Die sanierte Neue Nationalgalerie, von Westen über den Skulpturengarten gesehen. Foto: Simon Menges

Der Stolz klingt aus jedem Wort von Heinz Oeter: „Der Stahlbau war das einzige Teil, das jetzt nicht wirklich saniert werden musste.“ Der Diplom-Ingenieur, stattliche 86 Jahre alt, spricht von der Neuen Nationalgalerie. Bei deren Errichtung war er von Oktober 1966 bis April 1967 Bauleiter für den Stahlbau durch die Firma Krupp-Druckenmüller und damit auch für das gewaltige Dach verantwortlich, das auf nur acht stählernen Säulen ruht.

Heinz Oeter  hat seine Stahlbau-Arbeit an der Neuen Nationalgalerie künstlerisch in einem Gemälde verarbeitet. Foto: Sabine Gudath

Die Sanierung des 1965 bis 1968 errichteten Werks des Architekten Mies van der Rohe ist jetzt abgeschlossen, am Donnerstag findet die coronabedingt virtuelle Schlüsselübergabe an die Staatlichen Museen zu Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz statt. Und obwohl seit 2015 an dem Haus mit der großen Halle und den darunter liegenden eigentlichen Ausstellungsräumen gebaut worden war, sieht es fast so aus wie bei der Eröffnung 1968. Dabei hat die Sanierung unter Federführung des Architekten David Chipperfield und des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung 140 Millionen Euro gekostet.

Das Stahldach vor dem Hochhieven 1967 Heinz Oeter

Viel Geld floss vor allem in die Reparatur des schadhaften Betons, wie Heinz Oeter etwas spöttisch berichtet und auf das nicht immer liebevolle Verhältnis von Stahl- und Betonbauern hinweist. So war es ihm am 5. April 1967 ein innerer Vorbeimarsch, als das 1200 Tonnen schwere Stahldach über neun Stunden lang von 24 Hebern hochgehoben wurde, während Betonbauer nebenan in der Philharmonie einen Kongress abhielten.

Foto: Heinz Oeter
Der Architekt

Mies van der Rohe, 1886 in Aachen geboren, war von 1930 an Direktor der staatlichen Kunstschule „Bauhaus“ in Dessau. 1932 wechselte sie als Privatschule nach Berlin, weil Dessau nicht mehr zahlte. 1933 schloss Mies van der Rohe das Bauhaus auf Druck der Nazis. Trotz zeitweiliger Anbiederung an die Machthaber wurde er ausgegrenzt und ging 1938 nach Chicago, wo er Architektur lehrte und ein Büro gründete. 1944 nahm er die US-Staatsbürgerschaft an. Seine nüchternen Bauten, darunter Hochhäuser, sind durch den Einsatz von Stahl und große Glasflächen gekennzeichnet. 1969 ist er in Chicago gestorben, hat die fertige Neue Nationalgalerie wegen Krankheit und Gehbehinderung nicht besuchen können. Zuletzt sah er sie beim Richtfest im April 1968 (Foto).

Ein Vorfall bei der Dachmontage würde Arbeitssicherheits-Experten heute die Haare zu Berge stehen lassen. Als das 4200 Quadratmeter messende Trumm erst drei Meter hochgehoben war (am Ende war die Halle innen 8,40, insgesamt 10,40 Meter hoch), geschah etwas ziemlich Verbotenes: Mies van der Rohe ließ sich von seinem Enkel, dem Architekten Dirk Lohan, der ihn bei den Bauarbeiten vertrat, im Mercedes darunter fahren. Der Dresdener Oeter, der erst 1964 mit seiner Freundin und heutigen Ehefrau Eva Maria (79) aus der DDR geflüchtet war: „Er wollte sehen, wie der von ihm entworfene Raum wirkte.“

1967 ließ sich der Architekt Mies van der Rohe mit dem Mercedes unter das schwebende Dach der Neuen Nationalgalerie fahren. Foto: Heinz Oeter

Natürlich hätten auch die damaligen Sicherheitsvorschriften das eigentlich nicht zugelassen, aber „wir haben es einfach erlaubt.“ Niemand hätte es Mies auch verbieten wollen.

Zwischen 1966 und 1967 waren 22 Schweißer am Stahlbau der Neuen Nationalgalerie beteiligt. Foto: Heinz Oeter

Beim Richtfest am 12. April 1967 dankte Mies „den Betonfritzen, den Granitleuten, den Stahlleuten und den Konstrukteuren, die eine so feine Lösung für eine so komplizierte Aufgabe gefunden haben. Und auch die Begeisterung, mit der hier gearbeitet wird, war mir unbekannt, obwohl ich bestimmt schon manchen Bau sah.“

Foto: Archiv Neue Nationalgalerie, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Reinhard Friedrich
Das Projekt

Der Berliner Bausenator Rolf Schwedler (SPD) und Senatsbaudirektor Werner Düttmann bearbeiteten Mies van der Rohe über Jahre hinweg, er möge in Berlin etwas bauen, boten ihm drei Projekte an. Er entschied sich für den Bau eines Museums, ohne dass am Anfang klar war, was hinein sollte. Das Gebäude beruht auf einem nicht verwirklichten Entwurf für die Zentrale des Rum-Unternehmens Bacardi auf Kuba. 1962 erhielt der Architekt den offiziellen Bauauftrag, im September 1965 war Grundsteinlegung, und am 15. September 1968 wurde die Neue Nationalgalerie eröffnet. 

Oeter, der bis 1997 Geschäftsführer bei Krupp war, kann da nur beipflichten, weil er bis auf die gefährliche Mercedesfahrt keine Pannen-Anekdoten vom Bau zu erzählen hat: „Am auffälligsten war, dass alles reibungslos geklappt hat.“ Ob das heute noch so wäre, zieht er in Zweifel: „In der Berliner Bauverwaltung, mit der wir zusammengearbeitet hatten, gab es damals noch echte Fachleute.“ Jetzt nicht mehr, weil frei werdende Stellen nicht mehr mit Profis besetzt worden seien.

Vor der Wiedereröffnung werden innen die Scheiben geputzt. Foto: Gerhard Lehrke

Doch bei allem Lob für die Leistung von damals: Das Gebäude kam in die Jahre, von 2009 an wurde eine Schadensaufnahme gemacht. Es musste unter anderem Asbest beseitigt werden, alle Steinplatten des Sockels und des Skulpturenhofs wurden demontiert, die Fußbodenheizung ersetzt und um Kühlung ergänzt, die Klimatechnik erneuert. Zwei Depots im Untergeschoss wurden in eine große Garderobe und einen Museumsladen verwandelt, Gemälde- und Skulpturen werden künftig in neuen Räumen unter der Terrasse zur Potsdamer Straße hin aufbewahrt. Von der Halle führt jetzt ein Personenaufzug in das Untergeschoss, außen macht eine Rampe Rollstuhlfahrern den Zugang möglich.

Viel Mühe machte vor allem auch die Glasfassade der quadratischen Halle mit 50 Meter Seitenlänge, die vom Dach (65 Meter) überragt wird. Ursprünglich aus einfachen Guss-Scheiben bestehend, konnte nur noch ein chinesisches Unternehmen Glas in den benötigten Riesen-Maßen (3,43 x 5,60 Meter) produzieren.

Die große Halle mit den erhaltenen Eichen-Garderoben. Die mit Marmor verkleideten Pfeiler hinten enthalten Leitungen und sind keine Dachstützen. Foto: Simon Menges

Der Architekt Arne Maibohm (44) vom Bundesamt, Projektleiter der Sanierung: „Die vier Glasfassaden veränderten ihre Länge je nach Außentemperatur um bis zu sechs Zentimeter.“ Deshalb zersprangen einige Scheiben, und wenn einer der Skater, die gern um die Halle herumfuhren, in eine hineingestürzt wäre, hätte Lebensgefahr bestanden: Die Scheiben konnten brechen und Teile wie das Beil einer Guillotine herunterfallen.

Foto: Christian Martin
Die Sanierung

Rund 120 Firmen waren und sind an der Sanierung und der Neueinrichtung der Neuen Nationalgalerie beteiligt, sagt Projektleiter Arne Maibohm. Zunächst waren rund 1400 Kunstwerke ausgelagert worden, dann folgten 35.000 Bauteile, die wie diese 14.000 Bodenplatten einzeln erfasst, gelagert, gegebenenfalls ersetzt und dann wieder am alten Ort eingesetzt wurden. 500 Schweißnähte – nicht am Dach – wurden saniert, 1600 Quadratmeter neue Glasscheiben eingebaut. Die 800 Deckenleuchten wurden auf LEDs umgerüstet, in den Toiletten wurden die alten Waschbecken beibehalten und zum Teil nachgefertigt. Die Nutzfläche wuchs um 900 auf 9200 Quadratmeter. 

Jetzt ist das Haus mit einem Verbund-Sicherheitsglas ähnlich einer Windschutzscheibe versehen, und einige Stahlrahmen sind so als „Dehnpfosten“ konstruiert, dass sich das Glas bei Hitze ausdehnen kann, ohne zu bersten.

Bei einer Firma im Emsland wurden spezielle Düsen entwickelt, die mit einem Luftstrom vom Boden aus dafür sorgen, dass die Scheiben bei Kälte nicht mehr beschlagen.

Im Skulpturengarten blühen die Bäume Foto: Gerhard Lehrke

Für den Architekten David Chipperfield (67) war die Arbeit vor allem deshalb eine Herausforderung, weil man sie am Ende nicht wahrnehmen sollte: „Ein Gebäude von solch unantastbarer Autorität zu zerlegen war eine merkwürdige Erfahrung, aber ein Privileg. (…) Hinter die Fassade der Neuen Nationalgalerie zu blicken hat ihre Genialität und zugleich ihre Mängel offenbart, jedoch meine Bewunderung für Mies‘ Vision nur verstärkt. Unsere Arbeit war daher von chirurgischer Natur. Sie befasste sich mit technischen Belangen, um seine Vision zu schützen. Ein solches Unterfangen (…) ist einschüchternd, aber wir hoffen den Patienten dem Anschein nach unberührt entlassen zu haben – nur in viel besserem Zustand.“

Die noch leeren Ausstellungsräume im Untergeschoss. Foto: Simon Menges

Voraussichtlich vom 28. bis 30. Mai können sich die Berliner bei Tagen der Offenen Tür davon überzeugen. Vom 22. August an sollen dann wieder die Werke der Moderne gezeigt werden, begleitet von einer Sonderausstellung von teilweise beweglichen Werken (Mobiles) des US-Bildhauers Alexander Calder (1898-1976) in der großen Halle.