Privat Nadine Engel ein paar Wochen nach ihrem Unfall in der Klinik, als es ihr schon wieder etwas besser ging. Eine Freundin ihrer Mutter hatte damals ihr Baby mitgebracht, das sie im Arm halten durfte.

Nadine Engel hält eine kleine Fee aus Porzellan in den Händen. Ein Flügel ist abgebrochen. Vor 17 Jahren bekam sie diesen Glücksbringer geschenkt. Von einem unbekannten Mann, der ihr bei einem schweren Verkehrsunfall in Reinickendorf zur Seite stand. So unvollständig wie die Fee ist, so fühlt sich die heute 28-jährige. Sie sucht ihren Lebensretter, um sich bei ihm zu bedanken und hofft ihn, über den KURIER  ausfindig zu machen.

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„Es quält mich. Ich weiß nicht, wie er heißt, wie er aussieht. Nur dass er da war“, sagt Nadine Engel. Seit Jahren kreisen ihre Gedanken um den Unbekannten. Seit ein paar Wochen mehr als je zuvor, weil ihre Tante ihr erstmals den Brief zeigte, den ihr Lebensretter kurz nach ihrem Unfall an die Polizei Berlin sendete. „Wenn ich jetzt durch die Straßen laufe und ein LKW ordentlich Gas gibt, durchfährt mich das erlebte Szenario immer und immer wieder. Ich kann mich nicht gegen die Bilder und den gellenden Hilfeschrei wehren“, so schrieb er. Seine Zeilen haben Nadine Engel sehr berührt, weil sie ihr zeigen, wie sehr ihr Unfall ihren Helfer mitgenommen hat.

Sie entkam nur knapp einer Querschnittlähmung

Das Szenario, von dem der Zeuge schrieb, ereignete sich am 7. Juni 2004. Nadine Engel war mit ihrem Fahrrad in Reinickendorf unterwegs. Als sie aus der Gotthardstraße kommend  die Scharnweberstraße in Richtung Kapweg überqueren wollte, übersah sie ein Fahrer der Berliner Stadtreinigung (BSR) beim Rechtsabbiegen und überfuhr sie. Das zu dem Zeitpunkt 11-jährige Mädchen geriet unter das Müllauto. Wie durch ein Wunder überlebte es den Unfall schwer verletzt. „Die Ärzte im Krankenhaus schilderten mir, dass ich nur knapp einer Querschnittlähmung entkam und wegen starker innerer Bluttungen in Lebensgefahr war“ so erinnert sie sich noch.

Dass sie heute nicht im Rollstuhl sitzt, hat sie wohl auch ihrem Helfer zu verdanken, weil er sie fest hielt, als sie sich unter Schock „hochrappeln und über den Asphalt robben wollte.“ Der Fremde habe sie beruhigt und getröstet und ihre Hand gehalten, bis der Notarzt eintraf. 

Privat 
Nadine Engel mit ihrem Lebensgefährten Patrick und ihren Zwillingen Luca und Sam.

In der Klinik musste sie dann mehrere Stunden notoperiert werden. „Ich konnte meine Beine nicht mehr spüren. Mehrere meiner Organe hatten schwerste Verletzungen davon getragen“, berichtet Nadine Engel. Es folgten insgesamt 30 operative Eingriffe und mehrere Monate Reha, bis sie wieder laufen konnte. „Die Ärztin im Krankenhaus befürchtete, dass ich wegen der Beckentrümmerfraktion und Schädigung meiner Gebärmutter später keine Kinder mehr bekommen könne.“ Dieses Ausmaß habe sie als 11-Jährige noch gar nicht begriffen. Die fünfte Klasse habe sie auch wiederholen müssen, weil sie wegen der schwerwiegenden Verletzungen fast ein ganzes Jahr in der Schule fehlte.

Ihr Lebensretter schickte ihre eine Porzellanfee ins Krankenhaus

Die Porzellan-Fee schickte ihr der Lebensretter damals ins Krankenhaus. Nadine Engel weiß nur seinen Vornamen und den ersten Buchstaben seines Nachnamens „Michael B.“ und dass seine Frau in der Nähe der Unfallstelle arbeitete und er sie an jenem Tag abholen wollte. Auch das schrieb er in seinem Brief an die Polizei. Mehr erfuhr sie nicht. „Die Schwestern und Ärzte ließen ihn nicht zu mir“, sagt sie. Ob ihre Mutter sich damals bei ihm bedankt habe, daran könne sie sich nicht mehr erinnern. „Mir ist aber wichtig, mich noch einmal selbst bei ihm zu bedanken“, sagt Nadine Engel.

Heute lebt die junge Frau nicht mehr in Berlin, sondern ist vor zwei Jahren nach Eckernförde (Schleswig Holstein) gezogen und dort „in einer glücklichen Beziehung.“ In der Kleinstadt bei Kiel arbeitet sie als medizinische Fachangestellte in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Entgegen der Prognose der Ärztin hat sie vor vier Jahren Zwillinge bekommen, zwei Jungen, Luca und Sam. „Doch zuvor hatte ich innerhalb eine Jahres vier Fehlgeburten erlitten und war am Boden zerstört“, erzählt sie. Fast hätte sie „ihren Kinderwunsch begraben“, als sie dann doch noch überraschend mit den beiden Jungen schwanger wurde. Ihren Berufswunsch als Polizistin musste sie allerdings aufgeben, weil sie wegen ihrer bleibenden Schäden für den Dienst nicht tauglich war. Auf ein Fahrrad mag sie auch nicht mehr steigen. Die Angst sitzt bis jetzt tief, so sagt sie. 

Sie ist zu 30 Prozent gehbehindert

Ihr rechter Fuß hinkt seit dem Unfall hinterher, weil Nerven im Sprunggelenk geschädigt worden sind. „Ich bin zu 30 Prozent gehbehindert“, so Engel. In der Schulzeit habe sie sehr darunter gelitten und sei sogar von Mitschülern als „Knickfuß und Humpelfresse“ bezeichnet worden. Mittlerweile habe sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden.

Nur dass sie sich bei ihrem Ersthelfer nie bedanken konnte, damit kann sie sich nicht abfinden. „Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, ihn zu finden“, sagt sie . Sie habe bereits mit ihrem damaligen Anwalt Kontakt aufgenommen und sich auch an die Polizei und BSR gewandt. Doch die Aufbewahrungsfristen seien abgelaufen und die Akten vernichtet soll man ihr dort mitgeteilt haben.

Der Fahrer soll nach Aussagen von Nadine Engel vor dem Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen á 40 Euro verurteilt worden sein. In einem Gutachten eines Sachverständigen, das 2005 vom zuständigen Gericht angefordert wurde und dem KURIER vorliegt, steht dass der Unfall für den Beschuldigten vermeidbar gewesen wäre. 

Nadine Engel wünscht sich, dass ihr Helfer weiß, dass es ihr heute gut geht. Diese Auskunft sei sie ihm schuldig. „Vielleicht lässt ihn der Unfall auch nicht los“, vermutet sie und hofft, dass er ihre sehr persönliche Geschichte im KURIER liest und sich bei ihr meldet. Die Porzellanfee steht mit abgebrochenem Flügel in einem Regal in ihrer Küche. Sie erinnert Nadine Engel jeden Tag an ihren Lebensretter. Nach 17 Jahren will sie ihm unbedingt noch einmal begegnen. Diesen Abschluss braucht sie, um sich vollständig zu fühlen.