Ein verlassener Schreibtisch in einen Berliner Behördenbüro: Doch nicht alle Mitarbeiter, die ins Homeoffice gehen könnten, sind in Heimarbeit. Foto: dpa

Der Druck auf die Wirtschaft wächst. Klare Regeln zum Homeoffice sollen am Dienstag in der vorgezogenen Ministerpräsidentenrunde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) getroffen werden, um das drastische Fortschreiten der Corona-Infektionen zu stoppen. Das fordert Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er plant eine Art Pflicht, in der künftig Firmen begründen müssen, warum sie Mitarbeiter nicht von zu Haus aus arbeiten lassen, wenn dazu die Möglichkeit besteht.

Dabei geht Müller mit seiner Landesverwaltung als öffentlicher Arbeitsgeber beim Thema Homeoffice längst nicht mit gutem Beispiel voran. Eine aktuelle Umfrage des Berliner KURIER in den Senatsverwaltungen ergab, dass es bei einigen Behörden viel Nachholbedarf gibt, nicht einmal 50 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice sind.

Die Berliner Landesverwaltung gehört mit über 126.000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in der Stadt. Verständlicherweise können nicht alle von ihnen derzeit ihre Arbeit von zu Hause erledigen - etwa Polizisten, Feuerwehrleute oder Mitarbeiter der Ordnungs- und Bürgerämter.

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Doch diejenigen, die es können, etwa Sachbearbeiter, sollen ins Homeoffice gehen. Die Maßnahme sollte dringend umgesetzt werden, empfahl erst jüngst wieder die für Landespersonal zuständige Senatsfinanzverwaltung, in einem Rundschreiben an alle Behörden.

Das Schreiben scheint offenbar in der Senatsverwaltung für Justiz- und Verbraucherschutz nicht gelesen worden zu sein. Denn von den 371 Mitarbeiter sitzen die meisten nicht etwa im Homeoffice, sondern im Büro ihrer Behörde! „Die Anwesenheit von Abteilung zu Abteilung ist unterschiedlich, liegt seit Dezember zwischen 50 bis 80 Prozent“ , sagt Sprecher Sebastian Brux.

Heißt im Umkehrschluss – nur 20 bis 50 Prozent der Mitarbeiter der Justizverwaltung sind in Homeoffice! Trotz Lockdown arbeiten Gerichte. Bei den Strafverfolgungsbehörden oder der Fachaufsicht für den Justizvollzug sei das Arbeiten im Homeoffice ebenfalls nur begrenzt möglich, so Brux. Das Ziel der Hausleitung sei es, die Anwesenheiten weiter zu reduzieren.

Michael Müller (SPD) fordert fordert schärfere Homeoffice-Regeln.  Foto:  dpa

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie kann noch nicht einmal mitteilen, wie viele ihrer Mitarbeiter im Homeoffice sind.  „Eine generelle Quotenaussage ist nicht möglich, da die Senatsverwaltung in verschiedenen Bereichen auch weiterhin den persönlichen Kundenkontakt ermöglichen muss, etwa in den Bereichen der Zeugnisanerkennungen, der Schulpsychologischen Beratungsstellen, der Adoptionsvermittlung oder im Rahmen der Durchführung von Einstellungsverfahren“, so Sprecherin Iris Brennberger. Man habe allerdings die Präsenz in den Dienstgebäuden auf das zwingend erforderliche Personal reduziert.

Möglicherweise können aber die Mitarbeiter aus einem anderen Grund nicht ins Homeoffice. So wie die Digitalisierung in den Schulen schwer voranschreitet, so ist es auch in der Verwaltung. „Derzeit verfügen 1100 der insgesamt 1900 Beschäftigten über die erforderliche Ausstattung fürs digital gestützte Arbeiten im Homeoffice“, sagt Brennberger. Das entspricht einer Quote von 58 Prozent. Allerdings könnten Beschäftigte „teilweise auch ohne digitale Unterstützung im Homeoffice erbringen“, so die Sprecherin.

Wie der Regierende Bürgermeister fordert auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) die Ausweitung der Arbeit im Homeoffice. In ihrer Verwaltung waren in der vergangenen Woche von den  rund 400 Mitarbeitern nur 65 Prozent im Homeoffice, wie Behördensprecher Matthias Borowski mitteilte. Man prüfe, die Zahl noch weiter steigern zu können.

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Doch das Berliner IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ), das für die Umsetzung der Digitalisierung der Landesverwaltung mit sorgen soll, macht der Wirtschaftsbehörde eine Strich durch die Homeoffice-Rechnung. „Seit Herbst 2020 ist das ITDZ mit der Lieferung von weiteren 100 Notebooks für unser Haus beauftragt“, sagt Sprecher Borowski. „Diese Lieferung steht weiter aus.“

Auch die Sozial- und Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) erklärte, dass auch in den Verwaltungen die Homeoffice-Arbeit weiter ausgebaut werden muss. Von den 390 Mitarbeitern ihrer Behörde hätten „etwa 75 Prozent der Mitarbeitenden die technischen Möglichkeit zum mobilen Arbeiten im Homeoffice“, die in „hohem Maße“ genutzt werde. Genauere Zahlen nennt sie nicht.

Die liefern aber andere Verwaltungen. Kein Wunder, beim Thema Homeoffice steht die Senatsfinanzverwaltung offenbar gut da. Von den 700 Mitarbeitern arbeiten  etwa 90 Prozent von zu Hause aus. Zu den Verbliebenen in der Behörde gehören Mitarbeiter der Haustechnik, der Landeshauptkasse, der Poststelle oder einige leitende Angestellte, so Sprecherin Eva Henkel.

In den bezirklichen Finanzämtern jedoch sind nur 60 Prozent der insgesamt 6000 Beschäftigten im Homeoffice. Ein Grund dürfte die schlechte technische Ausstattung der Bezirksämter sein. Nur etwa zehn Prozent der Beschäftigten, die in den Bezirksämtern einen Computerarbeitsplatz haben, könnten momentan auf Grund der technischen Bedingungen daheim arbeiten. Nun, wo der Regierende Bürgermeister verstärkt auf Homeoffice drängt, lässt seit Freitag die Innenverwaltung 5000 Laptops an die Bezirke ausliefern.

„Es gibt noch viel Luft nach oben“

„Dies zeigt, dass der Senat beim Thema Homeoffice noch längst nicht seine Hausaufgaben gemacht hat“, sagt Tim Zeelen, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion  Der IT-Experte der FDP-Fraktion, Bernd Schlömer, pflichtet ihm bei: Es sei zwar gut, dass 5000 zusätzliche Rechner zur Verfügung stehen. „Unklar ist aber, nach welchen Prioritäten die Verteilung erfolgt und wer dann die Rechner auch technisch einsatzbereit macht“, sagt er. „Da gibt es noch viel Luft nach oben.“

Zurück zu den Senatsbehörden. In der Verwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gilt seit Anfang der Woche, dass Beschäftigte bis zum Monatsende soweit wie möglich daheim arbeiten sollen. „Rund zwei Drittel der Mitarbeiter sind im Homeoffice“, sagt Sprecherin Katrin Dietl. „Routine- und Teambesprechungen sollen ausschließlich als Telefonkonferenz oder in sonstiger Weise digital stattfinden.“ Präsenzbesprechungen seien auf absolut notwendige Ausnahmen zu beschränken, etwa unaufschiebbare Personalgespräche.

Zwischen 70 bis 80 Prozent bewege sich die Homeoffice-Quote in der Senatsverwaltung für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz, und die der Kulturverwaltung liege bei 75 Prozent. In der Innenverwaltung könnten 84 Prozent der dort Tätigen die Arbeit von zu Hause erledigen.

Doch wie sieht es im Revier des Regierenden Bürgermeisters aus? In der Senatskanzlei sind 379 Mitarbeiter beschäftigt. Nachdem Michael Müller jüngst in seiner Regierungserklärung die Berliner Firmen kritisierte, sie würden nicht genug Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten lassen, hört man oft aus Wirtschafts- und aus Politikkreisen, dass auch im Dienstbereich des Berliner Landeschefs bei der Homeoffice-Tätigkeit noch viel nachzubessern sei.

„Da die Regierungsarbeit aufrechterhalten werden muss, können abhängig von den jeweiligen Ereignissen und Abläufen der Senatskanzlei nicht alle Mitarbeiter zu 100 Prozent jeden Tag zu Hause arbeiten“, sagt Senatssprecherin Melanie Reinsch. Daher seien aktuell zwischen 70 bis 80 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice. Einige Bereiche müssten „zwingend vor Ort besetzt sein“, wie die Haustechnik, Poststelle oder einzelne Sekretariate.