkompott, ist Mais im Überangebot, wandert er in ein köstliches Picalilli“, sagt Kisic. 

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Workshops für nachhaltiges Kochen

In Workshops erfahren Interessierte, wie sie zu Hause vielseitiger und ressourcenschonender kochen können und wirklich alle Teile eines Lebensmittels Verwendung finden können.  Um noch mehr Menschen für ihre Mission zu begeistern, will Monica im nächsten Jahr mit einer offenen Produktionsküche starten. Mit  einem Raum für Begegnungen, mit Café und Laden. Es soll ein Ort sein, an dem man die vielfältigen Düfte von Gemüse und Gewürzen spürt, an dem man kosten und experimentieren kann. Ein Ort, an dem die Idee von einem gesunden System der Lebensmittelproduktion Wirklichkeit wird. „Wenn viele Firmen, die einen Unterschied machen, sich zu einem Netzwerk zusammentun, wird ihr Einfluss mehr und mehr Gewicht haben“, sagt Monica Kisic. 

Die Produkte von Roots Radical sind zum Beispiel in der Markthalle 9  oder im genossenschaftlichen Konsum Super Coop in den Osramhöfen im Wedding erhältlich.