Draußen sein heißt mit allen Sinnen lernen.  Foto: imago

Wenn drinnen die Aerosole tanzen, und Schüler und Lehrer beim Stoßlüften in Klassenräumen bibbern, warum dann nicht gleich die Jacken anbehalten und Unterricht im Freien machen? Was etwa in Dänemark als „udeskole“ praktiziert wird, hat auch hierzulande mehr Aufmerksamkeit verdient – auch über die Pandemie hinaus.

Das Umweltbundesamt schreibt: „In der Außenluft werden potenziell virushaltige Partikel in Verbindung mit den fast immer vorhandenen Luftbewegungen (Wind, Turbulenzen) rasch verdünnt. Dadurch ist das Risiko einer Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole im Außenbereich sehr gering, wenn der Sicherheitsabstand eingehalten wird.“ Das RKI, Drosten und der gesunde Menschenverstand empfehlen es: In der Pandemie ist Unterricht im Freien sicherer als drinnen. Doch auch unabhängig davon gibt es gute Argumente, mehr Draußen zu wagen.

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Dass das funktionieren kann, zeigt das Beispiel eines Ulmer Gymnasiums: Dort wurde auf Initiative eines Lehrers hin 2019 eine Outdoorklasse ins Leben gerufen, welche einmal in der Woche draußen unterrichtet wird. Nicht nur naturnahe Fächer wie Erdkunde und Biologie werden im Freien gegeben, sondern auch ganz klassisch Mathe und Deutsch stehen auf dem Plan. Eine Arbeitsgruppe an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der TU München forscht zum Thema Draußenunterricht und begleitet die Outdoor-Klasse am Ulmer Anna-Essinger-Gymnasium. Dr. Christoph Mall und Jan Ellinger gehen der Frage nach, wie sich das Lernen im Freien auf die körperliche Aktivität, die Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse, die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die Entwicklung der sozialen Netzwerke und die Naturverbundenheit der Schüler auswirkt.

Dabei ist Draußenunterricht mehr als ein Wandertag oder die Verlagerung des herkömmlichen Unterrichts auf die Parkbank. Orte, die sich für den Unterricht im Freien eignen, gibt es in der Nähe fast jeder Schule: Wälder, Felder, Parks, Sümpfe, Seen und Flüsse, den Schulhof, aber auch Orte wie Museen, Industriegebäude, und das lokale Schulumfeld mit Geschäften, Bibliotheken und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Lernen in der Natur prägt Persönlichkeit

Dass das Lernen in der Natur Persönlichkeit prägt und von unschätzbarem Wert ist, dafür braucht Beate Kitzmann keine wissenschaftlich belegte Wirksamkeitsanalyse. Für die Biologin und Leiterin des Naturhofs Malchow ist auch so klar: Stadtkindern wird ein wesentliches Entwicklungsfeld entzogen, wenn sie nicht mit Natur in Berührung kommen.

Normalerweise kommen regelmäßig Schulklassen auf den Hof in Malchow und erleben einen Tag lang Lernen in und mit der Natur. „Ökologische Zusammenhänge kann man natürlich in der Theorie erklären, verstehen kann man sie nur durch praktisches Tun“, sagt Beate Kitzmann.

Beate Kitzmann leitet den Naturschutzhof Malchow. Gerd Engelsmann

Die direkte Erfahrung lässt sich dabei nicht nachbilden. Sie habe schon Anfragen bekommen, ob man für die digitale Umweltbildung nicht einen virtuellen Rundgang auf dem Hof mit VR-Brille anbieten solle. „Da fehlt doch der Wind auf der Haut“, gab Beate Kitzmann zu bedenken. Auch das könne man nachempfinden, so die Entwickler. Kitzmann lehnte dankend ab. „Stolpern, hinfallen, sich den Elementen aussetzen, das muss unmittelbar passieren und nicht gefiltert. Empathie entwickeln, körperliche Erfahrungen machen, das ist persönlichkeitsbildend.“

Sie habe schon Kinder hier gehabt, die waren noch nie im Wald, sagt Beate Kitzmann. Kinder, die weder Stroh noch Heu kennen. Manche Kinder glaubten, die drei Bäume im Park seien ein Wald. „Doch wie soll man etwas schützen, das man nicht kennt? Es wird immer weniger, was man unter schützenswerter Natur versteht“, sagt Beate Kitzmann. Eine Entkopplung von der Natur finde statt, im Vergleich zu ihren Anfangsjahren in Malchow vor 30 Jahren sei das deutlich sichtbar. Kein Wunder, wenn selbst Schulen gute Gelegenheiten, den Lernraum zu erweitern, verstreichen lassen.

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Eine Schülerin einer siebenten Klasse sollte zu Hause vor dem Bildschirm im Lockdown anderthalb Stunden einen gefilmten Waldspaziergang ansehen und beschreiben, welche Pflanzen und Tiere sie wahrnimmt. „Verschenkte Zeit“, findet Beate Kitzmann. Warum den Waldspaziergang nicht live und in Farbe durchführen?

Lehrer trauen sich zu selten aus dem Klassenzimmer

Doch die wenigsten Lehrer trauen sich regelmäßig aus dem Klassenzimmer. Selbst Biolehrer scheuen den Unterricht in der Natur. „Sie haben es schlicht nicht anders gelernt“, glaubt Beate Kitzmann. Außerdem gehe es in Schulen noch immer viel zu oft um abprüfbares Wissen, weniger um Erfahrungslernen. „Dabei ist nichts natürlicher als die Auseinandersetzung mit Natur. Fehlt sie, fehlt eine Facette in der Ausbildung von Denkmustern“, sagt sie. Wer als Kind keine Empathie mit Natur und Tieren erfahren habe, der erlebe auch später eine Distanz oder gar Angst vor der ungeordneten Umgebung.

„Lernen im Klassenzimmer entspricht den Bedürfnissen nach Überschaubarkeit, Planbarkeit und Kontrolle und gewährleistet ebenso ein ruhiges und bekanntes Lernumfeld“, scheiben die Münchner Forscher. Gleichzeitig bedeute dies, dass die Schüler*innen in einem starren Klassenraum mit wenigen Veränderungen lernen müssen. „Im Gegensatz dazu ermöglicht der Draußenunterricht Lernen in einer Umgebung, die durch Veränderungen der Jahreszeiten viel Abwechslung, Platz, Bewegung, multisensorisches Lernen sowie die direkte Einbeziehung der Natur in der Praxis bietet.“

Ja, so ein sinnvoller Tag im Freien muss vorbereitet werden, es braucht Klemmbretter und Sitzkissen und natürlich einen Plan. Unter Umständen wirkt er dann auf vielen Ebenen und länger nach.

Auch auf dem Naturhof Malchow dürfen die Kinder nach dem Lerntag oft noch unangeleitet Zeit draußen verbringen. Das Gelände erkunden, Höhlen bauen, Toben. „Kinder haben ein enormes Bewegungsbedürfnis“, sagt Beate Kitzmann, sie gehen in Nischen, suchen sich Herausforderungen und wachsen daran. Um die jungen Gäste, die auch in dieser freien Zeit immer in der Nähe der Lehrer blieben, mache sie sich Sorgen. Gleichzeitig vertraut die Biologin auf die unbegrenzte therapeutische Wirkung von Natur: Gut möglich, dass wir nach der Pandemie alle Durchatmen und noch mehr Grün zum Abbau von Stress nötig haben. Draußen.