Vor der "Laib und Seele"-Ausgabestelle in Berlin stehen Menschen und warten auf Lebensmittel.
Vor der "Laib und Seele"-Ausgabestelle in Berlin stehen Menschen und warten auf Lebensmittel. Christophe Gateau/dpa

Was machst du, wenn ein Einkauf beim Discounter dir den Atem verschlägt. Wenn man schon länger rechnen musste und nach Angeboten Ausschau hielt. Wenn es bisher immer irgendwie reichte, aber jetzt einfach keine Luft mehr ist. Dann geht man zur Tafel, wo es kostenlose Lebensmittel gibt. Egal was, alles hilft, was man nicht kaufen muss. Der Makel, bedürftig zu sein, ist längst keiner mehr. In den Schlangen vor den Ausgabestellen sind alle gleich. Gleich arm. Egal, ob einer nur einmal im Monat kommt oder alle paar Tage - alle eint die Tatsache, dass das Geld zum Leben nicht ausreicht.

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Seit dem Anfang des Jahres ist die Zahl der Menschen, die zur Tafel gehen, sprunghaft angestiegen. Die Zahl der Nutzer der sozialen Angebote habe sich um die Hälfte erhöht und einen neuen Rekordstand erreicht, teilte der Dachverband der Organisation am Donnerstag in Berlin mit. Mittlerweile würden deutlich über zwei Millionen von Armut betroffene Menschen in Deutschland die Angebote wie kostenlose Lebensmittel nutzen. Dies seien so viele Bezieher wie nie zuvor.

Geflüchtete aus der Ukraine, Rentner, Geringverdiener sind auf Tafeln angewiesen

Die Tafel Deutschland habe im Juni und Juli 962 Mitglieds-Tafeln befragt, 603 Tafeln hätten sich an der Umfrage beteiligt. Dies habe ergeben, dass 60 Prozent der Tafeln seit Jahresbeginn einen Zuwachs ihrer Kundschaft um bis zu 50 Prozent verzeichnt haben. Knapp ein Viertel (22,6 Prozent) unterstütze sogar bis zu doppelt so viele Menschen. Bei 7,6 Prozent der Tafeln habe sich die Zahl der Kundinnen und Kunden verdoppelt, bei knapp neun Prozent sogar mehr als verdoppelt.

Vor allem Geflüchtete aus der Ukraine zählen die Tafeln als neue Kunden. Dazu kommen aber auch viele Arbeitslose, Geringverdiener sowie Rentnerinnen und Rentner, erklärte der Dachverband.

Vor Halle 30 auf dem Grossmarkt am Westhafenkanal gegenüber der Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin arbeiten Mitarbeiter der Berliner Tafel an Paletten mit Lebensmitteln.
epd
Vor Halle 30 auf dem Grossmarkt am Westhafenkanal gegenüber der Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin arbeiten Mitarbeiter der Berliner Tafel an Paletten mit Lebensmitteln.

Tafeln in Deutschland sind am Limit

Dessen Vorsitzender Jochen Brühl erklärte: „Tafeln sind am Limit und berichten uns, dass viele Menschen zu ihnen kommen, die bisher gerade so über die Runden gekommen sind und zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen müssen.“ Er gebe aber auch ehemalige Kundinnen und Kunden, deren Situation sich wieder verschlechtert habe.

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Die Nachfrage liege noch höher, 32 Prozent der Tafeln haben demnach bereits einen Aufnahmestopp einführen müssen. Es fehle an Lebensmitteln oder Ehrenamtlichen oder an beidem. 62 Prozent der Tafeln würden momentan außerdem kleinere Mengen verteilen, um möglichst vielen Menschen Lebensmittel mitgeben zu können.

Geflüchtete denken, es gibt Lebensmittel vom Staat

Der Dachverband kritisierte die Sozialämter und Behörden vieler Kommunen, weil dort Geflüchtete weiterhin ohne Rücksprache an die Tafeln verwiesen würden. Besonders bei vielen Menschen aus der Ukraine sei der falsche Eindruck entstanden, die Tafeln seien ein staatliches Angebot, auf das Anspruch bestehe.

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„Es ist verantwortungslos, wenn Behörden Menschen zu einer Tafel schicken, ohne sich überhaupt zu erkundigen, ob die Tafel neue Kundinnen und Kunden aufnehmen kann“, erklärte Brühl. „Dass alle Menschen in Deutschland genug zu essen und zu trinken haben, muss der Staat gewährleisten, nicht das Ehrenamt.“