Eine Kundin mit einer FFP2-Maske auf einem Berliner Gemüsemarkt Foto: AFP/David Gannon

Im öffentlichen Nahverkehr, in Arztpraxen, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, im Einzelhandel und in kulturellen Einrichtungen müssen in Berlin FFP2-Masken getragen werden. Medizinische OP-Masken bieten keinen ausreichenden Schutz vor einer Ansteckung mit Corona, so die Begründung der Politik. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH) hält in einer bislang unbeachteten Stellungnahme dagegen. Hier heißt es: „Der Beschluss des Berliner Senats zu einem FFP2-Masken-Tragegebot gefährdet die Bevölkerung.“ Wie begründen die Mediziner und weitere Fachkräfte der DGKH ihre Aussage?

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH) ist nach eigenen Angaben eine Fachgesellschaft für Krankenhaushygiene in Deutschland, deren Anliegen die „Verhütung und Bekämpfung krankenhaus- und praxisassoziierter Erkrankungen mit den Schwerpunkten Infektionsprophylaxe“ ist. Präsident ist Prof. Dr. Martin Exner vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit des Universitätsklinikums Bonn. Zudem steht die DGKH unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Gesundheit.

Keine Möglichkeit für die Bevölkerung, die passende Maske auszuwählen

Der Beschluss werde „aus Sicht der DGKH sehr kritisch gesehen und bedarf dringend der Überprüfung“. FFP2-Masken sind demnach „Hochleistungs-Atemschutzmasken, die für den Arbeitsplatz bestimmt sind. Nur bei korrekter Anwendung übertrifft ihre Wirksamkeit im Allgemeinen jene von chirurgischem Mund-Nasen-Schutz“. Entscheidend sei, dass „die Maske angepasst ist, auf dichten Sitz überprüft wurde und dass das Tragen geschult wurde“. Die neue Technische Regel Biologischer Arbeitsstoffe TRBA 255, die laut DGKH „für den Arbeitsplatz und hier speziell Pandemien gilt“, fordert „ausdrücklich, dass aus mehreren Maskentypen ausgewählt werden kann, damit die für die Gesichtsform optimale Maske benutzt wird“.

Zudem werde „eine Schulung“ gefordert. Nach Ansicht des DGKH sei diese „auch unbedingt nötig, wie die Erfahrungen mit dem FFP2-Maskentragen bei Beschäftigten im Gesundheitswesen zeigen“. Für die Bevölkerung bestehe aber „weder die Möglichkeit, die passende Maske auszuwählen, noch erfolgt eine Schulung“. Im Allgemeinen würden die Masken daher nicht korrekt getragen. Die Folge: Sie verlieren die Schutzwirkung.

Erhebliche Atemarbeit, die bei stärkerer körperlicher Belastung zu Luftnot führt

Darüber hinaus erfordere eine korrekt getragene FFP2-Maske, die dem Gesicht eng anliegt, „eine erhebliche Atemarbeit, die bereits bei geringer Anstrengung spürbar und bei stärkerer körperlicher Belastung deutlich beeinträchtigend wird und zu Luftnot führt“. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger verleite „diese Atemerschwernis zum falschen Tragen und zum Atmen durch die Leckagen“.

Dies betreffe besonders „ältere Personen und Personen mit Lungen- oder Herzerkrankungen“. Für diese bedeutet das FFP2-Masken-Tragegebot laut DGKH, „dass sie entweder das Haus nicht verlassen können, dass sie im Falle des Nichtragens von Masken in der Öffentlichkeit ein Bußgeld bezahlen müssen oder dass sie die Maske so tragen, dass sie atmen können“. Letzteres bedeute aber, dass „die Maske nicht dicht sitzt“. Damit seien die Menschen ungeschützt. Das Fazit der Experten: „Der Beschluss des Berliner Senats zu einem FFP2-Masken-Tragegebot gefährdet die Bevölkerung.“

DGKH empfiehlt Abstandsregel, OP-Maske, Hygienemaßnahmen und Lüften

Die Schlussfolgerung der Mediziner bezieht sich nicht auf das grundsätzliche Tragen von Masken. So heißt es in einem weiteren Beitrag von Anfang des Jahres zu FFP2-Masken: „Mit den bisherigen, sich gegenseitig ergänzenden Maßnahmen wie Abstandsregel, Alltagsmaske, Hygienemaßnahmen und ausreichende Lüftung werden die Ziele des Infektionsschutzes bei korrekter und konsequenter Einhaltung in der Öffentlichkeit gewährleistet.“ Zudem verweisen die Experten der DGKH auf den von ihnen erarbeiteten Corona-Knigge. Der Grundsatz lautet hier: „Hygiene ist nicht alles, aber ohne Hygiene ist alles nichts. Ohne Hygiene wird die Verhütung und Bekämpfung von Covid-19 nicht gelingen.“

Eine weitere Verbesserung des Infektionsschutzes könnte nach Ansicht der Experten „durchaus erzielt werden, wenn ausreichend medizinische Mund-Nasenschutz-Masken vorhanden wären, ohne dass es zu Engpässen in Kliniken und Pflegeheimen käme“. Der medizinischen Mund-Nasen-Schutz habe im Gegensatz zu Alltagsmasken „definierte Filtereigenschaften“, sei im Vergleich zu FFP-2 Masken kostengünstig und könne zudem „auch länger getragen werden“.

Die medizinischen Masken oder OP-Masken wurden etwa in Krankenhäusern oder Arztpraxen bereits vor Corona verwendet. Sie schützen die Menschen in der nahen Umgebung des Maskenträgers vor Flüssigkeitsteilchen, die etwa beim Sprechen oder Husten abgegeben werden. OP-Masken schützen also in erster Linie das Gegenüber vor Tröpfchen des Mundschutzträgers. Aerosole werden von diesen Masken aber nicht gefiltert. FFP2-Masken hingegen sollen Fremd- und Eigenschutz bieten, da sie Aerosole filtern können. Nach Angaben des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) müssen FFP2-Masken mindestens 94 Prozent der Testaerosole filtern.

Die DGKH sagt jedoch, dass der Schutzeffekt der FFP2-Maske nur dann umfassend gewährleistet sei, wenn sie „durchgehend und dicht sitzend, also passend zum Gesicht und abschließend auf der Haut“ getragen werde. In den „Empfehlungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zum Einsatz von Schutzmasken im Zusammenhang mit SARS-CoV-2“ werden FFP2-Masken nicht zur privaten Nutzung empfohlen.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH) mit Sitz in Berlin ist nach eigenen Angaben „eine medizinische Fachgesellschaft, die sich mit der Verhütung und Bekämpfung krankenhaus- und praxisassoziierter Erkrankungen mit den Schwerpunkten Infektionsprophylaxe, Gesundheitsförderung und Umweltschutz auseinandersetzt“. Ziel der Gesellschaft ist demnach die Erreichung bestmöglichen hygienischen Niveaus in allen medizinischen Bereichen, zur Förderung der wissenschaftlichen Arbeit, der Vermittlung ihrer Erkenntnisse sowie des Dialogs zwischen Hygienikern, Klinikern, ambulant tätigen Ärzten und Zahnärzten sowie Schwestern, Ökonomen, Ingenieuren und Hygienefachkräften. Ein Hintergrund sind nosokomiale Infektionen, an denen nach Schätzungen der DGKH in Deutschland jährlich etwa 800.000 Menschen erkranken und bis zu 40.000 Menschen versterben.