Schwer vermummt kam Tilo P. (39) zu seinem Prozess.
Schwer vermummt kam Tilo P. (39) zu seinem Prozess. Pressefoto Wagner

Gepöbelt und geprügelt: Neonazi und Ex-AfDler Tilo P. (39) überraschte den Richter mit einem Geständnis und kam frei. Er wurde als einer der beiden Hauptverdächtigen in der rechtsextremen Anschlagsserie in Neukölln bekannt. Die umfasst rund 70 Straftaten von 2016 bis März 2019, darunter viele Brandstiftungen. Verhaftet allerdings wurde P. nach Gewalt im Straßenverkehr in Steglitz. Das Opfer: Ein Taxifahrer (56) mit jordanischen Wurzeln. Der Fall wurde nun verhandelt – es ging um gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, verbotenes Kraftfahrzeugrennen.

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Der 3. November 2021 gegen 19.30 Uhr. P. hatten seinen VW Golf gestoppt. Für andere Autofahrer war kein Vorbeikommen möglich. Der Taxifahrer: „Ich wartete, hupte ich, dann sprach ich ihn an.“ Mit im Wagen von P. saß Dennis S. (34), der nun mit P. vor Gericht stand. Er soll zuerst gebrüllt haben: „Halt die Fresse“. Erst ein Schubser, dann schlug P. mit einem Schlagstock gegen den Oberschenkel des Taxifahrers, machte sich danach aus dem Staub.

Der Taxifahrer wollte die Polizei rufen – „das klappte nicht, ich sollte eine Internet-Anzeige machen“. Nur Minuten später entdeckte er im Straßenverkehr den Wagen des Verkehrsrüpels – „ich verfolgte ihn“. P. trat aufs Gaspedal, raste durch eine Tempo-30-Zone mit bis zu 58 km/h, bretterte dann auf dem Munsterdamm bei erlaubten 50 km/h mit bis zu Tempo 111. Weil er das Taxi nicht abschütteln konnte, stoppte er schließlich.

Fremdenfeindlich pöbelte Tilo P. „Scheiß Kanake, was ist dein Problem?“ und schlug zu

Es war 19.56 Uhr, als sie in der Berlinickestraße auf den Taxifahrer zugingen. Fremdenfeindlich habe P. gepöbelt: „Scheiß Kanake, was ist dein Problem?“ S. packte den Mann laut Anklage am Hals, versuchte ihn aus dem Wagen zu ziehen. Gleichzeitig ballte P. die Faust und schlug zu. Der Taxifahrer kurz benommen, die Unterlippe blutig, die Nase geschwollen, die Brille verbogen.

Doch der Taxifahrer wollte die Rüpel nicht entkommen lassen: „Ich stellte mich vor den Wagen.“ Ruckartig sei P. auf ihn zugefahren, habe ihn allerdings nicht verletzt.

Um 20.03 Uhr gelang P. die Flucht. Doch nur drei Tage später wurde er von der Polizei abgeführt. Dreieinhalb Monate Untersuchungshaft lagen hinter ihm, als er nun den Reuigen gab.

„Tut mir wirklich leid, was da passiert ist“, so der Neonazi und bat um Entschuldigung. Pauschal und über seinen Anwalt gestand er: „Die Vorwürfe sind in tatsächlicher Hinsicht richtig.“ Die Zeit im Knast hat Tilo P. – zwar bei der Polizei seit Jahren bekannt und im Focus als Verdächtiger in der Anschlagsserie, doch ohne Vorstrafen – angeblich mächtig beeindruckt. Der Verteidiger: „Er hat verstanden, dass er sich wie jeder andere an die Gesetze halten muss.“

Das Urteil: Anderthalb Jahre auf Bewährung, Führerscheinsperre und 1000 Euro an den Taxifahrer

Und der gelernte Maler und Lackierer will Berlin angeblich verlassen, einen Job bei seinem Bruder in Lübeck annehmen, sich um seine Familie kümmern.

Die Anklägerin forderte eineinhalb Jahre Knast, der Richter entschied auf eineinhalb Jahre auf Bewährung, außerdem Führerscheinsperre für ein Jahr und neun Monate sowie 1000 Euro an den Taxifahrer. S. erhielt acht Monate auf Bewährung.