Eine Szene aus „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ im Berliner Ensemble.  imago/Kern

Mehrfach verschoben, endlich zu sehen. Frank Castorf bringt am 12. Juni Erich Kästners berühmten Berlin-Roman „Fabian“ auf die Bühne. Aufdringlichstes Kulissenteil im Berliner Ensemble (BE): eine überlebensgroße barbusige Revuetänzerin mit kreisenden Hüften (F.).  Eigentlich heißt der Kästner-Roman aus dem Jahr 1931 „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“, Frank Castorf nennt den Abend am BE aber „Fabian oder der Gang vor die Hunde“. So heißt der Titel einer Rekonstruktion der Urfassung des Romans aus dem Jahr 2013. 

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Einen zeitgeistigen Spin dürfte der ehemalige Volksbühnen-Intendant gefunden haben.  Schon 1950 schrieb Erich Kästner, dessen Bücher von den Nationalsozialisten verbrannt worden waren, über seinen zensierten „Fabian“: „Heute sind bereits neue, genauer, sehr alte Mächte fanatisch dabei, wieder standardisierte Meinungen durch Massenimpfung zu verbreiten. Noch wissen viele nicht, viele nicht mehr, dass man sich Urteile selber bilden kann und sollte. Der Roman ‚Der Gang vor die Hunde‘ wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherten!“ Das Zitat ist auch auf der BE-Homepage zu finden.

Der Abend im BE dauert mindestens viereinhalb Stunden

Hauptdarsteller Marc Hosemann sah man zuletzt pandemiebedingt immer trauriger durch Mitte und Kreuzberg stolpern. Er kann jetzt wieder nach Herzenslust rumpoltern. Zuschauer benötigen, wie oft bei Castorf, Sitzfleisch. Der Abend im BE dauert mindestens viereinhalb Stunden. Es gibt eine Pause und verschärfte Hygiene-Bedingungen. Zum Ensemble gehören unter anderem Frank Büttner (hat eine schwule Sex-Szene mit Hosemann), Sina Martens und Andreas Döhler. Die Bühne ist von Aleksandar Denić, um die Kostüme kümmert sich Adriana Braga Peretzki, das Videoteam besteht aus Jens Crull und Andreas Deinert.

Karten für das dramatisierte „Sittenbild“ am Vorabend der NS-Machtergreifung gibt es unter Tel. 030/28408155 und im Netz