Braumeisterin Jo Noble vor einer neu und nicht aus Ziegeln errichteten Wand des Ärgers, die hier in voller Breite zu sehen ist.  Gerd Engelsmann

Es könnte schön sein: Im Inneren der Osram-Höfe sitzen, ausspannen, ein Bier trinken. Doch daraus wird gegenwärtig nichts. Beim Umbau des ehemaligen Kesselhauses inmitten des  Weddinger Gewerbehofs an der Oudenarder Straße zu einer Brauerei und Kneipe ist den Bauleuten ein Fehler unterlaufen. Deshalb gibt es Ärger mit dem Bezirk: Der Denkmalschutz sei verletzt worden, als kleine Innenwände abgerissen wurden. Bei den Bauherren der „Vagabund“-Brauerei geht Verzweiflung um, weil das die Fertigstellung um Wochen, wenn nicht Monate verzögern dürfte und ihnen das Geld auszugehen droht.

Das Kesselhaus im Inneren der Osram-Höfe. Vor der Tür ist die Schankveranda eigentlich empfangsbereit. Gerd Engelsmann

Der Historiker Matt Walthall, der 2005 aus dem US-Staat Maryland nach Berlin gekommen war, hier mit zwei amerikanischen Freunden in einer Band spielte, gründete mit ihnen 2011 die Craft-Bier-Brauerei. Dem Trio erschien die Auswahl unter deutschen Biersorten ein wenig eintönig. Walthall klagt: „Nun drohen uns hohe Bußgelder, die das Unternehmen sicherlich zerstören werden. An diesem Punkt hätte jede Verzögerung oder sogar 10.000 Euro verheerende Folgen.“

Geschäftsführer Matt Walthall verliert zusehends die Zuversicht. Vagabund-Brauerei

Man habe zwar gelernt, flexibel zu sein, um mit Corona zurechtzukommen. Aber es sei schwer: „Einer meiner Geschäftspartner hatte ein Burn-out und verließ das Unternehmen, auch ich fiel für mehrere Monate wegen einer Krankheit aus. Ganz zu schweigen von der Bewältigung der typischen Probleme bei einem großen Bauprojekt. Nach all dem wäre es eine Schande, dass ein Unternehmen zerstört wird, das in meiner Küche begonnen hat, für das ich so hart gekämpft habe.“

Er beklagt Inflexibilität des Bezirksamts Mitte, dessen Vertreter sich mehr um ein paar Meter Mauer kümmere als um das Wohlergehen eines lokalen Unternehmens und seiner 25 Mitarbeiter.

Es geht zunächst um zwei Wände im Erdgeschoss, jeweils nur wenige Meter breit und hoch. Die wurden weggerissen und durch Trockenbau ersetzt. Ja, gibt Bauleiter Matthias Steffen zu, das war falsch, man hätte den Denkmalschutz informieren müssen. Jedoch: Die etwa acht Zentimeter dünnen, einlagigen Ziegel-Wände seien weder statisch noch für den Brandschutz nötig gewesen, dafür aber bröckelig.

 Umbau wurde 1,6 Millionen Euro teurer als geplant

So, wie sich das trutzig wirkende Gemäuer während der bislang etwa zwei Jahre dauernden Bauarbeiten insgesamt als durchlöchert, rissig und statisch „nicht sehr toll“ entpuppt habe, auch der Brandschutz sei kompliziert gewesen. Laut Walthall hat das dazu geführt, dass die Baukosten von veranschlagten 1,9 auf 3,5 Millionen Euro gestiegen sind. Trotz Förderung durch die Investitionsbank Berlin und Investoren ist das Projekt weitgehend durch Bankkredite finanziert. Die müssen bedient werden, und auch die Investoren wollen irgendwann Geld sehen.

Braumeisterin Jo Noble an den glänzenden Braubehältern, die sie nur zu gern in Betrieb nehmen würde. Gerd Engelsmann

Jetzt wartet man auf die Genehmigung eines Nachtrags zur Baugenehmigung. Bislang sei das umgebaute Gebäude laut Bezirksamt nicht genehmigungsfähig. Steffen kann die Verzweiflung Walthalls verstehen: „Die Amerikaner können den deutschen Behördengang nicht gut nachvollziehen.“

Bislang braut Vagabund in seinem „Taproom“ an der Antwerpener Straße 3, wo auch ausgeschenkt wird, und in Spandau bei einem anderen Unternehmen. Das kostet, und die Kapazität in der Antwerpener Straße ist beschränkt. Braumeisterin Jo Noble: „Dort können wir in einem Braugang zwei Hektoliter produzieren, im Kesselhaus dagegen 45.“

Seit etwa einem Monat sei die Anlage im Kesselhaus betriebsbereit, aber Jo Noble kann einfach nicht mit ihren sechs Biersorten loslegen, um endlich Einnahmen durch den Verkauf von Flaschen und den Ausschank im Erdgeschoss und davor zu erzielen.

Fünf der sechs Biersorten der Vagabund-Brauerei, gebraut auf deutsche, belgische, englische und amerikanische Art. Gerd Engelsmann

Denkmalschutz hat viel zu bemängeln

Ein aktuelles Schreiben der Bau- und Wohnungsaufsicht an Walthall macht wenig Hoffnung: Eine ganze Latte von nachträglich beantragten kleinen Eingriffen im Gebäude wird wegen „denkmalfachlicher Bedenken“ abgelehnt, bei der Schankveranda mit 120 Plätzen, Sonnenschutz und Fahrradbügeln seien die Antragsunterlagen „nicht hinreichend konkretisiert“.

Zumindest klingt es ermutigend, was der zuständige Stadtrat Ephraim Gothe (SPD) zu sagen hat, der nur von einer verschwundenen Mauer spricht: „Die neue Nutzung des Kesselhauses wird von allen Fachbereichen ausdrücklich begrüßt. Allerdings gab es beim Bauherrn einen Architektenwechsel und vermutlich daraus resultierend den Abbruch einer denkmalgeschützten Wand gegen die Abstimmungen mit der Denkmalpflege. Die ist nun leider unwiederbringlich verloren.“

Aber: „Wir sind dabei, das zu löten, so gut es geht. Ich bin selber mit dem Bauherrn dazu im Kontakt.“