Die Anteilnahme reißt nicht ab: Immer wieder legen Potsdamer Blumen vor dem Wohnheim des Oberlinhauses. dpa

Die Trauer reißt nicht ab. Noch immer legen Potsdamer vor dem Behindertenwohnheim des Oberlinhauses Blumen nieder, zünden Kerzen an, wo eine Pflegerin (51) vier Bewohner gewaltsam getötet und einen weiteren schwer verletzt haben soll. „Die Tat ist allein schon deshalb schockierend und zu verurteilen, weil hier Menschen Zuwendung von ihrem Betreuer erwarteten, die in Gewalt umschlug“,  sagt Marcus Graubner, Chef des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland. Und er übt heftige Kritik. Ist den Verantwortlichen der Potsdamer Pflegeeinrichtung wirklich nichts aufgefallen? Graubner fordert daher mehr Kontrollen und Eignungstests für Pflegekräfte. 

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Nach seiner Auffassung sei die Tat in Potsdam ein trauriger Höhepunkt, was hierzulande in Pflegeeinrichtungen geschehe. Deren Betreiber sollten daraus ihre Lehren ziehen. „Aus Gesprächen mit betroffenen Angehörigen hören wir oft von Fällen der verdeckten Gewalt“, sagt Graubner dem KURIER. „Beispielsweise, wenn die zu Pflegenden von Betreuern etwa mit Kopfkissen geschlagen werden, um diese ruhig zu stellen. Auch von sexueller Gewalt gegenüber Heimbewohnern ist die Rede.“ Die Dunkelziffer sei sehr hoch, so der Behindertenverbandschef. „Da muss dringend etwas passieren.“

Verbandschef Marcus Graubner CDU/Stendal

Behinderte seien Patienten wie jeder andere auch, hätten in Heimen und Kliniken genauso einen Anspruch auf Sicherheit und bestmöglichen Schutz ihres Lebens, so Graubner. Sicher stimme es, dass Pflegekräfte gerade in der jetzigen Corona-Pandemie am Limit ihrer Kräfte arbeiten, zudem schlecht bezahlt werden. „Dennoch darf so etwas wie in Potsdam nicht geschehen“, sagt der Verbandschef. „Unsere Trauer und Anteilnahme gehört den Toten und deren Familien.“

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Man könne durchaus erkennen, ob Pflegemitarbeiter mit der Schwere ihres Berufes klarkommen, ob sie überfordert seien. Mehr Kontrollen über die Arbeitsbedingungen in den Heimen wären so ein Weg, so Graubner. Sein Vorschlag: „Künftig sollte es Eignungstest für Pflegekräfte bei der Einstellung geben, mit deren Hilfe man herausfindet, ob diese die nötige Berufung für die Arbeit mit Behinderten oder schwer Erkrankten mitbringen oder nicht.“

Graubner übt Kritik am Oberlinhaus, obwohl es nach seiner Meinung zu den besten Pflegeeinrichtungen des Landes gehört. „Die Verantwortlichen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie wirklich im Vorfeld alles richtig gemacht haben und ihnen wirklich nichts aufgefallen ist“, sagt der Behindertenverbandschef. „Denn die Mitarbeiterin hat ja nicht von heute auf morgen zu einer Waffe gegriffen, um Heimbewohner zu töten.“

Ein Leichenwagen fährt auf das Areal der Oberlinhaus-Einrichtung. In dem Behindertenwohnheim wurden am 28. März vier Menschen gewaltsam getötet. dpa

Die diakonische Einrichtung Oberlinhaus hatte dagegen am Freitag erklärt, dass die tatverdächtigte Pflegekraft zuvor nicht psychisch auffällig geworden sei. Alle Mitarbeiter würden regelmäßig an speziellen Beratungsgesprächen mit psychologischer Begleitung und an  Teamsitzungen teilnehmen. „Das ist zum Schutz unserer Klienten und Mitarbeiter unerlässlich“, sagt Sprecherin Andreas Benke. Noch am Tag vor der Tat gab es eine routinemäßige Kontrolle der Einrichtung, bei der auch Themen wie mögliche Überlastungen von Beschäftigten geprüft worden seien.

Offenbar fehlt noch immer das Motiv, warum die Tatverdächtige in dem Heim zwei Frauen im Alter von 31 und 42 Jahren sowie zwei Männer im Alter von 35 und 56 Jahren getötet habe. Zwei von ihnen wohnten seit der Kindheit in dem Wohnheim. Die schwer verletzte 43-jährige Frau sei nach Angaben des Oberlinhauses nach einer Notoperation auf dem Weg der Besserung.

Laut Medienberichten hätten Bewohner die Pflegekraft, die seit 20 Jahren im Oberlinhaus tätig gewesen sein soll, als liebevoll beschrieben. Einer ihrer zwei Söhne habe eine Behinderung, würde in einer der Werkstätten des Oberlinhauses arbeiten. Nach der Tat soll die Frau am Mittwochabend nach Hause gefahren sein, ihrem Mann das Geschehene berichtet haben, der dann die Polizei anrief. Das Amtsgericht Potsdam hatte die Pflegemitarbeiterin am Donnerstag in ein psychiatrisches Krankenhaus in Brandenburg/Havel eingewiesen. Nach Einschätzung der Haftrichterin lägen Gründe für eine eingeschränkte oder vollständige Schuldunfähigkeit vor.