Wiltbergstrasse Ecke Karower Chaussee. In Buch hält ein Plakat der "Partei" den Finger in die Wunde.  Foto: Bernd Friedel /BK

Satire muss weh tun, sie darf fast alles. Doch was, wenn keiner merkt, dass es sich um einen scharfzüngigen Fingerzeig, ein grenzwertiges Bohren in der Wunde handelt? So geschehen in Pankow. Ein Leser schickte eine Aufnahme eines Baustellenschildes an der vielbefahrenen Wiltbergstraße, das ihn und weitere Passanten in Berlin Buch schwer irritiert.

An einem Bauzaun prangt die Nachricht: "Berlin baut: Hier entsteht ein Massengrab". Die Anmutung ist halbwegs offiziell, die EU-Sterne auf blauem Grund neben Berlin-Logo und Bundesfarben sorgen für das Gefühl, hier spräche der Staat. Wer nur flüchtig auf das Plakat schaut, kann da schon ins Grübeln kommen. Nur wenige Meter weiter befindet sich eine Unterkunft für geflüchtete Menschen.

Leserin: „Ich finde das persönlich sehr anstößig“

„Ich finde das persönlich sehr anstößig“, schreibt der Leser. Können Sie recherchieren, welche Botschaft von den Unterzeichnern vermittelt werden soll?“

Aufschluss geben genau jene Unterzeichner: Den Bund Deutscher Discountbestatter, der unten auf dem Plakat auftaucht, gibt es ebenso wenig wie das Roland Koch Institut und die Deutsche Rentensicherung. „Die Partei“ des Satirikers Martin Sonneborn gibt es allerdings sehr wohl. 

Bei der Europawahl 2014 wurde Sonneborn als Spitzenkandidat der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI), deren Bundesvorsitzender er ist, zum Mitglied des Europäischen Parlaments gewählt. 2019 zog er erneut in das Parlament ein. 

Satire - Plakat der "Partei".  Foto: Bernd Friedel /BK

Mit dem krassen Plakat fordert sie derzeit nicht nur die Bucher Bürger heraus. Auch in Kreuzberg in der Skalitzer/Ecke Mariannenstraße soll an einer Baustelle ein gleiches Plakat befestigt sein.

In der Bucher Wiltberstraße scheint der Hintergrund für die drastische Mahnung klar: Seit Jahren wird die vielbefahrene Schlagader Buchs saniert. 2007 hatte das Bezirksamt bereits den Ausbau beschlossen. Weil lange Zeit kein Geld zur Verfügung stand, wurde der Baubeginn immer wieder verschoben.

Dann stellte der Senat 2014 endlich die nötigen  sieben Millionen Euro aus dem Förderprogramm Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW) zur Verfügung. Die Arbeiten wurden europaweit ausgeschrieben. Bis heute ist die holprige Wiltbergstraße nicht fertig, es gab Verzögerungen, die kosten.

Steuergelder auf Nimmerwiedersehen versenkt

Steuergelder werden hier, so der Vorwurf  auf Nimmerwiedersehen versenkt – in einem Massengeldgrab eben.  In dem umzäunten Areal wuchert Grün über das Baumaterial, ein Dixie-Klo wartet vergeblich auf Benutzer. Und dies ist erst der dritte Bauabschnitt in der Sanierung der Wiltbergstraße. Ein vierter soll noch folgen.

"Wir haben schon gelästert, dass hier archäologische Ausgrabungen stattfinden", sagt Regine Pohl (64) die hier täglich vorbei kommt. Das Schild findet sie bei aller Kritikwürdigkeit dennoch makaber. "Es sollte entfernt werden."