DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht bei einer Rede, die er 1970 hielt. Ein Jahr später wurde er entmachtet. Foto: dpa

„Spitzbart“ nannte man ihn spöttisch. Walter Ulbricht (1893–1973), unter dessen Herrschaft 1961 die Mauer gebaut wurde, obwohl er zuvor behauptete, dass dies niemand vorhatte. Die Lüge des DDR-Staatschefs ging in die Geschichte ein. Doch was war er für ein Mensch? Der Schweizer Manager Florian Heyden (40) ging auf Spurensuche. Es entstand ein sehr persönliches Buch. Denn Heyden ist einer von Ulbrichts Urenkeln.

Den Urgroßvater, der gerne wanderte, nicht rauchte oder trank, hat er nie kennengelernt. Als Heyden geboren wurde, war Ulbricht bereits seit sieben Jahren tot. In der Familie wurde kaum über ihn gesprochen. Für sein Buch „Walter Ulbricht – Mein Urgroßvater“ (Edition Ost, 24 Euro) musste der Urenkel neben der Befragung von Angehörigen auch in deutschen, russischen und britischen Archiven recherchieren.

Heyden erzählt über den Aufstieg Ulbrichts: Vom  Tischler zum KPD-Funktionär, der als Reichstagsabgeordneter wegen Hochverrats aus Deutschland ausgebürgert wird, im Zweiten Weltkrieg im Schützengraben aufseiten der Roten Armee deutsche Soldaten zum Aufgeben aufruft. Später treibt Ulbricht den Aufbau einer sozialistischen DDR voran. Sein Leben war ein ewiger Wettkampf zwischen Privatem und Pflichterfüllung, so Heyden. Fast immer hat die Partei gewonnen.

Er ist Ulbrichts Urenkel: Manager Florian Heyden, der in der Schweiz lebt. Foto: dpa

Dennoch: Drei Frauen, zwei Töchter, eine Adoptivtochter gehören zum Leben des Funktionärs mit der Fistelstimme als Folge einer Kehlkopferkrankung. Von seiner ersten Frau Martha trennt er sich schon 1925, in Moskau lernt er die französische Journalistin Rosa kennen. Von beiden Frauen hat er eine Tochter. Dann tritt die Kommunistin Lotte Kühn in sein Leben, sie wird später die First Lady der DDR. Die erste Ehe wird erst 1949 geschieden, das neue Ehepaar Ulbricht adoptiert eine Tochter. Es wird kein glückliches Familienleben.

Heyden verrät Details, die in der DDR nur wenige wussten. Die Ulbrichts unterstützen finanziell Ex-Frau Martha in Leipzig. Die Frauen hatten ein „vernünftiges Verhältnis“, meint der Urenkel. Der Haushalt des Politiker-Paares in Pankow wird von der Schwester Lotte Ulbrichts geführt.

Im Testament verfügt Ulbricht, dass seine damals in Frankreich lebende Tochter Rose ein Drittel seines Bankguthabens bekommt. Tochter Dora, Heydens Oma, wollte keine Unterstützung. Als sie 1947 in Lübeck heiratet, kommt Vater Walter nicht zur Hochzeit. Als Geschenk schickt er ein Klavier, das aber von britischen Alliierten konfisziert wird. Später habe Ulbricht auf Umwegen Verbindungen zu den Töchtern in Lübeck und Paris gehalten, während die Genossen seiner Partei keine Westkontakte haben durften.

Die Verbindung Ulbrichts zu seinem Bruder in den USA und zu seiner Schwester in Bad Segeberg lagen auf Eis, man habe sich nichts zu sagen gehabt. Zudem sei Ulbricht im Westen ein gehasster Mann gewesen, schreibt Heyden. Und so wurde aus „Gründen des Selbstschutzes“ die Verwandtschaft verschwiegen.