Alt und Jung unter einem Dach in einem ehemaligen Konsum
Volkmar Otto 

Der alte Konsum in Wachow bei Nauen hat schon viel mitgemacht. Vor der Wende war er Dorfmittelpunkt, danach Tante-Emma-Laden, zuletzt „Siggis Fundgrube“. Dass nach Schnitzeln, Schlüpfern, Schuhen und Satellitenschüsseln jetzt mit einer Senioren-WG im Erdgeschoss noch einmal neues Leben in das alte Haus einzieht, ist für alle ein Gewinn. Viele, die früher hier einkauften, haben im Konsum nun ein neues Zuhause gefunden.

Alte Menschen verpflanzt man nicht, heißt es. Wie ein Baum, der Wurzeln geschlagen hat, wollen viele Menschen im Alter in der Region bleiben, in der sie schon immer ihren Lebensmittelpunkt hatten. Auch und gerade wenn sie  in den eigenen vier Wänden zusehends mehr Unterstützung brauchen oder ein Umzug in ein Seniorenheim anstehen würde.

Der Wachower Konsum ist eine von mittlerweile fünf Senioren-WGs in der Region um Nauen. Die Gemeinschaftswerk Wohnen und Pflege GmbH hat sie mitinitiiert und stand Siegfried Usarek, dem Besitzer des Hauses, beim Umbau zur Seite. Die neuen Mieterinnen und Mieter in der WG unterstützt der Pflegedienst mit ambulanten Pflegeleistungen.

Mieter leben selbstbestimmt, aber mit Hilfe

Als wir an einem regnerischen Donnerstagvormittag die Treppe zum ehemaligen Konsum hochsteigen, werden wir von Charly begrüßt. Der Hund gehört Siegfried Usarek, der gleich nebenan lebt. Im großen Wohnzimmer für alle acht Mieter läuft das Radio, eine Hansi-Hinterseer-CD liegt bereit, auf dem Tisch steht Eierlikör im Waffelbecher. Edmund Neumann und Jutta Swistun sind gerade bei einer Partie Rommé.

In der Küche werkelt derweil Erika Pfeiffer. Heute soll es Hackbraten geben. Das haben die Mieter in ihrer vierzehntägigen Besprechungs- und Planungsrunde so festgelegt. Pflegekräfte gehen regelmäßig nach den Wünschen der Mieter einkaufen und helfen dabei, den Alltag zu organisieren. In der Senioren-WG sind immer zwei Pflegerinnen vor Ort, immer die gleichen Vertrauten kommen auf ihrer Tour hierher, um die Mieter in ihrem Alltag zu unterstützen.

In der Küche wirken und beim Kochen helfen ist für die WG-Mieter selbstverständlich.

Volkmar Otto 

Was die WG-Bewohner selbst machen können, machen sie selbst. Kartoffeln schälen, abwaschen, Tisch decken. „Wir wollen hier die Fähigkeiten des Mieters erhalten und erweitern“, sagt Pflegekraft Bärbel Schener. Und auch lachen und tanzen wollen sie hier, sagt sie, und organisiert auch schon mal eine Schlagerparty mit Schnittchen, wie in einer Studenten-WG. „Ich pflege so, wie ich später auch selbst gepflegt werden will“, sagt die 60-Jährige. Das sei der Schlüssel zu allem Tun.

Edmund Neumann beim Kartenspiel im gemeinschaftlichen Wohnzimmer

Volkmar Otto 

Dass es hier so harmonisch zugeht, liegt teils daran, dass sich die Mitbewohner schon von früher kennen. Im Wachower Konsum leben ehemalige LPG-Kollegen unter einem Dach zusammen. Drei der Mieter leben mit demenziellen Veränderungen. Und auch an ihre Bedürfnisse wurde beim Umbau gedacht. Zimmer mit großen Fenstern bieten Orientierung  für demenziell Erkrankte. So können sie viel sehen und haben ein Gefühl für die Jahres- und Tageszeit. Eine Besonderheit der Senioren-Wohngemeinschaft ist ihr Schnitt. „Sie ist innen so gebaut, dass Mieterinnen und Mieter Runden drehen können. Für Menschen mit Demenz ist das extrem wichtig. Sie haben eine Hin- und Weglauf-Tendenz. In der WG in Wachow passiert es nicht, dass sie plötzlich vor einer Flurwand stehen und nicht wissen, wohin mit sich“, sagt Anja Reinbothe-Occhipinti, die Sprecherin der Gemeinschaftswerke.

Eigene Möbel in die Senioren-WG mitbringen ist erwünscht

In den Zimmern haben die Mieter ihre eigenen Möbel aufgestellt, auch im gemeinschaftlichen Wohnzimmer ist Platz für die eigenen Sofas und Schränkchen. „Das schafft Bezüge zu ihrem früheren Zuhause“, weiß Martina Müller von der Fachstelle Demenz bei den Gemeinschaftswerken. Auch dass Angehörige zum Basteln oder zu Feiern kommen und je nach Möglichkeit Teile des Pflegeprogramms übernehmen, trägt zur familiären Atmosphäre bei. Auch Siegfried Usarek ist ebenfalls öfter im Haus, nicht nur als Besitzer, sondern auch weil der eigene Onkel mittlerweile hier lebt.

In den Zimmern der WG-Mieter sind die eigenen Möbel aufgestellt. Frau Stebner liest in ihrem Sessel Zeitung.

Volkmar Otto 

„Nach der Wende liefen die Geschäfte in der ehemaligen Fundgrube gut“, erinnert sich Usarek an die Vergangenheit des Hauses. „Es gab ja nichts. Auch noch keine Discounter oder wenn, dann nur sehr wenige. Von Toaster bis Turnschuhe, von Goldschmuck bis Satellitenschüssel war in seiner Fundgrube alles zu bekommen, meint er: „Heutzutage arbeiten die meisten Leute auswärts und kaufen gleich dort ein“, sagt Usarek.

Als immer weniger Menschen in „Siggis Fundgrube“ kamen, machte Siegfried Usarek den Laden dicht und überlegte, was man stattdessen damit anfangen könnte. „Eine Senioren-WG finde ich eine gute Sache“, sagt er.

Aus Konsum-Verkaufsraum wurden barrierefreie Zimmer

Und so wurden aus dem großen Verkaufsraum, der einst durch die Konsumgenossenschaft Cottbus bespielt wurde, acht barrierefreie Zimmer. Drei Bäder, Toiletten, eine Küche mit großer Fensterfront sowie Veranda und Wohnzimmer wurden eingebaut. Wo sich heute die Gemeinschaftsküche befindet, war früher die Lieferrampe des Konsums.

Der ehemalige Konsum von Wachow ist gelebte Inklusion: Oben im Haus sind drei Mietwohnungen untergebracht, in denen unter anderem Familien wohnen, im Erdgeschoss leben die Senioren und mit der Kita nebenan sind gemeinsame Aktionen geplant.

Ein Laternenumzug, Drachen steigen lassen. Hauptsache Alt und Jung begegnen sich. „Die Kinder kommen in den Raum und die Mieter lächeln“, sagt Pflegedienstleiterin Jenny Neumann.

Bärbel Schener, Jenny Neumann und Martina Müller kümmern sich um die Senioren in Wachow.

Volkmar Otto 

In zehn Jahren fehlen 500.000 Pflegekräfte, es ist höchste Zeit, sich nach alternativen Wohnformen wie Senioren-Wohngemeinschaften umzusehen, genauso wie nach Netzwerken und praktikablen Lösungen für eine bessere Pflege. „Jeder hat Eltern, Großeltern, die älter werden und weiterhin selbstbestimmt in ihrem eigenen Zuhause und integriert in die Gemeinschaft leben möchten“, sagt Anja Reinbothe-Occhipinti, die Pressesprecherin der Gemeinschaftswerke. Der ambulante Pflegedienst begleitet mittlerweile in kleinen, sich selbst organisierenden Teams 2500 Seniorinnen und Senioren im Havelland, in Spandau, Potsdam, in weiteren Regionen Brandenburgs und auch Stendal (Sachsen-Anhalt).

Auf acht Mieter in der Senioren-WG kommen zwei Pflegekräfte, die sich intensiv um die Mieter kümmern.
Volkmar Otto

Info: Die Nachfrage nach WGs für Senioren steigt stetig. Etwa 400 bis 550 Euro Miete werden in Wachow für ein Zimmer fällig. Dazu kommen 2000 bis 4500 Euro an Kosten für die Pflege, von denen die Kasse etwa die Hälfte übernimmt. Im Schnitt zahlt jeder Mieter zwischen 2000 bis 2500 Euro monatlich. So viel müssen Seniorinnen und Senioren allerdings auch in einer stationären Einrichtung einkalkulieren, wo der Betreuungsschlüssel oft deutlich niedriger liegt.