Ein Expertenteam der Charité muss jetzt eine Studie zum Corona-Variante Omikron zurückziehen. 
Ein Expertenteam der Charité muss jetzt eine Studie zum Corona-Variante Omikron zurückziehen.  dpa/Jörg Carstensen

Das ist wirklich dumm gelaufen. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte die Charité Berlin  im hochangesehenen Fachmagazin Science eine neue Studie über die wahre Herkunft der Corona-Variante Omikron. Eine Arbeit, die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sogar noch hoch gelobt wurde. Doch nun mussten die Wissenschaftler die Studie zurückziehen. Proben, die für die Arbeit herangezogen wurden, waren offenbar verunreinigt.

Das Team um Studienleiter Prof. Jan Felix Drexler machte den Rückzug. „Nach neuesten Erkenntnissen sind Teile der in der Studie gemachten Aussagen wegen Verunreinigungen in Untersuchungsproben nicht mehr ohne begründete Zweifel belegbar“, teilte Charité-Sprecherin Manuela Zingl am Dienstag mit. „Die Forschenden kommen damit ihrer Verantwortung für die gute wissenschaftliche Praxis nach, der sich die Charité und das internationale Autorenteam verpflichtet fühlen.“

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Am 1. Dezember hatte das Expertenteam um Prof. Drexler seine neuen Erkenntnisse zur Entstehung der SARS-CoV-2-Variante Omikron informiert, die 2021 erstmals in Südafrika entdeckt wurde und sich rasch weltweit ausbreitete. Bisher war unklar, wo die Corona-Mutation wirklich das erste Mal aufkam. In ihrer Arbeit hätten die Wissenschaftler mit ihren afrikanischen Kooperationspartnern nun herausgefunden: Omikron-Vorläufer gab es auf dem afrikanischen Kontinent schon deutlich vor dem ersten Nachweis von Omikron. Demnach ist die Virusvariante schrittweise über mehrere Monate in verschiedenen Ländern Afrikas entstanden, so damals die Charité.

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Corona-Proben: Solche Teströhrchen, die für die Studie herangezogen wurden, sollen verunreinigt gewesen sein. 
Corona-Proben: Solche Teströhrchen, die für die Studie herangezogen wurden, sollen verunreinigt gewesen sein.  dpa/Julian Stratenschulte

Das Ergebnis wurde in Fachkreisen hochgelobt. Auch Gesundheitsminister Lauterbach meldete sich zu Wort. Über Twitter teilte er mit: „Wichtige Studie  @ChariteBerlin zeigt, wie sich Omikron unbemerkt über Monate 21 in Afrika entwickelte. Zeigt wie dringend Aufbau von Überwachungssystemen (Ausbildung, Material) in armen Ländern ist. Wir übersehen eine Pandemie sogar in der Pandemie.“

Corona-Studie: Kurz nach der Veröffentlichung gab es erste Zweifel

Allerdings kamen bei den Autoren der Studie schnell einige Zweifel auf. „Kurz nach der Veröffentlichung wurde durch andere Wissenschaftlern die Plausibilität der analysierten Genomsequenzen in Frage gestellt“, heißt es nun in der Charité-Mitteilung. „In einer daraufhin durchgeführten Nachanalyse von Restproben wurden Verunreinigungen festgestellt, deren Ursprung und Auswirkungen auf einen Teil der durchgeführten Analysen nicht mehr zu klären sind.“

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Auch die Aussage in der Studie, dass Viren mit Omikron-Sequenzmerkmalen bereits vor dem offiziellen Nachweis in Südafrika existierten, wäre möglicherweise nicht mehr so haltbar, da sie auf übereinstimmende PCR-Nachweise aus Laboren aus verschiedenen afrikanischen Ländern beruhe. Die detaillierte Rekonstruktion der einzelnen Evolutionsstufen des Virus müsse nun durch die aufgetretenen Verunreinigungen in Zweifel gezogen werden oder ist zumindest nicht mehr eindeutig darstellbar, heißt es weiter.

Das Corona-Virus - vor einem Jahr wurde die Omikron-Variante in Südafrika entdeckt.
Das Corona-Virus - vor einem Jahr wurde die Omikron-Variante in Südafrika entdeckt. Imago/MiS

„Die vorliegenden Verunreinigungen machen auch eine zeitnahe Korrektur unmöglich, denn hierzu müssten mehrere Tausend Rückstellproben aus ganz Afrika nachanalysiert werden“, teilt die Charité-Sprecherin mit. „Aus diesem Grund wurde die gesamte Publikation jetzt im Einvernehmen mit allen Koautoren zurückgezogen.“

Die mit dem Projekt befasste Arbeitsgruppe habe nun mit der Aufarbeitung und Überprüfung der Studie begonnen. Das Team um Prof. Drexler „bedauert den Vorfall und dankt den internationalen Kollegen, die im Anschluss an die Veröffentlichung auf die möglichen Mängel aufmerksam gemacht haben“.