Das geplante Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr kann nach Angaben der Bundesregierung möglicherweise in einem Monat starten.
Das geplante Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr kann nach Angaben der Bundesregierung möglicherweise in einem Monat starten. imago images/Future Image

Das geplante Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr kann nach Angaben der Bundesregierung möglicherweise in einem Monat starten. Es gebe „verschiedene Signale aus den Ländern, die uns rückmelden, dass ein Start zum 1.5. möglich ist“, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Freitag in Berlin.

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Die mit dem Thema befassten Arbeitsgruppen „laufen unter Hochdruck“, fügte der Sprecher hinzu. Das Ministerium sei daher „sehr zuversichtlich“, dass die Einführung „sehr zeitnah“ erfolgen könne. Doch in Berlin und Brandenburg zeigte man sich skeptisch, ob es schon so früh klappt. Damit nicht genug: Insider schließen nicht aus, dass die Fahrpreise für BVG, S-Bahn & Co. Anfang 2023 erhöht werden müssen.

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Das Billigticket ist Teil des Entlastungspakets wegen der hohen Energiepreise, das vor rund einer Woche von der Ampel-Koalition geschnürt worden war. Für drei Monate sollen Monatstickets für den ÖPNV überall in Deutschland lediglich neun Euro kosten.

„Es gibt noch nichts Konkretes“

Beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) dämpfte man die Erwartungen. Eine offizielle Stellungnahme gab es am Freitag nicht, aber dem Vernehmen nach fehle bislang eine realistische Idee, wie das Bundesversprechen umgesetzt werden kann. Eine Arbeitsgruppe des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen arbeite mit Hochdruck an möglichen Konzepten. „Doch noch gibt es nichts Konkretes“, hieß es in Berlin.

So müsse zum Beispiel noch entschieden werden, wie die Geltungsbereiche zugeschnitten werden. Im Gespräch sind die jeweiligen Gebiete der Verkehrsverbünde – womit Berliner und Brandenburger fein raus wären, denn der VBB gehört europaweit zu den flächenmäßig größten Verbünden. Anderswo sind die Verbundgebiete dagegen deutlich kleiner. Der Nutzen der geplanten Tickets wäre also deutlich geringer, was ein Gerechtigkeitsproblem darstellen könnte. Zudem würden Pendler, die sich über Verbundgrenzen hinweg oder zwischen zwei Bundesländer bewegen, benachteiligt.

Mindestens fünf Monate Umstellungszeit

Für Menschen, die bisher noch kein Stammkunde des Nahverkehrs sind, wäre es noch am einfachsten, die Billigticket-Idee in die Tat umzusetzen, sagte ein Mitarbeiter eines Berliner Verkehrsunternehmens. „Als Digitalticket ließe sich die Idee gut verwirklichen“, hieß es. Doch auch dafür wäre eine Vorbereitungszeit erforderlich – die sich in diesem Fall bis in den Sommer 2022 erstrecken könnte. Würde außerdem gefordert, dass die Tickets für Neukunden auch in Papierform etwa an Automaten verfügbar sein sollen, wäre mit mindestens fünf Monaten Umstellungszeit zu rechnen.

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Am schwierigsten wäre die Abwicklung für Stammkunden, die ihre Tickets bereits im Voraus bezahlt haben – zum Beispiel Jahreskarteninhaber. Bekommen sie Geld zurück – und wie schnell wäre das möglich? „Klar ist, dass für die Erstattung ein großer Aufwand erforderlich wäre“, hieß es am Freitag in der Berliner Nahverkehrsbranche. In diesem Bereich sei erst recht noch kein umsetzbares Konzept in Sicht, hieß es.

Der Berliner Fahrgastverband IGEB bezeichnete das Projekt „Neun-Euro-Monatstickets für insgesamt 90 Tage („9 für 90“) als historische Chance für den öffentlichen Nahverkehr und damit für die Verkehrswende ebenso wie für den Klimaschutz.

Fahrgastverband: eine historische Chance

Es könne und müsse gelingen, die vorhandenen Abonnenten zu halten, die durch die Corona-Pandemie verlorenen Stammkunden zurückzugewinnen und neue Kundengruppen zu erschließen, sagten der Vereinsvorsitzende Christfried Tschepe und Sprecher Jens Wieseke. „9 für 90“ müsse die größte Werbekampagne aller Zeiten für den öffentlichen Nahverkehr werden, finanziert vom Bund, hieß es. „Während der 90 Tage muss überlegt werden, wie es danach weitergeht. Der Klimaschutz und der schreckliche Krieg verpflichten uns gleichermaßen, endlich auch im Verkehr weniger Energie zu verbrauchen. Das gelingt nur, wenn dauerhaft weniger Auto gefahren wird und mehr Menschen auf Bahnen und Busse und das Fahrrad umsteigen.“

Der starke Anstieg der Energiepreise trifft auch die Nahverkehrsunternehmen in Berlin und Brandenburg. Erste Rufe nach einer Tariferhöhung im VBB wurden laut, erfuhr die Berliner Zeitung. Der Preissteigerungsindex, der dazu dient, mögliche Anpassungen zu begründen, liegt erstmals über fünf Prozent, hieß es. Nun werde an einer genauen Berechnung gearbeitet, die am 19. April im Aufsichtsrat präsentiert werden soll.

Beobachter schließen nicht aus, dass eine Fahrpreiserhöhung erforderlich ist – aber frühestens zum 1. Januar 2023. Klar sei auch, dass auch bei der nächsten Tarifanhebung Abo- und andere Stammkunden möglichst wenig belastet werden sollen. Käufer von Einzelfahrscheinen sowie andere Gelegenheitskunden müssten mit prozentual größeren Preissteigerungen rechnen.

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