Geduld, bitte: Vor dem Cabuwazi-Trainingszentrum stand eine lange, lange Schlange von Impfwilligen. Markus Wächter

„Ick freu mir 'nen Kullerkeks!“ André Schröder sitzt auf einem Campingstuhl, vor und hinter sich eine jeweils weit über hundert Meter lange Menschenschlange, grinst hinter seiner Maske und berlinert betont. Denn die erste  Corona-Impfung des Industriekaufmanns steht bevor.

Er zählte zur Schar der Marzahner, die zur mittlerweile fünften „Schwerpunkt-Impfung“ eines Berliner Bezirks im Verein mit dem Senat strömten, ohne Anmeldung und kostenlos angeboten im Trainingszentrum des „Cabuwazi“-Zirkus' an der Otto-Rosenberg-Straße.

Bequem, wenn auch etwas kühl und feucht: André Schröder brachte einen Warteschlangen-Stuhl mit.
Markus Wächter

Schröder, ein stattlicher 34-Jähriger, hatte auf den Rat seiner Mutter gehört und den Stuhl mitgebracht. Eine kluge Idee, die auch andere hatten, waren doch die ersten Impfwilligen schon im Morgengrauen da, und dann verzögerte sich der Impfbeginn noch um 45 Minuten bis 10.15 Uhr, was zu Gemurre führte. Die zweite kluge Idee war das Mitbringen eines Regenschirms …

Schröder war um 8 Uhr erschienen und hoffte neben der Impfung nur auf eines: Dass seine Nadel-Phobie  nicht zu Problemen bei der Injektion führte: „Ich musste mich schon bei Ärzten entschuldigen.“

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Weit vor ihm, am Anfang der Schlange, stand Alessia Fiori (25), Rezeptionistin eines Hotels in Mitte. Die Römerin, seit zwei Jahren in Berlin, war als Erste um 5 Uhr gekommen. „Seit zwei Jahren habe ich meine Familie nicht mehr besuchen können“, begründete sie den dringenden Impfwunsch. Und außerdem endet kommende Woche die Kurzarbeit, der Betrieb geht wieder los.

Alessia Fiori kam um 5 Uhr früh, um sich immunisieren zu lassen: Der erste Schritt, um endlich wieder ihre Familie in Rom besuchen und demnächst unbeschwert an der Hotel-Rezeption arbeiten zu können. 
Markus Wächter

Der Bezirk hatte für die dreitägige Aktion „Impfen im Kiez“ nach seinen Sozial -und Gesundheitsdaten Straßen ausgewählt, deren Bewohner geimpft werden sollten, sagte Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) – mittelalte Bürger, die bislang keine Impf-Chance hatten, und Menschen aus Häusern, in denen beispielsweise mehr Familien in nicht einfachen Verhältnissen wohnen.

„Anders als andere Bezirke haben wir uns dazu entschlossen, straßenweise und nicht nach Postleitzahlen aufzurufen, um die Ströme der Impfwilligen besser steuern zu können.“ Dafür wurden in den Häusern Plakate aufgehängt, teilweise Info-Zettel in die Briefkästen gesteckt. Welche Straßen am Sonnabend und Sonntag zwischen 9.30 und 17.30 Uhr an der Reihe sind, steht auf der Internetseite des Bezirksamts.

Andreas Sichwart gab Töchterchen Lucy während des Anstehens das Fläschchen.  
Markus Wächter

Auch das Warten wurde anders organisiert, sagte Berlins DRK-Präsident Mario Czaja. Es wurden 800 Plastik-Chips ausgegeben – pro Tag sind 800 Impfungen möglich. So wurde klar, wer keine Chance mehr hatte, an die Reihe zu kommen. Mit dem Chip konnte man auch wieder nach Hause gehen und später zurückkommen, um nicht ewig auf warten zu müssen.

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Der eigentliche Ort des Geschehens war ungewöhnlich: Erst ging es durch eine Grünanlage ins Zirkuszelt, wo die Beratung und die Aufnahme der Gesundheitsdaten stattfand. Dort musste man sich entscheiden, ob man sich mit dem Vakzin von Johnson & Johnson (nur ein Piks) oder mit Moderna (zweiter Termin am 17. Juli) immunisieren lassen wollte.

Johnson & Johnson? Bitte hier entlang! 
Markus Wächter

Anschließend gingen die Menschen in die unmittelbar benachbarte Cabuwazi-Trainingshalle: Im Eingangsbereich registrierten Soldaten eines Logistik-Bataillons aus Delmenhorst die Impf-Kandidaten elektronisch, ehe acht Bundeswehrärzte in acht Kabinen zur Tat schritten.

Geimpft wurde in der Trainingshalle – verspätet, weil die Bundeswehr vom Impfzentrum Tegel aus länger gebraucht hatte als geplant.
Markus Wächter

Am Schluss nahmen die frisch Geimpften in vier vom THW aufgestellten Zelten unter den Augen von 15 DRK-Helfern Platz: Dort mussten sie 15 Minuten warten, falls es eine schnelle, möglicherweise gefährliche Impfreaktion gab. In einem fünften Zelt stand eine DRK-Intensivstation samt Notfallmediziner bereit.

Alessia Fiori – sie hatte sich für Moderna entschieden – hatte die eigentliche Aufnahme- und Impfprozedur nach 20 Minuten durch, schmerz- und beschwerdelos.

Die nächste Schwerpunkt-Impfaktion ist für Sonnabend und Sonntag (9-17 Uhr) in der Prignitz-Schule  (Schöneberg, Eingang Begasstraße) vorgesehen. Kommen können am Sonnabend Bewohner aus den Postleitzahl-Bereichen 10783 zwischen Kulmer Kiez und Nollendorfplatz sowie 12157 (auf Bezirksgebiet von Tempelhof-Schöneberg). Am Sonntag sind der gleiche Bereich von 10783 und 10829 an der Reihe.