Michael Scholz bereitet ein Präventionsportal für Crystal-Meth-Abhängige vor. Foto: Gerd Engelsmann

Die gefährliche Droge Crystal Meth erlebte vor Jahren einen riesigen Hype – heute wird gefühlt viel weniger über ihren Konsum und die Folgen gesprochen. Doch die Probleme sind noch lange nicht verschwunden. Der Berliner Michael Scholz (33) will Abhängigen helfen. Und dafür ein neues Präventions-Portal ins Leben rufen.  

„Abfahrt“ heißt das Projekt, das zunächst vor allem Menschen im Süden Brandenburgs helfen soll. Denn hier ist, sagt Scholz, Crystal Meth weit verbreitet. „Ich komme aus der Region, aus dem Dorf Allmosen, einem Ortsteil von Großräschen – und musste miterleben, wie leicht Menschen durch Drogenkonsum auf die schiefe Bahn geraten“, erzählt er dem KURIER. „Das fing schon in der Schule an: Freunde experimentierten damit, aber was als Spaß begann, endete für einige mit Abhängigkeit.“

Bekannte seien in Verkaufsstrukturen gerutscht und selbst zu Dealern für Cannabis, psychoaktive Pilze und Speed geworden, um leichter an die Stoffe zu kommen. Andere Freunde konsumierten Crystal Meth, wurden abhängig. „Einen kannte ich  gut, wir spielten zusammen Fußball. Er konsumierte auch vor oder zwischen den Fußballspielen. Mittlerweile ist er aber clean.“ Ein anderer Freund, den Scholz aus Kindertagen kannte, machte durch seinen Konsum Schulden, tauchte später unter. „Wahrscheinlich ist er noch immer abhängig.“

Die Droge Crystal Meth macht schnell abhängig. Bei Einsteigern reicht eine geringe Menge für einen tagelangen Rausch. Foto: dpa

Die Gründe für die Situation in der Region liegen laut Scholz vor allem in der Nähe zur tschechischen Grenze – in dem Land wird die Droge in illegalen Laboren hergestellt. Bayern, Sachsen und der Süden Brandenburgs liegen im Wirkungskreis. „Außerdem ist die Droge günstig zu bekommen. Und im Vergleich zu Speed oder Kokain reichen kleine Mengen, damit der Erstkonsument tagelang einen Rausch erlebt.“ Die Kliniken in der Region seien mit der Welle, die vor Jahren nach Ostdeutschland schwappte, regelrecht überfordert gewesen.

Auch heute ist das Problem aktuell: Erst im Mai 2020 gelang dem brandenburgischen LKA der bisher größte Crystal-Meth-Fund der Region. 10 Kilogramm der Droge wurden sichergestellt, Marktwerk rund eine Million Euro. Und in einem Bericht der Lausitzer Rundschau berichtet Dr. Karsten Wolff vom Senftenberger Klinikum Niederlausitz von steigenden Zahlen. 2014 habe sein Team 35 Fälle von Suchterkrankungen behandelt, davon 95 Prozent Crystal-Meth-Fälle. 2019 seien es 142, 2020 insgesamt 136 Fälle gewesen.

In Arztpraxen liegen staubige Flugblätter mit Hilfsangeboten, die nur selten erneuert werden. Die guten Projekte im Netz sind in anderen Regionen zuhause.

Michael Scholz, Gründer der Plattform „Abfahrt“

Scholz interessierte sich für die Auswirkungen des Konsums – und stellte schnell fest, dass gute Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen fehlten. „In Arztpraxen liegen staubige Flugblätter mit Hilfsangeboten, die nur selten erneuert werden. Die guten Projekte im Netz sind in anderen Regionen zuhause“, sagt er. Viele Süchtige hätten keine Idee, an wen sie sich wenden können. „Ich hatte Kontakt mit Abhängigen, die sagten: Wenn die Polizei mit dem Drogenkoffer in die Schule kam, hatte das kaum Einfluss. Anders sei es gewesen, wenn sie mit Leuten sprachen, die wirklich abhängig waren. Denn die wussten, wovon sie sprachen.“

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Scholz wollte ein eigenes Präventionsportal gründen, dafür mit Menschen zusammenarbeiten, die selbst Erfahrungen mit Crystal Meth sammelten. Er verband sich mit Kliniken, sprach mit Experten und Patienten. Machte die Droge zum Thema seiner Masterarbeit im Design-Studium in Hamburg. So entstand „Abfahrt“, ein Präventionsportal für Südbrandenburg, das sich nun der Realisierung nähert. Neben Erfahrungsberichten von Abhängigen und Hilfsangeboten soll es auch einen Notruf-Knopf geben, der 24 Stunden erreichbar ist – wer Hilfe sucht, wird mit dem richtigen Ansprechpartner, beispielsweise in einem Krankenhaus, verbunden.

Derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne für das Projekt. Foto: Gerd Engelsmann

Momentan sammelt Scholz dafür Spenden über eine Crowdfunding-Kampagne, knapp 2000 Euro kamen schon zusammen. Doch auch falls das Geld nicht zusammenkommen sollte, will er an dem Projekt festhalten. „Ich will etwas für die Region tun und eine Hilfsmöglichkeit für Betroffene schaffen“, sagt er. Denn Menschen, die Crystal Meth konsumieren, berichten nur kurz von der positiven Wirkung. Danach gehe es oft darum, wie schnell die Sucht in einem Strudel endet. „Sie rutschen ab, verlieren den Job, den Führerschein, machen Schulden. Werbekampagnen, die Süchtige als Zombies darstellen, helfen da wenig.“

Infos: www.startnext.com/crystal-in-brandenburg