Silja Korn ist blind und kann  in der Corona-Krise nicht ohne fremde Hilfe aus dem Haus gehen. Foto: privat/BK

Diesen Dienstag demonstrierte Schauspieler Samuel Koch, der einst bei „Wetten, dass..?“ verunglückte, für die Rechte von Menschen mit Behinderung – aufgrund der aktuellen Lage im Livestream. Denn für Menschen mit Handicap ist die Corona-Situation mit völlig neuen Hürden verbunden. Im KURIER erzählen eine Blinde und eine Gehörlose, wie sie sich derzeit durch den erschwerten Alltag kämpfen.

Wenn Sie das nächste Mal draußen unterwegs sind, probieren Sie folgendes: Bleiben Sie auf einem öffentlichen Platz stehen, schließen Sie die Augen. Können Sie noch abschätzen, wie weit andere von Ihnen entfernt sind? Ohne Augenlicht wird das Kontaktverbot zu einer Herausforderung – Silja Korn, seit dem zwölften Lebensjahr blind, kämpft damit jeden Tag.

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Blinde Silja Korn kann den Abstand zu anderen nicht einschätzen und braucht Hilfe

Die 54-Jährige kann gerade nicht allein vor die Tür gehen, erzählt sie dem KURIER. Nur in Begleitung ihres Mannes traut sie sich an die frische Luft. „Ich kann den Abstand zu anderen gar nicht einschätzen – das ist eine der größten Herausforderungen während der Corona-Krise.“ Und nur eine von vielen. Korn ist seit dem zwölften Lebensjahr blind. „Ich konnte vorher schon nicht richtig sehen. Dann wurde ich von einem Auto angefahren“, erzählt sie. Eine schwere Gehirnerschütterung mit Blutungen nahmen ihr vollends das Augenlicht.

Heute kommt sie gut durchs Leben – Korn arbeitet als Erzieherin, stellt Spielzeug für blinde Menschen her, fotografiert und schreibt. Doch nun stellt sie die Corona-Krise vor völlig neue Aufgaben. „Mein selbstbestimmtes Leben ist dadurch eingeengt“, erzählt sie. Fahrten mit U- und S-Bahn sind unmöglich, ohne zu dicht an andere heranzukommen. Gleiches gilt beim Einkaufen. „Um den Abstand einzuhalten, gibt es in vielen Supermärkten die Einkaufswagen-Pflicht. Das funktioniert aber nur, wenn man den Wagen vor sich herschiebt. Ich ziehe ihn und navigiere in Laufrichtung mit dem Stock.“ Hinzu kommt: Ihre Stammsupermärkte habe sie sich lange erarbeitet – „hier weiß ich, was wo steht“, sagt Korn. Doch in der Corona-Anfangszeit, als viele hamsterten, griff sie plötzlich in leere Regale. „Und mir passiert es oft, dass andere Menschen mir Hilfe anbieten, wenn sie sehen, dass ich blind bin. Das tun momentan leider weniger, weil alle auf den Abstand achten.“

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Menschen mit Handicap brauchen in der Corona-Krise Hilfe und Unterstützung

Korn appelliert vor allem an die Menschen, Leuten mit Handicap in der schweren Zeit zu helfen. „Man kann ja gemeinsam überlegen, wie man das auch ohne Kontakt hinbekommt“, sagt sie. „Aber Menschen, die nicht sehen können, sind auf Unterstützung angewiesen. In der Not müssen wir zusammenhalten.“

Ein weiteres Problem stellen die Mund-Nasen-Masken dar. „Zum einen kann ich nicht sehen, wie ich sie aufsetze, muss sie mehr berühren als jemand, der sieht“, sagt Silja Korn. Auch den Geruchsinn schränken die Masken ein. „Ich nehme meine Umgebung auch mit der Nase wahr. Wenn ich zum Beispiel nach einer Bäckerei suche, hilft mir der Geruch dabei. Das geht mit einer Maske schwerer.“

Auch Kathleen Dunke (38) sagt: „Wir sind einer ungeheuren Belastung ausgesetzt.“ Ihr Ehemann Daniel (41), die beiden Kinder Hannah (7) und Nora (11) sind von Geburt an taub. Sie selbst kann noch ein bisschen hören. „Das Problem ist, dass wir von Nachrichten überschwemmt werden und viele erst später erfahren, weil wir nicht hören können“, sagt Dunke. Liveübertragungen, zum Beispiel Reden der Kanzlerin, müssten sie später nachlesen oder abends im Fernsehen bei einem Sender, der Gebärdensprache anbiete, verfolgen. Mal schnell zum Handy greifen und Freunde, Verwandte, Kollegen anrufen, können die Dunkes auch nicht. „Wir haben vorher schon ein einsames Leben geführt, jetzt ist es noch einsamer geworden“, sagt die Mutter.

Familie Dunke: Vater Daniel und Mutter Kathleen mit ihren Töchtern Nora (re.) und Hannah. Foto: privat/BK

Eine weitere Hürde ist der Mundschutz – „weil wir viele Wörter von den Lippen ablesen und die ja nun verdeckt sind“, so Dunke. Erst kürzlich habe sie ein unangenehmes Erlebnis in einer Arztpraxis gehabt, als ihr die Ärztin mit einer Maske gegenüber saß. „Ich musste sie bitten, die Maske abzunehmen, weil ich sie nicht verstand.“ Auch beim Einkaufen und überall dort, wo ein Mindestabstand eingehalten werden müsse, sei es für ihre Familie sehr schwer. „Wenn uns jemand von hinten anspricht, weil er schnell vorbei möchte, können wir das nicht hören“, sagt sie. Und neue Verhaltensregeln in Geschäften verstehen sie nicht auf Anhieb. „Als uns eine Verkäuferin bat, einen Einkaufskorb zu benutzen oder unsere Hände zu desinfizieren, haben wir nicht gewusst, was sie von uns wollte“ sagt Kathleen Dunke.

Viele Menschen würden ungeduldig und beschimpften sie. Sie fühle sich verlassen und allein in diesen Tagen. Ihre Mitmenschen nicht persönlich zu sehen, ist für die Dunkes noch herausfordernder als für Hörende. „Ohne Internet wären wir Gehörlosen total aufgeschmissen“, so Kathleen Dunke. Sie wünscht sich gerade in diesen Zeiten mehr Mitgefühl und Verständnis füreinander. „Jeder Einzelne hat ein persönliches Schicksal zu meistern. Wir sollten lieber erst einmal genau hinschauen, bevor wir andere maßregeln.“