Das sind die Protagonisten in dem Computerspiel, ganz links der animierte Egon Krenz.
Das sind die Protagonisten in dem Computerspiel, ganz links der animierte Egon Krenz. DHM

Kein Schuss fiel, Zehntausende zogen weitgehend unbehelligt durch die Straße. Die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 war so etwas wie der Anfang vom Ende der DDR. Die in den Westen geschmuggelten Bilder gehen um die Welt, in der Folge bricht ein politisches System zusammen. Der friedliche Protest von mehr als 70.000 Menschen gilt als wichtige Etappe auf dem Weg zum Fall der Mauer und dem Ende der DDR. Doch musste es so friedlich bleiben. Im Deutschen Historischen Museum (Unter den Linden, Berlin-Mitte)  können Besucher ab Freitag den 9. Oktober 1989 digital nachspielen. Und dabei entscheiden, ob die Friedliche Revolution auch friedlich bleiben soll. 

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„Es war an dem Tag nicht abzusehen, wie er enden wird“, beschreibt Historikerin Elisabeth Breitkopf-Bruckschen die Ausgangslage für das Museum bei der Entwicklung des Spiels mit Ausstellungsbezügen. „Geschichte ist ein offener Prozess, durch Handlung ist der Geschichtsverlauf beeinflussbar.“ Besucher können den Tag der Demonstration mit Hilfe von sieben verschiedenen Personen in einer Gamestation per Tablet des Museums oder eigenem Smartphone durchleben – und individuell beeinflussen.

Der Spieler kann in die Rolle von Egon Krenz schlüpfen

Die Figuren sind etwa an Egon Krenz angelehnt, zu dem Zeitpunkt in der obersten DDR-Führung für Sicherheitsfragen zuständig, einem Volkspolizisten und einer SED-Genossin oder einer Bürgerrechtlerin und dem Kameramann, über den die Aufnahmen der Demonstration in den Westen gelangten. Zu jeder Person zeigt das Museum historische Dokumente wie SED-Parteiabzeichen, original Flugblätter oder ein Telefon der Parteiführung.

Eine Person kann in „Leipzig '89 – Revolution reloaded“ im Historischen Museum Berlin gespielt werden.
Eine Person kann in „Leipzig '89 – Revolution reloaded“ im Historischen Museum Berlin gespielt werden. dpa/Sommer

Jeweils vier bis fünf Entscheidungen für jede der Figuren im Verlauf der Anwendung lassen den Tag sehr unterschiedlich ablaufen. Die Bürgerrechtlerin etwa kann schon früh verhaftet werden, wenn sie beim Kopieren eines illegalen Aufrufs erwischt wird. Krenz kann die Sicherheitskräfte losschicken, was zwar im Spiel zu historisch nicht erfolgten Auseinandersetzungen führt, den geschichtlichen Verlauf und Erfolg der Demonstration aber nicht verändert.

Das Spiel wurde vom Berliner Unternehmen Playing History mitentwickelt

Das Museum interessiere dabei, inwieweit sich das Mittel des Gamedesigns eigne, um neue Zugänge zu historischen Inhalten zu schaffen, erklärt Breitkopf-Bruckschen. Da viele Besucher den Höhepunkt der Friedlichen Revolution selbst erlebt haben, hätten diese ganz automatisch einen persönlichen Bezug zu dem über ein Tablet oder Smartphone erlebbaren Spiel, das an einzelne Ausstellungsobjekte gekoppelt ist: „Das heißt auch, dass viele Besucherinnen und Besucher eine Meinung zu dem haben, was damals passiert ist.“

Damals konnten das nur die Sowjets: Der Spieler kann hier auch Egon Kreuz steuern.
Damals konnten das nur die Sowjets: Der Spieler kann hier auch Egon Kreuz steuern. DHM

Für die Erstellung des Prototyps arbeiteten die Historiker eng mit Spielentwicklern des Berliner Unternehmens Playing History zusammen. „Für uns stellte sich dabei Frage, wie wir Geschichte reduzieren und abstrahieren können“, sagt Geschäftsführer Martin Thiele-Schwez. Auch die Darstellung sei deshalb eine Herausforderung gewesen. „Ein Spiel ist eben etwas anderes als hunderte Seiten ausgearbeitete wissenschaftliche Texte“, sagte Thiele-Schwez. Im Mittelpunkt habe stets der pietätvolle Umgang mit der Historie gestanden.

In der Ausstellung werden auch Polizeihelm und Schlagstock aus der DDR gezeigt.
In der Ausstellung werden auch Polizeihelm und Schlagstock aus der DDR gezeigt. dpa/Sommer

Das Spiel solle auch aufzeigen, welche möglichen Ausgänge der Tag hätte nehmen können, wenn individuell andere Entscheidungen getroffen worden wären, so Breitkopf-Bruckschen. Dass es wichtig sei, Geschichte kritisch zu reflektieren, zeigten zurzeit unter anderem die jüngsten Ereignisse im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, ergänzte die Projektleiterin.

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Mit dem kostenlosen Angebot wolle das DHM auch neue Besuchergruppen ansprechen. „Das Spiel eignet sich allerdings erst ab 16 Jahren. Man braucht einfach ein bestimmtes Vorwissen, um die Entscheidungsmöglichkeiten zu verstehen“, erklärt die Projektleiterin. Für jene, die an Smartphone oder Tablet weniger geübt sind, sei die inaktive Bedienung jedoch keine allzu hohe Hürde.