Dr. Wolfgang Kreischer behandelt seine Patientinnen und Patienten in Zehlendorf. Foto: Volkmar Otto

Es ging durch die Stadt wie ein Lauffeuer: In Berlin gibt es nun Astrazeneca-Impfungen für alle. In den Hausarztpraxen ist deshalb am heutigen Freitag die Hölle los, nun melden sich vor allem auch Impfwillige unter 60 Jahren. Gestresste Sprechstundenhilfen sprechen von Überlastung, niemand scheint Kapazitäten für ein Interview zu haben. Bis Wolfgang Kreischer zurückruft, der Vorsitzende des Hausärzteverbands Berlin/Brandenburg. Er wimmelt nebenbei weitere Anrufe ab, muss sich aber nach gut fünf Minuten verabschieden, um sich wieder den Impfwilligen zu widmen.

Wie hoch ist die Nachfrage bei den Berliner Hausärzten nach Astrazeneca und Biontech?

Die Nachfrage nach Biontech war von Anfang an groß und ist es nach wie vor. Astrazeneca war dagegen ein Ladenhüter. Jetzt, wo die Priorisierung aufgehoben ist, hat sich das geändert. Hauptsächlich junge Menschen strömen in die Praxen.

Priorisieren Sie wegen des Ansturms jetzt dennoch?

Jein. Wir haben in unseren Praxen zwar eine gewisse Priorisierung: Kranke werden vorgezogen. Aber wir priorisieren weniger streng, was übrigens von Anfang an so war. Gerade bei dem Astrazeneca-Impfstoff, den viele nicht haben wollten, konnten wir auch mal die Priorisierung außer Acht lassen. Menschen, die bei der Arbeit viel Kontakt haben oder reisen wollten, haben davon profitiert.

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Wie ist die Situation in Ihrer Praxis momentan?

Das Telefon stand heute nicht still, wir hatten zwei Helferinnen, die nur telefoniert haben. Eine kümmert sich ausschließlich um Impftermine, die Wartelisten sind lang. Die Impflieferungen sind zwar nach wie vor knapp, aber viel mehr würden wir im Moment zeitlich auch nicht schaffen. Wir müssen das ja außerhalb der Regelsprechzeiten machen und haben eine Impfsprechstunde an drei Nachmittagen eingerichtet. Noch ein paar mehr Impfdosen würden wir verkraften, aber nicht viel. Deshalb ist es gut, dass die Impfzentren gerade noch ein bisschen mitarbeiten und das parallel läuft.

Wie viel Zeit planen Sie für einen Impftermin mit Beratung ein?

Wir machen das in Gruppen. In einem Fläschchen sind fünf bis sechs Dosen, also bestellen wir diese Anzahl von Patienten ein. Der Termin dauert 45 Minuten: Eine Viertelstunde Aufklärung, eine Viertelstunde impfen und eine Viertelstunde Nachbeobachtung. Das machen die meisten Hausärzte so. Manche versuchen es während der Sprechstunde, aber das ist zeitlich schwierig. Dann müssen sie die Aufklärung sechsmal machen.

Wie viele Menschen impfen Sie ungefähr gegen Covid-19?

Ich habe das mal durchgerechnet. Wir schaffen 80 bis 100 Impfungen pro Woche. Wenn 80 Prozent der Hausarztpraxen und ein paar Fachärzte mitmachen, braucht man sowieso bis zum Sommer, bis man eine Herdenimmunität hat. Schneller geht es einfach nicht.

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Was tun die Leute, um an einen Termin zu kommen? Gab es besondere Vorkommnisse?

Vordrängeln. Die Angehörigen von manchen Patientinnen und Patienten sehen es auch gar nicht ein. Eine 90-jährige Patientin, die sterbend zu Hause liegt, muss ich nicht mehr impfen. Das ist ja völliger Quatsch.

Wie wird über die Verteilung der Impfdosen entschieden?

Das weiß der liebe Gott im Himmel. Wir sind jede Woche gespannt, wie viele wir bekommen. Das entscheidet die Krankenversicherung oder die Senatsverwaltung, keine Ahnung.