Der Blog pattydoo ist bekannt für seine anfängerfreundlichen Nähanleitungen, die als Videos viele Tausend Nutzer begeistern. Foto:  Pattydoo

Eine halbe Million Nutzer verirren sich monatlich auf „pattydoo.de“, den größten deutschen Näh-Blog. Wobei verirren eher sprichwörtlich gemeint ist. Wer einmal nach Pattydoo genäht hat, ist von der Professionalität begeistert und kommt wieder. Wirklich verirren kann sich indes, wer versucht, das Gesicht von Pattydoo, nämlich Ina Fischer (40), in Berlin in ihrem Büro zu besuchen. Wobei das alte Bürogebäude in Charlottenburg seinen Charme hat. Auf zwei Etagen arbeiten hier neben Ina und ihrem Partner Christian Jähnel (42) mittlerweile zwölf Angestellte. Was Pattydoo so erfolgreich macht und wo Ina am liebsten Stoffe shoppt, verraten sie und Christian im Interview.

Berliner KURIER: Pattydoo ist der erfolgreichste deutsche Näh-Blog. Was macht euch so einzigartig?

Christian Jähnel: Wir bekommen sehr oft das Feedback, dass Menschen mit uns das Nähen gelernt haben. Schon Kinder versuchen mit unseren ausführlichen Näh-Videoanleitungen, ihre ersten Taschen zu nähen. Das Praktische ist, dass heutzutage fast jeder ein Smartphone hat. Wenn man das Handy neben die Nähmaschine legt, kann man mit den Anleitungs-Videos alle unsere Schnitte Schritt für Schritt nachnähen.

Auch der Preis spielt sicherlich eine Rolle. Mit 2,99 Euro pro Schnitt liegt ihr deutlich unter dem Durchschnitt.

Christian: Die Schnittmuster bei uns im Onlineshop kann man als E-Books sofort herunterladen und zu Hause ausdrucken. Ein PDF-Schnittmuster ist ein Digitalprodukt. Ein Song auf iTunes kostet auch nur einen Euro. Für ein digitales Produkt fünf bis acht Euro zu nehmen, finde ich zu viel. Das würde ich auch nicht ausgeben. Ich denke, die meisten Menschen kaufen lieber drei Schnittmuster für je drei Euro als nur eines für acht Euro.

Ina Fischer: Der Unterschied ist: Der Preis ist bei uns nicht die Hemmschwelle. Für drei Euro nimmt man auch mal ein Schnittmuster mit, das dann möglicherweise etwas länger auf seinen Einsatz warten muss. Das ist bei Stoffen doch oft auch so: Man kauft sie erst mal und dann liegen sie einige Zeit im Regal.

Bei euch auch?

Ina: Privat ja, in unserem Nähatelier ist das Lager überschaubar. Das hat auch einen einfachen Grund. Wenn wir mit einem neuen Schnitt herauskommen und Nähbeispiele dazu zeigen, möchten die Leute sie genau so nachnähen. Daher sollte der Stoff möglichst „frisch“, also auch erhältlich sein.

Christian: Vor einigen Wochen habe ich gelesen, dass die Ikea-Inhaber sagen, sie hätten die Möbelbranche demokratisiert. Mit schönen Sachen, die sich jeder leisten kann, erreicht man ganz viele Leute. So ähnlich ist das bei uns wohl auch. Mit uns kann sich jeder leisten zu nähen.

Ina Fischer und Christian Jähnel sind die Gründer des erfolgreichsten deutschen Näh-Blogs Pattydoo. Foto: Pattydoo

Womit hängt der Näh-Boom noch zusammen?

Ina: Die Leute hängen vor dem Smartphone und lassen sich berauschen. Aber wenn du einmal etwas selber genäht hast und das dann fertig in den Händen hältst – das ist ein ganz besonderes Gefühl. Man schafft etwas, das eben nicht nur digital existiert, sondern ganz real. Mir geht das auch immer noch so: Ich nähe eine Tasche und dann kommt der große Moment des Wendens. Und ich denke einfach nur: Cool! Und viele Hobbynäher verschenken auch gern Selbstgenähtes.

Du auch?

Ina: Ja, natürlich. Bei uns im Pattydoo-Atelier werden so viele Sachen genäht, dass ich die gar nicht alle behalten kann und deshalb gerne mal verschenke. Um aber speziell etwas für jemand Bestimmten als Geschenk zu nähen, dazu fehlt mir leider die Zeit. Nähen ist zum Beruf geworden, Zeit für das Hobby Nähen habe ich kaum – wenn, dann nähe ich meist doch was für Pattydoo.

Nähst du denn im Berufsalltag tatsächlich viel?

Ina: Nein, meine Arbeit bei Pattydoo findet hauptsächlich am Computer statt. Gemeinsam mit unserem Team entwickle ich die Schnitte, erstelle die Dokumente, schreibe den wöchentlichen Newsletter, und mit Christian drehe ich die Videos. Wenn es mal ein komplizierteres Projekt ist, wie unsere Hemden im Sommer, dann nähe ich auch mal, um die Arbeitsschritte vor einem Dreh noch mal durchzugehen. Ansonsten übernimmt das Nähen unsere Schneiderin im Team.

Bist du traurig darüber?

Ina: Ja, klar. Ich würde gern mehr nähen. Aber ich bin zum Glück trotzdem ganz nah dran, verbinde mein Hobby mit dem Beruf. Wir berücksichtigen viele Ideen und Wünsche der Community, aber trotzdem steckt immer noch ganz viel Ina in den Schnitten. Die Tasche „Adora“ war zum Beispiel ein richtiges Herzensprojekt.

Mit dieser alten Veritas-Nähmaschine hat Pattydoo-Gründerin Ina Fischer das Nähen gelernt. Foto: Pattydoo

Als das Nähen noch Hobby war, wie bist du dazu gekommen?

Ina: Ich bin ein Kind der DDR. Meine Mama hatte eine Veritas-Nähmaschine. Als junges Mädel habe ich schon Kuscheltiere genäht und mich dafür interessiert, wie Klamotten gemacht sind. Damals musste man noch nähen, wenn man etwas besonders Schönes zum Anziehen haben wollte. Zur Einschulung hatte ich einen Stufenrock an, den meine Mutter genäht hatte.

Und nach der Schule hast du beschlossen, Bekleidungstechnik zu studieren?

Ina: Nein, ich habe erst einmal eine Ausbildung zur Modeschneiderin gemacht. Damals fand ich das ätzend, ich musste jeden Morgen um sieben Uhr anfangen – mit Stechuhr. Im Nachhinein bin ich so froh! Was ich von den Frauen im Nähatelier gelernt habe, ist das, was ich heute weitergeben kann und möchte. Es sind die Kleinigkeiten, die nicht im Nähbuch stehen und die man eben am besten im Video vermitteln kann.

Damals hast du über Pattydoo vermutlich noch nicht ansatzweise nachgedacht?

Ina: Ich habe danach erst mal Bekleidungstechnik studiert. Der Bekleidungstechniker verhält sich zum Modedesigner wie der Bauingenieur zum Architekten. Kreativ sein ist das eine, das Know-how zu haben das andere.

Pattydoo entstand aus der Not, weil ihr beide unzufrieden in euren bisherigen Jobs wart. Ein Glücksfall.

Ina: Wir haben beide in der Krise gesteckt, ich habe noch einmal ein zweites Studium begonnen: Medieninformatik. Ich wollte mich von der Modebranche entfernen. Nach einigen Jahren bei großen Firmen war das alles nicht mehr das Richtige für mich. Es ging nicht um Kreativität, sondern um Verkaufszahlen. Als ich im Studium der Medieninformatik ein Praxisprojekt machen musste, war ich – wie viele – auch durch die Geburt meiner Tochter schon wieder zum Nähen gekommen und hatte festgestellt, wie digital Nähen geworden ist. Irgendwann habe ich dann den Blog gestartet.

Christian: Ich habe zeitgleich angefangen, BWL zu studieren. In meinem Hauptfach musste ich einen Businessplan erstellen, und was lag näher, als den für Pattydoo zu machen! Da haben wir begonnen zu begreifen, dass das was werden kann.

Was waren denn eure ersten Schritte?

Ina: Nach dem Blog war die kleine Kosmetiktasche „Susi“ mit den Kellerfalten unser erstes Anleitungsvideo-Projekt.

Christian: Schon nach wenigen Wochen waren wir bei 100.000 Aufrufen des Videos. Da haben wir endgültig gemerkt: Hier geht was. Die Leute schauen sich das gern an. Es gab extrem viel Interaktion. Nach einem Jahr hatten wir monatlich 100.000 Blog-Leser und das erste Schnittmuster zum Verkauf angeboten.

Ina: Das war die Handytasche „Bowie“. Die sollte etwas Besonderes haben, das war die Schleife.

Christian: Wir waren extrem aufgeregt, ob die Leute nun drei Euro für den Schnitt bezahlen. Da wir auf dem Blog schon so viele Leser hatten, brauchten wir dort nur über die Tasche zu berichten. Und plötzlich konnten wir allein von dem einen kostenpflichtigen Schnitt leben. Mittlerweile haben wir sogar zwölf Mitarbeiter.

Habt ihr Angst, dass der Näh-Boom irgendwann wieder abflacht? Dann wäre auch euer Business in Gefahr.

Christian: Wir haben ein sehr schönes, organisches Wachstum über die Jahre hinweg. Das fällt nicht runter wie ein Stein. Die Branche diskutiert seit Beginn, wie lange der Boom wohl anhält. Aber eigentlich ist der Konsens: Alles hängt zusammen. Die Menschen achten wieder mehr auf ihren Körper, machen Workouts, gehen in den Bioladen, legen Wert auf Nachhaltigkeit. Und das wird auch nicht plötzlich aufhören. Der Mann werkelt zu Hause an der Bank – Holz macht stolz, sagt man. Und die Damen nähen, häkeln, stricken eben. DIY ist ein Milliardengeschäft – vor allem auch online.

Fachsimpeln im Pattydoo-Studio: Ina Fischer und Reporterin Dajana Rubert tauschen sich aus. Foto: Berliner KURIER/ Dajana Rubert

Apropos. Mittlerweile bekommt man im Internet alles, was das Näh-Herz begehrt. Shoppst du lieber on- oder offline?

Ina: Wenn ich die Zeit hätte, würde ich lieber in den Laden nebenan gehen. Natürlich fasse ich Stoffe lieber an und begutachte sie in Ruhe.

Geht das, dass du in Ruhe nach Stoffen schaust? Oder wirst du an jeder Ecke von Fans angesprochen – immerhin posten regelmäßig Nähbegeisterte Fotos mit dir, posieren neben dir wie neben einem Popstar.

Ina: Das geht schon. Hin und wieder werde ich angesprochen, viele trauen sich jedoch auch nicht. Wenn ich mitbekomme, dass sich jemand nicht traut, gehe ich auch gerne mal auf die Leute zu und plaudere mit ihnen über Nähkram.

Was nähst du am liebsten?

Ina: Bei Taschen gibt es nie Passformprobleme – das ist schon toll. Aber Klamotten sind auch super. Wobei ich ein Fan von einfachen Schnitten bin, die ich mit schönen Stoffen umsetze. Aufwendige Softshell-Jacken würde ich privat eher nicht selber nähen, aber ich finde es toll, dass unsere Fans es gerne machen und dass ich für die Videos dann auch mal wieder solche Herausforderungen habe!

Wie viel Prozent deines Kleiderschranks sind selbst genäht?

Ina: Ich kaufe auch gern Klamotten ein. Etwa 50 Prozent meiner Sachen sind selbst genäht.