Ein Mitarbeiter montiert eine Kurbelwelle in einen Diesel: Das wird in Marienfelde bald Vergangenheit sein. Foto: MediaPortal Daimler AG

Mit dem Diesel sollte es sterben, doch nun wird das Mercedes-Motorenwerk in Marienfelde nicht geschrumpft wie 2020 geplant. Der Autobauer Daimler, der 2030 keine Benzin- und Dieselautos mehr produzieren will, wird aus seiner ältesten, 1902 gegründeten und noch laufenden Betriebsstätte ein Elektromotoren-Schmiede machen. Dieselmotoren, Getriebeteile und Steuerungskomponenten für Verbrenner werden zum Auslaufmodell, dafür sollen künftig Hochleistungs-Elektromotoren für AMG-Modelle produziert werden - AMG ist eine Daimler-Tochter, die Mercedes-Autos tunt. Vor allem aber soll auch Software für die Werke weltweit entwickelt werden, die Mercedes-Pkw produzieren.

Das Mercedes-Werk an der Marienfelder Daimlerstraße von Süden gesehen. Im Hintergrund das Tempelhofer Feld, rechts davor die Trabrennbahn Mariendorf. Foto: Mercedes-Benz

Bereits im März hatte es Ankündigungen in dieser Richtung gegeben, nachdem zuvor noch von einer Reduzierung der bislang rund 2500-köpfigen Belegschaft auf 500 die Rede war. In Marienfelde sollte Software für die globale Produktion entwickelt werden, und es sollten Bauteile für Elektrofahrzeuge entstehen.

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Daimler wird jetzt aber um die 100 Millionen Euro allein für die E-Motoren-Produktion in das Berliner Werk investieren. Neben der Produktion der Motoren, die von der im Sommer von Mercedes gekauften britischen Firma Yasa entwickelt wurden, ist die Herstellung von Elektrokomponenten vorgesehen – und Marienfelde soll sich zu einer Art Testfabrik mausern: Entwickelt und ausprobiert werden sollen weitere Komponenten eines Software-Systems, das die Produktion bis hin zur Qualitätskontrolle unterstützt, und das in allen Pkw-Werken des Unternehmens zum Einsatz kommt. Das System macht es möglich, dass vom Meister am Band bis zum Vorstand alle wissen können, wie die Fertigung läuft.

Fortbildung vom Dreher zum Software-Ingenieur

Am „Mercedes-Benz Digital Factory Campus“, wie die Software-Abteilung etwas pompös bezeichnet wird, wird sich auch Siemens beteiligen. Mitarbeiter werden hier die Chance bekommen, das Programmieren zu lernen und sich nach und nach zum Software-Ingenieur fortbilden zu lassen.

Der Kurswechsel des Unternehmens wurde allgemein mit dem Aufbau des Tesla-Werks in Grünheide östlich von Berlin in Verbindung gebracht. Im November 2020 hatte der US-Elektroautohersteller den Produktionsleiter des Marienfelder Werks, René Reif, abgeworben (der KURIER erfuhr aus sicherer Quelle, dass er nach wenigen Tagen wieder weg von Tesla war).

Michael Rahmel, Betriebsratsvorsitzender im Mercedes-Werk Marienfelde, war 2020 noch sehr empört, als sogar die Schließung der Fabrik in Rede stand. Im November legten beispielsweise 1200 Beschäftigte aus Protest die Arbeit in einer Schicht nieder. IG Metall/von Polentz/transitfoto.de

Jan Otto, Chef der IG Metall Berlin, wies darauf hin, dass die Mitarbeiter in Marienfelde bis 2029 eine Beschäftigungsgarantie hätten. Er sieht gute Chancen, dass die Belegschaftsstärke danach mindestens erhalten werden kann, was natürlich vom Absatz abhänge. Er meint jedoch: „Der Aufwind für Elektroautomobile ist nicht zu stoppen.“

Gewerkschaft machte Druck zur Rettung des Werks

Der Gewerkschafter kritisiert, dass Druck nötig gewesen sei, das Unternehmen zur Neuausrichtung des Werks zu bewegen. Der Betriebsratsvorsitzende Michael Rahmel konkretisiert das: „Ein Jahr lang haben wir keiner Mehrarbeit zugestimmt, neun Monate lang keiner Rufbereitschaft.“

Wir sind am Arsch

Michael Rahmel, Betriebsratsvorsitzender, über die Stimmung im Werk 2020

Jetzt aber werde es die größtmögliche Transformation geben, meint Otto, weg vom reinen Produktionsstandort. Durch die geplante Software-Entwicklung in Marienfelde setze Daimler einen Kontrapunkt zu Tesla, was auch wichtig für Berlin sei. Otto: „Ich bin sehr froh, dass wir das hinbekommen haben. Es ist ein fantastisches Konzept.“

Die Mitarbeiter hingegen seien hoch motiviert: Bei einer Veranstaltung, auf der es um die Qualifizierung  gegangen war, seien zur Überraschung des Unternehmens sehr viele Beschäftigte erschienen, berichtet Otto. Für diejenigen, die sich beispielsweise wegen ihres Alters nicht auf die Änderungen einlassen wollten, werde es Lösungen geben. Jörg Burzer, im Mercedes-Benz-Vorstand für die Produktion verantwortlich, hatte zuvor erklärt, es werde keinen Arbeitsplatzabbau geben.

Michael Rahmel sieht jetzt eine „nachhaltige Zukunftssicherung“ des Standorts. Mit Clemenz Dobrawa, dem Chef des Werks, habe man „die Tür zur Zukunft geöffnet“, auch wenn noch Details zu regeln seien. Zum Beispiel, wann welche herkömmliche Produktion ausläuft, um Platz für Fertigung und Montage der E-Motoren zu schaffen. Außerdem erwartet Rahmel, dass die künftigen Marienfelder Motoren in weiteren Mercedes-Modellen eingebaut werden.

Die Stimmung in der Belegschaft jedenfalls sei jetzt viel besser. Das habe sich Anfang November an tosendem Beifall gezeigt, als man im Freien bei Regen rund 1000 Mitarbeitern schon einmal mitgeteilt hatte, dass sich der Kampf um das Werk gelohnt habe. 

Für Michael Müller (SPD) ist die Entwicklung in Marienfelde ein Sahnehäubchen am Ende seiner Zeit als Regierender Bürgermeister: „Für den Produktions- und Innovationsstandort Berlin ist die voranschreitende Transformation des Standortes eine sehr gute Nachricht.“