Die Musiker bei der Probe. Sie lieben die Musik, haben Freude am Spielen, doch Corona macht der Truppe das Leben schwer. Vorn: Gründer und Manager Robert Mudrinic. Foto: Berliner KURIER / Volkmar Otto

Die Corona-Pandemie stürzte viele Künstler, Musiker, Schauspieler in eine schwere Krise. Nur langsam erwacht das Kulturleben der Stadt wieder zum Leben – doch die Infektionszahlen sorgen dafür, dass auch etablierte Projekte bedroht sind. Ein Beispiel ist das „Capital Dance Orchestra“: Die 20er-Jahre-Bigband aus Berlin, die schon mit namhaften Künstlern wie Nina Hagen, Bodo Wartke und Jeannette Biedermann arbeitete, steht vor dem Aus. Nun soll eine Kampagne helfen, das Orchester am Leben zu erhalten. Ein wahrer Tanz auf dem Vulkan.

Wer die Musiker des „Capital Dance Orchestra“ bei der Probe besucht, wird von der guten Laune der Musiker sofort gepackt. Saxophone, Geigen, Piano und Schlagzeug schmettern den Sound der 20er-Jahre durch den Saal, vorn steppen die Sängerinnen Meta Hüper und Sharon Brauner um die Wette. Der Fuß beginnt zu wippen, man möchte sofort tanzen, kommt augenblicklich in gute Stimmung. Die Musik hilft – doch hinter den Kulissen des Orchesters brodelt es gewaltig.

Sharon Brauner singt im Orchester. Foto: Berliner KURIER / Volkmar Otto

Eigentlich hätten die neuen 20er-Jahre eine erfolgreiche Zeit werden können – seit Jahren bringen die Musiker des Orchesters nicht nur den Sound des goldenen Jahrzehnts auf die Bühne. Doch nun stürzte die Pandemie die Truppe in eine tiefe Krise, erzählt Robert Mudrinic, der die Gruppe im Jahr 2005 gründete, der selbst Saxophon spielt. „Unser Kalender war mit 20er-Jahre-Feten gespickt, bei denen wir hätten auftreten sollen. Eine davon konnten wir spielen, im Februar.“ Das neue Show-Programm „Berlin, du coole Sau“ sollte am 22. März im Tipi am Kanzleramt Premiere feiern. „Aber eine Woche vorher kam der Lockdown. Fatal war, dass zu dem Zeitpunkt niemand damit rechnete, dass die Spielpause so lange dauert. Wir dachten, das wird jetzt vielleicht zwei Monate gehen – und dann geht das Leben wie gewohnt weiter.“

Rund 40 Engagements des Orchesters fielen ins Wasser

Die Premiere konnte inzwischen nachgeholt werden, die Show läuft im Tipi wieder am 6. November. „Aber jetzt wird es schon wieder schlimmer – wir hoffen, dass wir zumindest den Rest des Jahres unter unseren Hygieneauflagen auftreten können“, sagt Mudrinic. Doch das finanzielle Loch, das durch die Krise entstand, ist riesig – denn knapp 40 Engagements mussten ausfallen. Verheerend für ein Orchester, das sich über Eintrittsgelder und Gagen finanziert. Zudem ziehen die Hygienereglungen einen Rattenschwanz nach sich. „Erst mussten unsere Proben ausfallen, dann konnten wir aufgrund der Abstandsregelungen unseren bisherigen Probenraum nicht nutzen, weil dort zu wenig Platz ist.“

Lesen Sie dazu auch: Kabarett-Star Marga Bach: „Jeld ham' wa nich, aba Humor!“

Die Musiker organisierten sich über das Internet – und zumindest die Sängerinnen Meta Hüper und Sharon Brauner trafen sich, um für die nachgeholte Premiere im September in Form zu bleiben. „Wir sangen im Garten, damit die Aerosole keine Chance haben“, sagt Brauner. Auch die beiden glaubten am Anfang nicht daran, dass sich die Unterbrechung im Kultur-Sektor so lange ziehen könnte. „Ich kam aus einer sehr anstrengenden Arbeitsphase – und war über die kurze Pause sogar erstmal ganz froh“, sagt Brauner. „Dass es so nervenzehrend wird, damit war nicht zu rechnen. Hätte man mir das vor einem Jahr erzählt, hätte ich gesagt: Du spinnst.“

Meta Hüper spielt Geige - und ist die stellvertretende Musikalische Leiterin des Orchesters. Foto: Berliner KURIER / Volkmar Otto

Für ein Orchester sei die Lage ein riesiges Problem. Mit 17 Musikern könne man nicht in einem Saal vor 200 Gästen spielen, das sei nicht wirtschaftlich. „Wir hoffen einfach, dass wir bald wieder wie gewohnt spielen, damit auch die Musiker ordentlich bezahlt werden können“, sagt Hüper. „Wenn es so weitergeht, wird ein wirklich tolles Orchester bald nicht mehr existieren. Und das wäre schade.“

Andere Kapellen haben bereits aufgegeben

Zumindest geprobt werden darf wieder – aber auch hier wird die finanzielle Belastung größer als bisher. Denn: Die Musiker mieten sich Musiksäle bei „Tui Cruises“ – hier werden unter anderem die Revuen und Shows für die Kreuzfahrtschiffe des Reiseanbieters geprobt. „Aber das kostet uns natürlich wieder etwas mehr als der bisherige Raum“, sagt Mudrinic. Um die Zeit zu überstehen, hat das Orchester nun eine Crowdfunding-Campagne gestartet, zahlreiche Menschen spendeten bereits für den Erhalt der Musikgruppe. „Das Problem betrifft natürlich nicht nur uns, sondern auch viele andere Musikprojekte. Andere kleine Kapellen haben bereits aufgegeben.“ Man brauche ein finanzielles Polster, um ein halbes Jahr die Puste behalten zu können. „Wenn das nicht klappt, müssen wir zumachen – und dann ist wieder ein Projekt, das zur bunten Kulturlandschaft der Stadt beigetragen hat, Geschichte.“