Nelson Friedrich (11) auf dem Jakobsweg - neben ihm sein Stock Richard. Foto: privat

Frank Fiedrich (51) ist mit seinem Sohn sechs Wochen den Jakobsweg entlanggelaufen. Nelson (11) sollte sich auf sich selbst besinnen – abseits von Computer und Fernsehen. Von einem Abenteuer, als Junge Berge zu bezwingen. 

Nelson hat an jenem Tag, als sie losgingen, seinen Freund und Begleiter Richard getauft. Er lächelt, scrollt in seinem Handy durch eine üppige Bildergalerie und zeigt Fotos: „Da sind wir schon 100 Kilometer gelaufen“, sagt er stolz. Man sieht einen Jungen mit den schwarzen Locken und in einer blauen Wetterjacke am Rande eines Weges stehen. Er hat rote Backen und hält seine Stütze in der Hand. Seinen Stock Richard. „Er ist auf dem Weg irgendwann zerbrochen, da habe ich geweint und ihn beerdigt. Papa hat mir einen neuen gegeben, aber der war nicht so klasse wie Richard.“

Vater und Sohn beim Wandern, diesmal in Berlin.  Volkmar Otto

Es ist ein Nachmittag im Prenzlauer Berg. Der Berliner Frank Fiedrich und sein Sohn Nelson tragen kurze Hosen, haben Rucksäcke geschultert. Sie sind eben durch den Park gelaufen, nun sitzen sie bei einem türkischen Imbiss.

Nelson bestellt sich einen Döner, der Vater einen schwarzen Tee. Nelson legt sein Handy auf den Tisch. „Wenn wir lange gelaufen sind, habe ich oft mit Richard gesprochen. Ich habe ihm erzählt, was ich sehe oder was ich denke.“ Nelson schaut ernsthaft auf: „Er hat mir sehr viel bedeutet.“

Vor ein paar Monaten sind er und sein Vater 850 Kilometer den Jakobsweg entlanggelaufen. In den sechs Wochen durchwanderten sie bei Sonne, Regen, Nebel und Schnee die verschiedenen Regionen Nordspaniens.

Mit den wechselnden Landschaften von Navarra, Rioja, Nordkastilien und Galicien änderte sich die Stimmung, die Dynamik, die körperlichen Konditionen und die Gefühle. Vor allem das Besinnen darauf, was wichtig ist im Leben. 2019 pilgerten etwa 35 000 Menschen über den Weg, so die Statistik des Pilgerbüros von Santiago de Compostela.

Nelson trug immer seinen Rucksack dabei. „Da war mein Handy drinnen, aber ohne Sim-Karte.“ Ansonsten zwei T-Shirts, eine Hose und zwei Paar Socken. Mehr brauchte er nicht. Fünf Kilo Gepäck hatte er. „Oft haben wir es vorausgeschickt, weil es zu mühsam war, es zu tragen“, sagt der Vater.

Man braucht ein paar Tage, um runterzukommen, den Stress hinter sich zu lassen, aber irgendwann ist plötzlich alles klar.

Frank Fiedrich 

Frank Fiedrich kommt aus Thüringen, nach der Wende zog er nach Berlin. „Ich bin als Kind immer gewandert“, sagt er: „Und 1999 habe ich das erste Mal vom Jakobsweg gelesen, da wurde er gerade wieder populärer. Bei mir stand damals eine große Lebensentscheidung an, ob ich mich als Eventmanager selbstständig machen möchte oder nicht. Damals bin ich das erste Mal zum Jakobsweg. Das war die schönste Reise meines Lebens. Und natürlich die mit meinem Sohn und die Wanderrreise mit meiner 17-jährigen Tochter 300 Kilometer Camino Portugues auch im letzten Jahr."

Berge, Täler, Flüsse und Felder liegen auf dem historischen Weg. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen, neue Eindrücke und neue Bekanntschaften. Fiedrich: „Man braucht ein paar Tage, um runterzukommen, den Stress hinter sich zu lassen, aber irgendwann ist plötzlich alles klar.“ Er nennt diesen Zeitpunkt, dass alle Bücher wieder im Regal stehen. „Bücher, die sonst überall verstreut herumlagen, die man angelesen und abgelegt hatte.“ Das Wandern sei wie eine Reinigung und Klärung gewesen. Der Weg von den französischen Pyrenäen nach Santiago de Compostela bis hin zum „Ende der Welt" ist auch ein Weg zu sich selbst.

Der Berliner: „Man trifft viele Menschen, die aus den unterschiedlichsten Motiven auf dem Jakobsweg unterwegs sind. Religiösen oder auch, um sich selbst wieder nahe zu kommen.“ Oder als Lebensabschluss: „Ich habe ein 85 Jahre altes, brasilianisches Zwillingspärchen getroffen. Sie haben diese Tour als Abschluss ihres Lebens unternommen. Die Enkel waren dabei. Die Neffen. Das war sehr berührend.“ Dann habe er ein Pärchen aus Mallorca auf seinem Weg kennengelernt – für die war es der Anfang ihres gemeinsamen Lebens. Warum läufst Du den Weg, fragten sich alle untereinander. „Die Motive konnten nicht unterschiedlicher sein“, sagt Frank Fiedrich.

Der Camino gibt dir, was du brauchst, nicht was du suchst - so heißt es.

Ich habe es nachher gar nicht mehr bemerkt, ich bin einfach gelaufen.

Nelson Fiedrich über seinen Marsch auf dem Jakobsweg 

Nelson schreibt am ersten Tag nach seinem Acht-Kilometer-Marsch in sein Tagebuch: „Ich fand den Tag sehr gut. Er war sehr anstrengend, weil wir nur bergauf gegangen sind.“ Er fügt hinzu: „Wir haben sogar neue Freunde kennengelernt.“ Am fünften Tag laufen sie 22 Kilometer und der Junge beschreibt es als „ein bisschen anstrengend“. Aber abends habe er Tischtennis gespielt. Die nächsten Tage wandert er immer um die 22, 23 Kilometer, manchmal sogar 30. „Ich habe es nachher gar nicht mehr bemerkt, bin einfach gelaufen“, sagt er. Oft hörte er dabei Musik oder Hörspiele. Oder er redet mit Menschen, die ihren Weg kreuzen. Oder mit seinem Vater.

Waren viele in seinem Alter unterwegs? Er antwortet nicht ohne Stolz: „Manchmal, aber ich war der einzige, der alle Kilometer an einem Stück geschafft hat.“

Die Konversation ist oft naturbezogen, ob sie es noch bis zur nächsten Unterkunft schaffen, bis der Regen kommt. Oder dass die Hitze ganz schön doll ist. Computer, Handy und all das andere, das Kinder wie Nelson sonst so beschäftigen, sind Nebensache. „Das fand ich bemerkenswert“, sagt Frank Fiedrich, der hinzufügt: „Er ist sehr viel reifer zurückgekommen. Viel erwachsener.“

Nelson lächelt, kontert, er habe keine Veränderung feststellen können. Er erntet ein väterliches Nicken: „Jetzt noch nicht.“ Als er seinen Sohn mitteilte, mit ihm auf große Pyrenäen-Tour zu gehen, wollte er, dass sein Junge neben Schule, der digitalen Welt samt Computer, Spiele und Chats noch andere Seiten des Lebens kennenlernt. Dass Nelson mehr einen Bezug zu sich selbst herstellt und seine Muskulatur gestärkt wird. „Der Kinderarzt war begeistert von der Idee, weil mein Sohn immer so Schmerzen an den Füßen hatte.“

Der Vater ist sicher, dass der Sohn sich durch die Reise verändert hat 

Und Nelson? „Papa hat mich überrumpelt. Ich schaute gerade eine Serie, er kam rein und erklärte mir, wir gehen auf große Wandertour. Ich wollte meine Ruhe haben und sagte zu, damit ich weiter Fernsehen gucken kann.“ Das nächste Mal passiere ihm das nicht. Er grinst.

Fiedrich ist sicher, dass vieles bei seinem Sohn haften geblieben ist. Er sagt: „Es macht einfach was mit einem, wenn man nur draußen ist. Das Wandern kommt unserer Natur am nächsten, man ist dafür gemacht. Es ist schade, dass wir unsere Lebenszeit so verschwenden, und nicht bei uns sind.“ Und: „Man merkt, dass man nicht so viel braucht. Dass das Beste im Leben umsonst ist. Sowie die daraus resultierende Erkenntnis, dass ich auch Durststrecken überleben und ins Ungewisse starten kann.“

Der Berliner ist 1999 nach seiner ersten Pilgerreise Eventmanager geworden. Inzwischen hat er auch dort einen Gang zurückgeschaltet und arbeitet nicht mehr für die die Konferenz- und Messewelt, sondern organisiert Wanderungen beispielsweise im Erzgebirge für gestresste Menschen – unter anderem für Professoren und Doktoranden mit dem Hasso-Plattner-Institut. „Wenn Situationen festgefahren sind, und sich ein Berg auftut, wechselt man am besten die Umgebung und bewegt sich“, sagt er. Er fügt hinzu: „Körperliche Erschöpfung, die daraus entsteht, reguliert alles, sie macht uns zufrieden und auch demütig. Danach findet man meistens Lösungen für alles.“

Nelson Friedrich und sein Tagebuch. Bei der Pilgerreise schrieb er täglich etwas über seine Erfahrungen.  Volkmar Otto 

Nelson friert. Sein Vater kramt einen Schlafsack auf dem Rucksack, der Junge wickelt sich ein. Es regnet inzwischen mehr. Die Sonne ist weg. „Schlechtes Wetter macht mir nichts mehr aus“, sagt Nelson. Als sie pilgerten, fanden sie eines Abends keine Unterkunft. Fiedrich: „Einer hatte Mitleid und bot uns seinen Keller an. Dort war es bitterkalt, aber wir hatten ja unsere Schlafsäcke.“ Nelson nickt. „Und wir haben ganz großartige Menschen kennengelernt.“ Einmal trafen sie auf Japaner, die nicht mehr ihr Gepäck tragen konnten. „Wir haben ihnen geholfen.“ Abends schlief Nelson wie ein Stein. Sein Vater: „Die Japaner sind an sein Bett gekommen und haben gesagt, nun sei er einer von ihnen.“ Nelson: „Ich habe viel gelernt. Koreanisch zum Beispiel. Ein bisschen jedenfalls.“

Heute geht er immer noch gerne raus in die Natur. „Ich spiele viel Basketball, und ich laufe nach wie vor gerne.“ Er möge allerdings keine Ein-Tages-Märsche. „Die sind langweilig. Wenn dann lange Strecken.“ Er zückt wieder sein Handy. „Das hat Papa mir geschenkt – sozusagen als Belohnung.“