Jeden Nachmittag werden Schülerinnen und Schüler aus dem Kiez in Kleingruppen intensiv gefördert und begleitet.
Volkmar Otto

Neuntklässler, die nicht rechnen können, Schüler, die keinen einzigen Fluss kennen. In Gesundbrunnen kommen viele Probleme zusammen. Wir besuchen das Team von Sprint, welches jeden Tag hilft, diese Hürden zu überwinden und sprechen mit dem Gründer Herbert Weber. Sprint, eine Abkürzung für Sprache und Integration, wurde 2005 als Projekt für Sprach- und Bildungsförderung gegründet. Heute ist das Angebot nötiger denn je.

Prinzenallee, Gesundbrunnen, dritter Hinterhof. Es ist nachmittags um drei und die ersten Schüler trudeln ein. Eine Mutter bringt ihr Kind bis zur Tür, wo Herbert Weber schon wartet. „Welche Klasse bist Du, was brauchst Du?“, fragt der 56-Jährige. Vierte Klasse, Deutsch-, Englisch und Mathematikhausaufgaben, antwortet das Mädchen und sitzt schon kurze Zeit später mit Cem an einem Tisch und holt die Bücher aus der Tasche.

Niedrigschwelliges Angebot nennt sich das, was hier jeden Tag in der Woche stattfindet. Die Zielgruppe: Kinder und Jugendliche in Brennpunktkiezen wie diesem, die auf ihrem Weg zur Chancengleichheit vor vielen Hürden stehen: Ohne Sprachkompetenz haben sie keinen Zugang zu Fachwissen, ohne Sprache und Fachwissen gelingt ein Berufseinstieg nur schwer. Etwa 40 Schüler kommen jeden Nachmittag, manche wie der 16-jährige Suhayb jeden Tag, um mit Helfern Hausaufgaben zu erledigen, Vorträge vorzubereiten, für Klassenarbeiten zu lernen.

Wenige Abiturienten, viele Schulabbrecher

Das, was in einer deutschen Mittelschichtsfamilie Mutter und Vater abends am Küchentisch erledigen, machen hier insgesamt 50 Lehramtsstudenten, die auch in den Schulen im Kiez als Co-Lehrer arbeiten. Suhayb geht in die 11. Klasse eines Gymnasiums, er will etwas lernen, doch im Unterricht geht es ihm oft  zu schnell. „Manchmal fehlen mir die Worte, das kostet Zeit“, sagt er.

„Der Soldiner Kiez und das Gesundbrunnenviertel haben eine Bevölkerungsstruktur, in der 90 Prozent der Bewohner staatliche Leistungen empfangen“, sagt Herbert Weber. Nach Neukölln befindet sich hier einer der Berliner Brennpunkte in Sachen Bildung. Wenige Abiturienten, viele Schulabbrecher - für fast alle gilt: das Grundproblem ist die deutsche Sprache. Herbert Weber hat einen schier unerschöpflichen Vorrat an Beispielen der gescheiterten Kommunikation.

Herbert Weber ist seit 2005 Gründer und Leiter von SprInt im Wedding. Schüler verloren geben ist keine Option.
Volkmar Otto

Bevor er Sprint auf die Beine stellte, war er in der Gegend Lehrer an einer Sekundarschule.  Als es im Unterricht einer 7. Klasse um die Verwertung von Bäumen ging und Weber von der Rinde spricht, ist da ein Kind, das glaubt, es gehe um Kühe. Der Pädagoge versucht zu erklären, die Rinde sei die Hülle eines Baumes, aber auch mit dem Wort Hülle kann der Schüler erst etwas anfangen, als ein Mitschüler die Handyhülle ins Spiel bringt. „Absurde Gespräche“ nennt Weber solcherart Hindernisse im Unterricht.

Elftklässler können Berlin nicht auf der Landkarte zeigen

Andere Stunde, anderes Beispiel. Schüler fragen, ob der Hecht, ein Raubfisch, wirklich etwas klaut. Es gebe Schüler, so Weber, die noch nie in Brandenburg waren. Und Schüler, die in der 9. Klasse keinen Fluss nennen könnten. Solche, die als kleine Kinder nie ein Bilderbuch angeschaut haben, die in der 6. Klasse nicht wissen, was die Olympischen Spiele sind. Aus Weber sprudeln die Beispiele und die Bestürzung darüber. Lawinen hält ein Kind für Tiere, ein anderes sagt die „Ballade von John Maynard“ auf und bekommt eine 1. Dabei weiß es weder, was eine Schwalbe ist, noch was Gischt bedeutet. Elftklässler können Berlin nicht auf der Landkarte zeigen.

Die Kinder aus bildungsfernen Familien haben einen heimlichen Lehrplan, sagt Herbert Weber, sie seien unschlagbar darin, Dinge auswendig zu lernen und zu verschleiern, dass sie wenig verstanden haben. Die Lehrer ließen es oft gut sein, sie seien froh, wenn sie eine richtige Antwort hören. Auch wenn sie wissen, dass sie ein Potemkinsches Dorf ist. Ein System produziert Schulabgänger, die kaum Chancen haben. An vier Integrierten Sekundarschulen im Gesundbrunnen-Viertel ist der Durchschnitt im schriftlichen Teil des MSA-Prüfungen eine 5+. „Das bedeutet, Kinder können am Ende der 10. Klasse nicht schreiben“, sagt Weber.

Das Problem ist nicht ausschließlich eines der Herkunft, sondern eines von Bildungsferne, die es auch anderswo in der Stadt gibt. Doch gepaart mit einer anderen Muttersprache sind die Hürden kaum zu überwinden.

Es fängt ja schon mit den Schulbüchern an. Was dort steht, verstehen viele der Kinder, die nachmittags her kommen, nicht. Denn die Texte setzen Allgemeinbildung, Weltwissen voraus, welches in den Familien nicht vermittelt wird. „Schulbücher sind für deutsche Mittelschichtkinder gemacht“, sagt Herbert Weber. Doch was für sie normal ist, gilt nicht, wenn grundlegende Deutschkenntnisse fehlen. In Berlin sei man nicht genügend auf seine wachsende Klientel eingestellt. Schüler werden allein gelassen und Potenzial verschenkt.

„Das können die nie aufholen.“ Die Worte Webers mögen hart klingen, für den Politikwissenschaftler und ehemaligen Lehrer sind sie Auftrag und Ansporn. „Wir können diese Kinder nicht abschreiben, das können wir uns als Gesellschaft schlicht nicht leisten“, sagt er.  Und so ist er mit einem Team von sechs Studenten jeden Nachmittag da, um in der Bildungswüste seine Pflänzchen zu gießen.

Suhayb hat, während wir sprachen, ein Arbeitsblatt mit dem Aufbau einer Zelle für Biologie sehr akribisch beschriftet. In der Schule war er damit nicht ganz fertig geworden. Schon seine Geschwister sind regelmäßig in die Sprint-Räume in der Medienfabrik gekommen, die Eltern unterstützen die Bemühungen der Kinder. Nicht allen geht es so.

Das System von hinten umarmen

Am Tisch nebenan kämpfen sich Teresa, eine Sonderpädagogin, die sich ehrenamtlich hier engagiert, und eine Schülerin durch einen  Text zum Thema Kampf der Ideologien. Die Lehrerin hat ihre Stundenanzahl an ihrer Schule reduziert, um die Zeit denen zu schenken, die sie nötig haben. „Ich kann so endlich das System von hinten umarmen“, sagt sie.

Dass es Sprint noch gibt, verdankt Herbert Weber vielen Sponsoren und seit einigen Jahren auch regelmäßigen Zuwendungen durch den Senat. Schulen bezahlen die Honorare der Studenten aus dem Bonusprogramm. „Doch wir müssen die Förderung von 200.000 Euro jedes Jahr neu beantragen“, sagt Weber und sorgt sich, dass Sparmaßnahmen, die aus der Corona-Krise resultieren, auch seine Einrichtung betreffen könnten.

Dabei sind Projekte wie dieses wichtig, um der sozialen und ethnischen Segregation, die hier Alltag ist, etwas entgegenzusetzen. Es brauche gezielte Förderproramme, bessere Materialien, bessere Schulorganisation weg vom Text, hin zur Tat. Und eine Kitapflicht natürlich.  „Diese Kinder können doch nicht alle Dönerverkäufer werden.“ Am kommenden Montag veranstaltet Sprint eine Podiumsdiskussion zum Thema „Schule der Zukunft“ mit Berliner Bildungspolitikern. Herbert Weber wird ihnen aus seinem Alltag erzählen, und davon, dass Berlin mehr tun muss, um seine Kinder nicht verloren zu geben.

Die Veranstaltung findet am 30. August 2021 im Medienhof-Wedding, Prinzenallee 25/26, 3. Hof, EG, von 17 Uhr bis 19.30 Uhr statt. Um Anmeldung wird gebeten. www.foerderunterricht-sprint.de