Der mutmaßliche Mörder von Martin D., einem Berliner Arzt, ist ein alter Bekannter des Arztes und seiner Gattin: Manfred R. Foto: Enya Mommsen

Der 12. Januar 2018 ist ein trister Tag. Als Martin D. seine Praxis an der Malteserstraße in Berlin-Marienfelde gegen 19.20 Uhr verlässt, ist das Grau der Dunkelheit gewichen. Der Arzt läuft durch den Glasgang zu einem Hinterausgang, er will zum Feierabend keinem Patienten mehr begegnen. Nach der Sprechstunde, wie häufig zum Ausklang der Arbeitswoche, hat er mit seiner Arzthelferin noch ein Glas Wein getrunken. Seine Mitarbeiterin wollte noch einmal kurz zur Toilette. Also geht der Mediziner schon mal vor. Er hat es etwas eilig, denn er ist um 19.30 Uhr zum Essen in einem nahe gelegenen Restaurant verabredet.

Zwischen 19.22 Uhr und 19.24 Uhr betritt er den beleuchteten Parkplatz, der im Innenhof des Gebäudekomplexes liegt. Die Zeit ist bekannt, weil der 67-jährige Internist versucht hat, mit dem Handy noch einmal seine Mitarbeiterin in der Praxis zu erreichen. Kurz darauf löst sich ein Mann, der am Rande des Hinterhofs auf Martin D. gelauert haben muss, aus dem Schatten. Er zieht einen Revolver. Drei Schüsse fallen. Der Arzt wird im Kopf und im Körper getroffen. Ein Projektil verfehlt sein Ziel. Es ist wie eine Hinrichtung. Der Mörder flieht unerkannt.

Um 19.28 Uhr verlässt die Arzthelferin das Haus durch den Haupteingang. Sie will durch die Durchfahrt zum Parkplatz gehen, sieht ihren Chef auf dem Boden liegen. Sie glaubt, er habe einen Herzinfarkt erlitten, wie schon vier Jahre zuvor. Doch dann sieht sie das Blut. Martin D. kann nichts mehr sagen. Ihr Versuch, den Mediziner zu reanimieren, scheitert. Der kurz darauf eintreffende Notarzt kann nur noch den Tod des Internisten feststellen.

10.000 Euro Belohnung ausgelobt

Das Verbrechen löst zahlreiche Spekulationen aus. Akribisch suchen die Mordermittler den Täter. Sie checken Patienten des durchaus beliebten Mediziners, der auch als Betriebsarzt für 200 mittelständische und große Firmen zuständig war. Sie durchleuchten seinen großen Bekanntenkreis, überprüfen die Familie, auch die getrennt von dem Arzt lebende Ehefrau. Weil Martin D. öfter zu Prostituierten gegangen sein soll und Kontakt zu Zuhältern gehabt haben könnte, sind die Fahnder auch im Rotlichtmilieu unterwegs. Es gibt sogar Hinweise, dass die russische Mafia hinter der Hinrichtung des gutsituierten Arztes stehen könnte. War es gar ein Auftragsmord? Oder vielleicht eine Verwechslung?

Die Staatsanwaltschaft überprüft Funkzellen, auch, weil Zeugen Tage vor dem Mord einen verdächtigen Mann auf dem Parkplatzgelände gesehen haben wollen. Die Ermittlungen verlaufen im Nichts. Die Fahnder hören Telefonate ab, gehen mit dem Foto des Opfers an die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft lobt schließlich eine Belohnung von 10.000 Euro aus, um Hinweise auf den Täter zu erhalten. Es ist die höchste Summe, die in Berlin von staatlicher Seite möglich ist. 54 Hinweise gehen ein, eine heiße Spur ist nicht darunter. Durch die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ wird der Fall des erschossenen Arztes einem Millionenpublikum bekannt. Dann ebben die Nachrichten um die Ermittlungen ab. Doch die Fahnder arbeiten in aller Stille weiter – und leisten ganze Arbeit.

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Mehr als drei Jahre nach dem Mord an Martin D. sitzt Staatsanwalt Martin Glage ohne die im Gerichtssaal übliche Robe in seinem Büro im Kriminalgericht Moabit vor einem Stapel Ermittlungsakten. Der 55-Jährige ist einer der Staatsanwälte und Staatsanwältinnen, die in Berlin für die Ermittlungen zu Kapitalverbrechen zuständig sind. Das Verbrechen an Martin D. gehört zu seinen Fällen. Glage wirkt entspannt, als er sagt: „Wir sind uns sicher, den Täter ermittelt zu haben.“ Kein Auftragsmord stecke hinter der Tat, kein Verbrechen im Milieu, sagt er. Das Motiv für das Tötungsdelikt ist so alt wie die Menschheit: Liebe und Eifersucht. Es ging um zwei Männer, die um die Gunst einer Frau buhlten. Und von denen einer letztlich tot war. Im Mittelpunkt dabei: die damalige Noch-Ehefrau des Arztes.

Mutmaßlicher Mörder saß 37 Jahre im Knast

Der mutmaßliche Mörder von Martin D. ist ein alter Bekannter des Arztes und seiner Gattin: Manfred R. Er ist zum Tatzeitpunkt 78 Jahre alt und äußerst fit, ein studierter Ingenieur mit krimineller Vergangenheit. Der Mann sei schon einmal mit der Ehefrau von Martin D. zusammen gewesen, sagt der Staatsanwalt. Die Frau habe lange Zeit bis Anfang der 2000er-Jahre hinter dem Tresen einer Bar gearbeitet und dort beide Männer kennengelernt: Martin D. und Manfred R.

1999 heiratete sie den Mediziner. Doch ihre Freundschaft zu dem Ingenieur bestand offenbar weiter. „Wir gehen davon aus, dass Manfred R. mehr als nur Freundschaft wollte von der Dame“, erklärt der Staatsanwalt. Und er habe sich vermutlich Hoffnungen gemacht, als das Paar getrennte Wege gegangen sei und die Scheidung angestanden habe. Falsche Hoffnungen, wie sich herausstellte. Denn die Frau sagte sich emotional nie los von dem Arzt, selbst nach der Trennung nicht. Die Abweisung habe Manfred R. offenbar nie verwunden, sagt Glage. Der Frau, die er liebte, habe er nichts antun wollen. Das sei für Manfred R. nie in Betracht gekommen. Stattdessen habe er den Grund der Abweisung, Martin D., aus dem Weg geräumt. Für den Staatsanwalt ist das durchaus ein Motiv.

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Doch wie kamen die Ermittler überhaupt auf Manfred R.? Zumal der Täter wie ein Profi vorging, kaum Spuren hinterließ und es laut Glage für die Täterschaft des Mannes keine objektiven Beweismittel gibt: keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren, auch die Tatwaffe fehlt bis heute. Die Fokussierung auf Manfred R. als Tatverdächtigen habe sich erst im Laufe der Ermittlungen herausgebildet, sagt Glage. Obwohl der Mann schon kurz nach der Tat – wie andere auch – ins Visier der Fahnder geraten sei. „Letztlich deuten viele Indizien darauf hin, dass Manfred R. der mutmaßliche Mörder des Internisten ist“, erklärt der Staatsanwalt, um dann einen Verdachtsmoment nach dem anderen zu nennen.

Durch die jahrzehntelange Bekanntschaft mit dem Arztehepaar war Manfred R. sowohl der Tagesablauf von Martin D. als auch die Marienfelder Praxis und ihre Umgebung vertraut. Der Mann kann durchaus kriminelle Energie aufweisen, hat er doch fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis gesessen. Insgesamt 37 Jahre. Und zu Tatorten nahm er nie ein Handy mit. Das erklärt laut Glage, warum das Telefon des Mannes an jenem Abend nicht in Tatortnähe lokalisiert wurde. Zudem kannte Manfred R. Leute aus dem kriminellen Milieu, bei denen er sich illegal eine Schusswaffe besorgen konnte – auch ohne Waffenschein. „Manfred R. war ein geübter und skrupelloser Schütze“, sagt Glage. Bei mehreren Straftaten habe er als Täter rücksichtslos eine Schusswaffe eingesetzt. So weise der gewaltsame Tod von Martin D. starke Parallelen zu einem Verbrechen auf, das der mutmaßliche Mörder des Arztes 15 Jahre zuvor begangen hatte.

Zehn Jahre Haft wegen versuchten Totschlags

Im September 2003 wurde Manfred R. vom Berliner Landgericht wegen versuchten Totschlags verurteilt. Vier Monate zuvor war ein monatelanger Streit in dem Spandauer Mietshaus, in dem Manfred R. lebte, eskaliert. Ein Nachbar hatte ihm an einem Tag Mitte Mai lautes Hämmern in der Wohnung vorgeworfen. Schon am Nachmittag gab es deswegen eine harsche Auseinandersetzung, weil der Nachbar wegen des Lärms nachts nicht schlafen konnte.

Nach einem abendlichen Besuch im Spielcasino griff sich Manfred R. eine Schusswaffe und klopfte, weil die Klingel nicht funktionierte, gegen 23 Uhr an der Wohnungstür des Nachbarn. Als der 38-Jährige öffnete, trafen ihn fünf Schüsse. Manfred R. hatte sie in Tötungsabsicht abgefeuert, wie das Gericht später erklärte. Der Nachbar erlitt zwei Kopfdurchschüsse und einen Steckschuss im Schlüsselbein.

Nur durch eine Notoperation konnte er gerettet werden. Manfred R. gab an, er habe lediglich ein klärendes Gespräch mit dem Nachbar führen wollen. Die Richter ahndeten die Tat mit zehn Jahren Freiheitsentzug. Eine Berliner Boulevardzeitung titelte damals über das Urteil: „Jetzt kriegt er passende Nachbarn. Zehn Jahre Knast für Berlins brutalsten Mieter.“ Doch auch über die lange Haftzeit hinweg hielt die Freundschaft mit der Frau von Martin D.

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Der Fast-Totschlag des Nachbarn war jedoch nicht die erste schwere Straftat, die Manfred R. beging. Zwar war er mit einem Intelligenzquotienten von 136 gesegnet, das hatte ihm eine psychiatrische Sachverständige schon nach einer seiner ersten Straftaten attestiert. Doch seine Fähigkeiten steckte er nicht in sein berufliches Weiterkommen, sondern in seine kriminelle Karriere. Schon Ende der 1950er-Jahre, mit noch nicht einmal 20 Jahren, wurde Manfred R. wegen Raubes mit Todesfolge zu einer zehnjährigen Jugendstrafe verurteilt. Schuld sei nicht er, sondern ein „ihn zur Tat verführender Strolch“ gewesen, hatte er der psychiatrischen Sachverständigen erklärt.

Noch in der Jugendhaft schloss er eine Maschinenbaulehre ab. Wieder in Freiheit beging Manfred R. aber weitere Straftaten, wurde bis zu dem Kapitalverbrechen 2003 elfmal wegen Diebstahls, Hehlerei und Betrugs zu Freiheitsstrafen von insgesamt 17 Jahren verurteilt. Besonders spektakulär und dreist dabei: der Diebstahl Alter Meister aus dem Schloss Georgium im sachsen-anhaltinischen Dessau kurz nach der Maueröffnung. Manfred R. stieg mit einem Komplizen aus West-Berlin kommend am frühen Morgen des 11. Februar 1990 in das Museum ein. Sechs Gemälde aus dem Kunstbesitz des Hauses Anhalt schleppten die Männer aus der Galerie. Die Werke von Rubens, Cranach, Hals und Tischbein wollten sie mit einem Mercedes 190 E abtransportieren.

Täter klaute vor 30 Jahren Alte Meister in Dessau

Doch weil einem Polizisten die hochgestemmte Jalousie an einem der Fenster des Schlosses aufgefallen war, flogen die Diebe noch am Tatort auf und wurden festgenommen. Im November 1990 wurde Manfred R. vom Bezirksgericht Halle in zweiter Instanz wegen Diebstahls in besonders schwerem Fall rechtskräftig zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt. Seinen Komplizen, der den Coup ausgeheckt und Manfred R. für seine Unterstützung 10.000 DM versprochen hatte, schickten die Richter für acht Jahre hinter Gitter.

Die kriminelle Karriere von Manfred R. hat nun ein Ende gefunden, auch wenn er gar nicht wegen des dringenden Tatverdachts, Martin D. getötet zu haben, festgenommen werden konnte. Martin Glage schüttelt bedauernd den Kopf. Er hätte Manfred R. gerne auf die Anklagebank gebracht. Doch ein Gerichtsverfahren gegen den Tatverdächtigen werde es nie geben, sagt der Staatsanwalt. Denn drei Monate nach dem gewaltsamen Tod des Arztes brachte sich dessen mutmaßlicher Mörder um. Manfred R. informierte die von ihm so angehimmelte Witwe des Arztes über sein Vorhaben, dann erschoss er sich Ende April 2018 in seiner Wohnung. Auch der Suizid des Mannes sei ein Indiz für seine Täterschaft, sagt Glage. In seinem Abschiedsbrief habe er die Tat zwar nicht erwähnt, aber eines sei deutlich geworden: Manfred R. wollte auf keinen Fall wieder ins Gefängnis.

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Staatsanwalt Martin Glage hat die Ermittlungen im Mordfall Martin D. vor kurzem eingestellt. „Wir vernichten die Asservate aber noch nicht, obwohl wir uns sicher sind, den Richtigen zu haben“, sagt er. Man habe drei Jahre ermittelt, und die Arbeit führte letztlich immer wieder zu einem Tatverdächtigen. „Für die Tat kommt nur Manfred R. in Betracht. Es gibt auch kein anderes Motiv für so eine Hinrichtung“, sagt der Staatsanwalt. Aber letztlich fehle ein rechtskräftiges Urteil, das dem Mann die Tat bescheinige.

Auf dem Hinterhof der Arztpraxis deutet nichts mehr auf das Verbrechen hin. Doch am Haupteingang hängt noch immer ein Schild, das an den Mediziner erinnert: „Dr. med. Martin D., Arzt für Innere und Betriebsmedizin“, ist darauf zu lesen. Nur Sprechzeiten sind dort nicht mehr angegeben.