Vor dem Landgericht Cottbus steht Michael Q., 49. Er muss sich wegen Totschlag verantworten. Er soll am 18. April dieses Jahres in Doberlug-Kirchhain seine fünfjährige Tochter Emma mit einem USB-Kabel erdrosselt haben. Katrin Bischoff

Als die Zeugin ihre kleine Tochter beschreiben soll, bleibt ihr die Stimme weg. Sie sucht, so scheint es, verzweifelt Halt an einem Taschentuch, mit dem sie die Tränen zurückhalten will. Emma sei ein Wunschkind, ein fröhliches Mädchen gewesen, das mit seiner knapp zwei Jahre älteren Schwester „supergerne gespielt“ habe, sagt die 37-jährige Mutter nach Sekunden der Stille weinend. Sie trägt wie zum Zeichen der Trauer schwarze Kleidung, die sie noch zierlicher erscheinen lässt. Dann erzählt die gelernte Zahnarzthelferin von dem Tag, an dem sie ihre fünf Jahre alte Tochter Emma im Haus ihres Ex-Mannes in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) gefunden hat. Erdrosselt mit einem USB-Kabel. Mutmaßlich von ihrem ehemaligen Mann, Emmas Vater.

Emmas Vater sitzt dabei keine drei Meter von der Zeugin entfernt. Auf der Anklagebank. Michael Q. ist 49 Jahre alt, trägt eine Glatze und nimmt die Maske nicht einziges Mal ab an diesem Tag. Obwohl alle anderen Prozessbeteiligten auf ihren Plätzen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Michael Q. muss sich vor einer Schwurgerichtskammer des Cottbuser Landgerichts wegen Totschlag verantworten. Der Anwalt der Mutter, die Nebenklägerin ist, soll bei Prozessbeginn Anfang Oktober sogar von Mordmerkmalen gesprochen haben, die der Tat zugrunde liegen könnten.

Am 18. April dieses Jahres soll Michael Q. seine fünf Jahre alte Tochter Emma getötet und danach versucht haben, sich selbst umzubringen. Während für das kleine Mädchen jede Hilfe zu spät kam, konnte der 49-Jährige gerettet werden. An den Tathergang an jenem Sonntag, an dem die Fünfjährige bei ihm war, kann er sich angeblich nicht mehr erinnern.

Bilder von dem toten Kind haben sich bei Emmas Mutter eingebrannt

Dafür haben sich die Bilder von dem toten Kind bei Emmas Mutter eingebrannt. Sie erzählt, wie sie ihre Tochter an jenem Tag wie vereinbart gegen 18 Uhr von Michael Q. habe abholen wollen. Sie hatte sich keine Gedanken gemacht über die WhatsApp-Nachricht, die ihr ihr Ex-Mann kurz zuvor geschickt hatte. „Ich wünsche Dir noch ein schönes Leben“, schrieb er sinngemäß. Vor ein paar Monaten hatte sich Emmas Mutter von dem Kindsvater, mit dem sie seit Februar 2015 verheiratet war, getrennt. Wenn die beiden Mädchen bei ihrem Ex-Mann waren, habe sie kein gutes Gefühl gehabt. „Ich hatte immer Angst um meine Kinder“, sagt sie nun.

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Im Haus sei alles dunkel gewesen, erinnert sich die Frau. Michael Q. habe weder auf ihr Klingeln reagiert, noch sei er an sein Handy gegangen. Die Kindesmutter wird leiser und immer wieder bricht die Stimme, als sie von jenem Abend erzählt: Nachdem im Haus niemand aufmachte, fuhr sie zu einem gemeinsamen Freund, dann rief sie bei der Mutter von Michael Q. an. Doch auch dort waren Vater und Tochter nicht.

Zurück am Haus, das sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern einst als Familie bewohnt hatte und in dem nun nur noch Michael Q. zu Hause war, schaute sie durch das Garagenfenster. Dort stand das Auto. Bei einem Blick durch das Küchenfenster sah sie die Schlüssel, die auf dem Tisch lagen. Durch das Badezimmerfenster konnte Emmas Mutter schließlich den Hinterkopf ihres Ex-Mannes erkennen. Michael Q. lag bewegungslos in der Badewanne.

Michael Q. hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten

Ein Bekannter warf schließlich das Fenster der Terrassentür ein. „Ich habe nach Emma gerufen, gesucht, in der Küche, im Flur“, erzählt die Mutter. Im Kinderzimmer habe sie schließlich ihre Tochter gefunden. „Ich habe sie genommen, sie im Arm gehalten.“ Bis Polizei und Rettungskräfte am Tatort eintrafen. Sie konnten für Emma nichts mehr tun. Michael Q. hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und noch am selben Tag festgenommen.

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„Haben Sie eine Erklärung dafür, wie es zu dieser Tat kommen konnte?“, will der Vorsitzende Richter Frank Schollbach von der Zeugin wissen. „Ich kann nur vermuten, dass er mir das Kind wegnehmen wollte“, sagt die Mutter. Sie erzählt davon, wie sie Michael Q. 2014 kennengelernt habe. Da sei ihre ältere Tochter gerade zwei Monate alt gewesen. Im Februar 2015 folgte die Hochzeit. Im Dezember wurde Emma geboren.  

Die Zeugin hatte damals noch in Berlin gearbeitet. Offenbar entwickelte sich Michael Q. in jener Zeit immer mehr zu einem Kontrollfreak. Eifersüchtig soll er über jede Minute gewacht haben, die seine Frau mit dem Auto nicht pünktlich von der Arbeit zurück war. „Dabei konnte ich ihm doch nicht sagen, wie lange die Fahrt mit dem Auto nach Hause dauern wird“, sagt die Zeugin. Herr Q., so nennt sie ihren Ex-Mann heute, habe sogar aufgeschrieben, wann sie tagsüber online gewesen sei mit ihrem WhatsApp-Account. „Er hat mir selbst ein Verhältnis mit meinem Chef angedichtet“, sagt die Frau.

Seine Frau schildert der mutmaßliche Killer als pingelig

Immer häufiger sei es zu Hause zum Streit gekommen, schildert Emmas Mutter. Schließlich habe sie ihm mitgeteilt, dass sie sich von ihm trennen werde. Nach einer heftigen Auseinandersetzung im Dezember 2020 zog sie mit ihren beiden Töchtern zu ihrer Mutter. Das Jugendamt regelte, wann Michael Q. seine Tochter sehen durfte – an jedem zweiten Wochenende. Im März dieses Jahres soll der Angeklagte mitbekommen haben, dass es einen neuen Partner an der Seite seiner einstigen Frau gibt.

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Auch der Angeklagte, Emmas Vater, spricht an diesem zweiten Verhandlungstag erstmals. Er gibt immer wieder zu verstehen, dass er sich die Trennung nicht habe erklären können. Er redet davon, dass die Beziehung manchmal „schwierig“ gewesen sei. Vor allem, nachdem sie im Februar 2018 in das eigene Haus gezogen waren. Seine Frau schildert er als pingelig. Wegen jeder Kleinigkeit habe es Streit gegeben, sagt er. Michael Q. erzählt auch davon, dass er ihr Blumen geschenkt habe. Statt sich zu freuen, habe sie gesagt, dass man das Geld hätte besser verwenden können.  

Auch Michael Q. wischt sich ab und an eine Träne aus den Augen. Er sagt, er könne nicht erklären, was geschehen ist. Ein Wort des Bedauerns kommt an diesem Tag nicht über seine Lippen.

Der Prozess wird fortgesetzt.