Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Foto: dpa/Britta Pedersen

Das Coronavirus beherrscht die Schlagzeilen - und den Arbeitstag des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller.  Der neue Schönefelder Flughafen BER, das langjährige Pannenprojekt, scheint in den Hintergrund gerückt zu sein. Doch dieser Eindruck trügt. Im Interview gibt der SPD-Politiker Müller (55) Auskunft, ob der Flughafen überhaut noch benötigt wird, was ihn an BER-Witzen genervt hat - und was für ihn der schwärzeste Moment in der Geschichte dieses Bauvorhabens war.

Berliner Kurier: Pleiten, Pech und Pannen liegen hinter uns, am 31. Oktober wird der Flughafen BER endlich eröffnet. Allerdings will jetzt kaum noch jemand Flüge buchen. Corona hat auch den BER ins Abseits gedrängt. Ist das nicht tragisch?

Michael Müller: Das ist schon eine kuriose Situation. Aber keine Besonderheit des BER. Mit dem Rückgang des Luftverkehrs müssen sich weltweit viele Flughäfen auseinandersetzen. Das trifft nicht nur Berlin.

Brauchen wir den BER überhaupt noch?

Na klar. Weil mit ihm eine langfristige Perspektive für diese Region verbunden ist. Weil er uns neue internationale Verbindungen bescheren wird. Weil der Flughafen die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig stärkt. Auf all das haben wir lange gewartet, und jetzt ist es so weit. Außerdem wird uns der BER dabei helfen, dass sich Berlin nach dem Ende der Coronakrise von den Folgen schneller erholt.

"Natürlich finde ich Tegel gut." Michael Müller (SPD), seit 2014 Regierender Bürgermeister von Berlin. Foto: dpa/ Paul Zinken

Der BER war über eine lange Zeit hinweg ein peinliches Projekt, für das die Berliner weltweit verspottet wurden. Wie hat die Häme auf Sie gewirkt?

In den vergangenen Jahren habe ich kaum eine internationale Konferenz, kein Politikertreffen, keine Zusammenkunft erlebt, bei der ich nicht auf den Flughafen angesprochen wurde. Natürlich hat der BER auch mich beschäftigt, manchmal hat das Flughafenprojekt auch mich wütend gemacht. Warum ging es nicht besser und schneller voran? Auf der anderen Seite war es bitter zu erleben, dass der BER fast immer nur als ein Berliner Projekt angesprochen wurde. Dabei waren und sind mit dem Bund und dem Land Brandenburg zwei weitere Partner im Boot. Auch sie tragen Verantwortung für die Planung, Steuerung und Finanzierung. Der Regierungsflughafen, der einiges Hin und Her erlebt hat, wird bereits zu 100 Prozent vom Bund betrieben. Streng genommen gab es sogar noch einen weiteren Partner: die Unternehmen, die den Flughafen gebaut und mit Technik ausgestattet haben.

„Das Flughafenprojekt ist auf eine schiefe Ebene gekommen“

Wie sind Sie mit dem Spott umgegangen?

Je nachdem, wie ich angesprochen wurde. Manchmal musste ich auch lachen, manchmal habe ich Dinge erklärt. Manchmal habe ich aber auch in aller Entschiedenheit darauf hingewiesen, dass Berlin die Malaise am BER nicht allein verantwortet und der BER ein wichtiges und richtiges Projekt ist.

Worin liegt Ihre Schuld?

Schuld – ich weiß nicht, ob das die richtige Kategorie ist. Das Flughafenprojekt ist auf eine schiefe Ebene gekommen, bevor ich als Regierender Bürgermeister im Aufsichtsrat direkt Verantwortung übernommen habe. Allerdings habe auch ich damals falsch eingeschätzt, wie lange es dauern wird, bis das Projekt BER in Ordnung gebracht ist. Ich ging davon aus, dass höchstens zwei bis drei Jahre ins Land gehen und der Betrieb 2014 oder 2015 beginnen kann. Es hat viel länger gedauert. Das war eine Fehleinschätzung.

Gab es Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, ob der BER jemals fertig wird?

Nein. Diesen Gedanken habe ich gar nicht erst zugelassen. Ich ging davon aus, dass es in Ordnung gebracht werden kann. Was auch passierte, mir war immer klar: Dieses Projekt muss zu Ende gebracht werden, und es kann zu Ende gebracht werden.

Was war der schwärzeste Moment in der Geschichte des Flughafenprojekts?

Das war am 8. Mai 2012, als die kurz darauf angekündigte BER-Eröffnung überraschend abgesagt wurde. Ich erinnere mich daran, dass am Vormittag eine gemeinsame Kabinettssitzung mit Brandenburg stattfand. Zu Beginn der Sitzung waren wir alle fest davon überzeugt, dass wir uns wenige Wochen später, am 3. Juni 2012, zur Eröffnungsfeier treffen werden. Doch es war schon bald zu merken, dass irgendetwas im Gange war. Klaus Wowereit und Matthias Platzeck verließen immer wieder die Sitzung, es gab offenbar Gespräche mit dem damaligen Flughafenchef Rainer Schwarz. Da lag etwas in der Luft. Doch auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet. Die Absage war schlichtweg niederschmetternd. Das war der schwärzeste Moment.

„Man muss die Investitionssumme von sechs Milliarden Euro schon richtig einordnen“

Gibt es auch etwas Positives, was Sie mit dem Flughafen BER verbinden?

Engelbert Lütke Daldrup ist und war ein Glücksfall für dieses Projekt. Ihm hat Berlin viel zu verdanken. Und ich bin sehr froh, dass ich ihn als Flughafenchef durchsetzen konnte.

Was gewinnen Berlin und Brandenburg, wenn der BER eröffnet wird?

Obwohl er erst jetzt in Betrieb geht, war der neue Flughafen bereits in den vergangenen Jahren ein Jobmotor für die Region, ein Treiber wirtschaftlicher Entwicklung. In seinem Umfeld hat sich schon viel entwickelt. Weil Unternehmen zu Recht erwarteten, dass er sich positiv auswirkt, haben sie investiert. Ein aktuelles Beispiel ist Tesla.

Versprechen, mit denen Politiker wie Sie den Bürger das Flughafenprojekt schmackhaft gemacht haben, lassen sich wegen Corona bis auf weiteres nicht einlösen. Weder ist der BER eine Jobmaschine, weil die Luftfahrtbranche schrumpft. Weil Touristen ausbleiben, wachsen die Fluggastzahlen nicht. Und zusätzliche Interkontinentalverbindungen gibt es auch nicht.

Corona wird uns nicht dauerhaft im Griff halten. Wenn Siemens in den Siemens-Campus und in den Energiebereich investiert, dann geht es dem Unternehmen um ein langfristiges Engagement. Auch die Urban Tech Republic TXL ist ein langfristiges Projekt. Investitionen wie diese sind auf gute internationale Verbindungen angewiesen, die der BER verbessern wird. Die Pandemie verzögert die wirtschaftliche Entwicklung, aber sie stoppt sie nicht.

Angesichts des Nutzens muten die Kosten gewaltig an. Die Investition wird mit sechs Milliarden Euro beziffert, und schon vor Corona war klar, dass der BER auf Jahre hinaus keinen Gewinn erwirtschaften wird. Hat sich der Aufwand trotzdem gelohnt?

Man muss die Investitionssumme von sechs Milliarden Euro schon richtig einordnen. Zum Beispiel, was den Schallschutz anbelangt. Damit Anwohner weniger stark mit Fluglärm belastet werden, steht zehn Mal so viel Geld bereit als ursprünglich geplant. Dass es zu den jetzigen Kosten gekommen ist, liegt auch daran, dass wir einen ganz anderen Flughafen bekommen, als zunächst geplant war. Er ist größer als in den anfänglichen Planungen, er hat Terminalbereiche, die weiterentwickelt worden sind, und leistungsfähigere Anlagen.

Wie lange wird der BER noch Kostgänger der Steuerzahler bleiben?

Für 2020 kommen auf die Gesellschafter zusätzliche Kosten von jeweils rund 100 Millionen Euro zu. Wie sich die finanzielle Lage in den Folgejahren entwickelt, kann ich Ihnen nicht sagen. Wir müssen sehen, wie sich die Pandemie entwickelt. Tegel hat uns jedenfalls gezeigt, dass die Flughafengesellschaft Gewinne erwirtschaften kann.

Es gibt immer wieder Vorschläge, die Flughafengesellschaft FBB zumindest teilweise zu privatisieren. Was halten Sie davon?

Wir haben in Berlin durchwachsene Erfahrungen mit Privatisierungen und Teilprivatisierungen gemacht. Beispiele sind Wohnungsbaugesellschaften und Wasserbetriebe. Was die Flughafengesellschaft anbelangt, wird Berlin dieses Thema nicht vorantreiben. Ob es in späteren Jahren unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen eine Rolle spielen wird, kann ich nicht beurteilen.

Die Empfangshalle des Flughafens Schönefeld. Vom 25. Oktober an heißt diese Luftverkehrsanlagen BER Terminal 5. Foto: Imago Images/ Markus Mainka

Auf absehbare Zeit werden die Passagierzahlen niedrig bleiben. Zumindest wegen seiner großen Kapazität wird der BER vorerst nicht benötigt. Warum hätte vorerst nicht alles beim Alten bleiben können – Tegel bleibt auf?

Und dann? Dann habe ich einen fertigen Flughafen, den ich nicht aufmache, und einen anderen, den ich weiter betreibe, obwohl ich ihn nicht brauche. Nein, es ist richtig, den BER jetzt zu öffnen und Tegel Anfang November zu schließen. Für den neuen Flughafen ist es gut, mit der Eröffnung nicht gleich von Null auf Hundert durchstarten zu müssen. Und es gibt viele Menschen, die schon lange darauf warten, dass Tegel endlich geschlossen wird. Die Anwohner, weil sie Ruhe erhoffen. Und die Berliner, die sich auf die Urban Tech Republic freuen können.

Tegel-Anwohner werden von Fluglärm entlastet, BER-Anwohner belastet. Ist das gerecht?

Das ist individuell oft ein Einschnitt und für die Betroffenen bitter. Aber nochmals: Das muss man in einem großen Zusammenhang sehen. 300 000 Menschen werden entlastet, wenn Tegel vom Netz geht. 100 000 Menschen werden belastet, aber sie können einen Schallschutz bekommen, den es vorher für sie in dieser Form nicht gab und der für Anwohner von Tegel bislang undenkbar war.

Sie sind in Tempelhof aufgewachsen, im Schatten des dortigen Flughafens haben Sie auch Ihre politische Karriere begonnen. Zur DNA des West-Berliners gehört die Liebe zu Tegel. Gibt es abseits der politischen Festlegungen einen Teil Ihrer Persönlichkeit, der TXL lieber weiterhin in Betrieb sehen würde?

Da kann ich aus voller Überzeugung Ja sagen. Natürlich finde ich Tegel gut. Dort kann man in vielen Fällen als Fluggast vom Taxi zum Flugzeug laufen, ohne abbiegen zu müssen. So kurze Wege wie im Flughafen Tegel wird es am BER nicht geben. Außerdem sind für mich als West-Berliner ganz persönliche Reiseerfahrungen mit Tegel verbunden. Diese Anlage wird etwas ganz Besonderes bleiben. Aber es ist auch so, dass wir im Interesse der Stadtentwicklung Projekte vorantreiben müssen. Dazu gehört die Urban Tech Republic TXL in Tegel, die Berlin dringend benötigte neue Wohnungen, dazu viele Unternehmens- und Institutsstandorte sowie Forschungsstätten, bescheren wird. Mit dem neuen Flughafen werden außerdem auch weitere Direktverbindungen von und nach Berlin entstehen.

„Es ist nicht nötig, Inlandsflüge in Deutschland zu verbieten“

Können Sie sich an Ihren ersten Flug von Tegel erinnern?

Damals war ich 12 oder 13. Meine Oma hatte uns zu einem Städtetrip nach London eingeladen. Wenn ich mich richtig erinnere, war das meine erste Flugreise überhaupt.

Die Erderhitzung schreitet fort, Klimaschutzziele lassen sich nicht einhalten. Ist es angesichts der drohenden Katastrophe überhaupt noch zeitgemäß, einen Flughafen zu eröffnen?

Ja, weil wir zugleich nach Tempelhof einen weiteren innerstädtischen Flughafen stilllegen. Ich fände es richtig, wenn der Flugverkehr im Interesse des Klimaschutzes auf das Nötigste reduziert würde. Trotzdem werden die Menschen auch in Zukunft reisen wollen, sowohl geschäftlich als auch privat. Sie werden es sich nicht verbieten lassen, Flugreisen zu unternehmen. Geschäftsleute und Politiker werden sich weiterhin persönlich begegnen wollen und auch müssen, auch wenn es immer mehr Videokonferenzen gibt.

Sollten die Nachtflugbeschränkungen am BER verschärft werden?

Nein. Damit ein Flughafen wirtschaftlich arbeiten kann, muss es möglich sein, dort zu den Randzeiten spätabends und frühmorgens, in Ausnahmefällen auch nachts zu starten und zu landen.

Wären Sie dafür, Inlandsflüge zu verbieten?

Es ist nicht nötig, Inlandsflüge in Deutschland zu verbieten. Schon jetzt gibt es solche Flüge immer weniger. Easyjet bietet keine mehr an, Air Berlin ging 2017 in die Insolvenz. Viele Menschen haben erkannt, dass es den Aufwand nicht lohnt, für ein kurzes Treffen mit dem Flugzeug anzureisen. Inklusive Fahrt zum Flughafen, Einchecken und Sicherheitskontrolle kann ein Weg vier Stunden dauern. Inzwischen wird auf viele Zusammenkünfte verzichtet, oder man reist per Bahn. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich Corona positiv ausgewirkt.

Auch in der SPD Berlin wird der Luftverkehr in seiner jetzigen Form zum Teil sehr kritisch gesehen. Ein Antrag beim Landesparteitag am 31. Oktober fordert, Inlands- und Kurzstreckenflüge zu verbieten. In einem anderen Antrag wird verlangt, den Luftverkehr nicht mehr steuerlich zu bevorzugen. Fühlen Sie sich da nicht allein auf weiter Flur?

Ich glaube, dass die neuen Landesvorsitzenden die Diskussion in aller Besonnenheit begleiten werden.

Das Parteitreffen findet am Tag der BER-Eröffnung in Neukölln statt. Sind Sie beim Empfang am BER dabei?

Am Anfang werde ich auf dem Parteitag sein. Dann fahre ich nach Schönefeld zur Flughafeneröffnung.

Flughafen Tegel, Terminal A. Am 8. November hebt in TXL zum letzten Mal ein Flugzeug ab . Wie beim ersten Flug 1960 wird es die Air France sein. Foto: Imago Images/ Stefan Zeitz

Sind Sie in Tegel, wenn dort am 8. November gegen 15 Uhr mit dem Start einer Air-France-Maschine der Flugverkehr endet?

Wenn es irgendwie möglich ist, werde ich kommen. Allerdings findet der Abschied von Tegel während einer besonderen Zeit statt. Anfang November wird es wieder viele Veranstaltungen zur Pogromnacht und zum Mauerfall geben. Das ist mir ebenso wichtig.

Die BER-Sammelflaschen sind weg

Haben Sie schon einen Flug vom BER gebucht?

Nein. Zwar würde ich gern mal wieder Urlaub machen, aber ich weiß nicht, wie sich die Lage entwickelt. Innerhalb weniger Tage kann die Situation eskalieren, und dann wird plötzlich der Rückflug gestrichen. Ich bleibe hier.

Wenn es nach dem Robert-Koch-Institut geht, leben Sie ja auch in einem Risikogebiet. 

In der Tat.

Haben Sie zuhause einen Gegenstand, der Sie an das Flughafenprojekt erinnert?

Als ich Stadtentwicklungssenator war, besaß ich eine Sonderedition von BER-Coca-Cola-Flaschen. Leider ist sie beim Umzug ins Rote Rathaus verloren gegangen. Die Flaschen waren sehr schön, aber sie sind weg. Jetzt habe ich nur noch ein BER-Kofferband.