Detlef Cwojdzinski brachte die Berliner Impfzentren zum Laufen.
Foto: Markus Wächter

Wenn in Berlin in der Corona-Pandemie etwas funktioniert, dann sind es die sechs Corona-Impfzentren, betrieben von den Hilfsorganisationen von DRK bis Malteser. Der Pensionär Detlef Cwojdzinski (66) hat den Betrieb seit dem 14. November aufgebaut und leitete ihn bis zum 10. April als freier Mitarbeiter des DRK Sozialwerks Berlin. Von 1978 bis 2020 war er in der Senatsgesundheitsverwaltung tätig, unter anderem verantwortlich für das Krisenmanagement sowie für die Alarmplanung in den 38 Notfallkrankenhäusern Berlins.

Herr Cwojdzinski, was hatte Sie bewegt weiterzuarbeiten? War Ihnen Ihr Ruhestand zu ruhig?

Ich habe im Laufe des Berufslebens viele große Projekte im Krisenmanagement geleitet. Diesen Erfahrungsschatz möchte ich gerne weitergeben. Nichtstun war noch nie mein Ding.

Was qualifiziert Sie für solche Tätigkeiten?

Ich bin weit über 30 Jahre im gesundheitlichen Bevölkerungsschutz aktiv und habe in dieser Zeit alle Instrumente national und international kennengelernt und erfolgreich angewendet. In Jordanien beispielsweise habe ich über vier Jahre lang Kliniken auf Großunfälle vorbereitet und Übungen durchgeführt. Die Erfahrungen und mein aufgebautes Netzwerk in Berlin und in Deutschland geben mir die Chance, mit der nötigen Ruhe, schnell und effektiv zu handeln.

Was war die größte Herausforderung bei der Organisation der Impfzentren?

Die Startphase bis Mitte Dezember, weil es so viele Unsicherheiten gab. Der Aufbau einer Impfzentren-Struktur in der Realität war etwas völlig Neues. Die größte Herausforderung bestand für mich in der Frage: „Schaffst du das?“ Viele Freunde und meine Familie sagten: „Wenn es einer schafft, dann du.“ Ich bin dann im guten Glauben losmarschiert, ohne diese Frage am Anfang beantworten zu können. Am Ende hat alles funktioniert.

Sie kennen sich ja mit Verwaltung aus, die oft kritisiert wird. Ist die so schlecht in Berlin, oder ist der Eindruck falsch?

Seit 1978 habe ich in der Berliner Landesverwaltung gearbeitet. Da kenne ich natürlich das schlechte Bild, das in der Öffentlichkeit häufig gezeichnet wird. Meine Überzeugung war immer, dass sich mit dem nötigen Einsatz auch in der öffentlichen Verwaltung viele Dinge gut bewegen lassen. Öffentliche Darstellung und wirkliches Erleben stimmen daher weder objektiv noch subjektiv überein.

Sind Berlin und Deutschland überbürokratisiert?

Im Rahmen der Impfaktion habe ich zu keinem Zeitpunkt zu viel Bürokratie empfunden. Auch die Bürokratie lässt Spielräume. Man sollte die allerdings auch zu nutzen wissen. Eine Führungsperson aus der Verwaltung hat mich vor einiger Zeit beispielsweise gefragt, wie ich denn nun schon wieder an das nötige Personal gekommen sei – man muss eben auf dem Verwaltungsklavier spielen können.

Organisation ist alles: Detlef Cwojdzinski an einer Pinnwand mit den Plänen der Impfzentren.
Foto: Markus Wächter

Sind Sie für diese Aufgaben ausgewählt worden, weil Sie die Wege kennen, Regeln so zu interpretieren, dass sie flexibel handhabbar werden?

Regeln sollten nicht interpretiert, sondern kreativ angewandt werden. Dazu muss man die Regeln aber genau kennen und auf dieser Basis sachgerecht, schnell und für alle Beteiligten nachvollziehbar entscheiden. Angesprochen, ob ich das mit den Impfzentren tun soll, hat mich Mario Czaja, der Präsident des Berliner DRK, mit dem ich gemeinsam die ersten Containerdörfer für Flüchtlinge in Berlin Ende 2014 gebaut hatte.

Ihr Projektteam umfasst 30 Leute, in und für die Impfzentren sind umschichtig mehrere tausend Menschen tätig. Was muss ein Chef tun, um für Leistung und gute Laune zu sorgen?

In meinen Projekten steht das Team im Vordergrund. Meine Aufgabe ist es, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen. Das persönliche Gespräch ist sehr wichtig. Diese Art der Führung hat sich auch dieses Mal bewährt.

Wie läuft’s jetzt in den Impfzentren, und was kann noch besser werden?

Das Projektteam ist eingespielt, obgleich jetzt einige aufgehört haben und andere neu hinzugekommen sind. Wichtig ist der tägliche, intensive Informationsaustausch im gesamten Team. Bei mir lief es jetzt so gut, dass ich mich aus der ersten Reihe zurückziehen konnte und nur noch beratend zur Verfügung stehen brauche. Wirklich schief gegangen ist eigentlich nichts.

Was kann man in Ihrem Tätigkeitsbereich für die nächste Pandemie lernen?

Ich hoffe, dass sich so eine weltweite Pandemie nicht so bald wiederholt. Vorbereitet sollten wir aber für jeden Fall sein. So muss der Gesundheitliche Bevölkerungsschutz grundsätzlich auf allen Ebenen gestärkt werden. Ich würde einen Schwerpunkt auf die Qualifizierung der relevanten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legen.

Wer ist das?

Alle, die in den Gesundheitsämtern oder in den Gesundheitsministerien arbeiten, müssen auf das Krisenmanagement vorbereitet werden. Im Bereich Inneres, bei Polizei und Feuerwehr ist das der Fall, im Gesundheitsbereich ist es leider nicht Standard. Da wird auch etwas passieren. Ich werde jetzt darüber in Ruhe nachdenken, wie man das macht. Ich bin deshalb jetzt als Sachverständiger für Bevölkerungsschutz in einem Beirat tätig, der entsprechende Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst entwickeln soll.

Säßen wir am Stammtisch: Was würden Sie über die Leistungen der Berliner und der Bundespolitik in Sachen Corona-Bekämpfung sagen?

Die Kommunikation über die zu treffenden Maßnahmen war nicht sehr gut. So manche Entscheidungkonnte selbst ich nicht nachvollziehen. Wenn zum Beispiel über die Reisefreiheit nach Mallorca entschieden wird, sollte auch gleichzeitig überlegt werden, was passiert, wenn die Reisenden zurückkommen.

Vielfach wird im Nachhinein über politische Entscheidungen geschimpft, weil man hinterher nachher immer alles besser weiß. Wie gehen Sie damit um?

Unqualifiziertes Gemeckere kann ich gut ausblenden, weil es nicht zur Problemlösung beiträgt. Wie schon gesagt, sollten aber wichtige politische Entscheidungen, wie sie in einer solchen Ausnahmesituation zu treffen sind, sachlich nachvollziehbar sein.

Sind Sie erschöpft?

Auch nach fünf Monaten intensiver Arbeit – teilweise 15 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – bin ich nicht wirklich erschöpft. Es war schon anstrengend, aber der überragende Erfolg, unser tolles Personal in den Impfstätten, das unglaublich positive Feedback der Berliner Bevölkerung, die die gemeinsame Leistung aller fünf Hilfsorganisationen so sehr zu schätzen weiß, haben mich extrem motiviert. Meine Familie ist froh, dass ich jetzt wieder mehr Zeit habe.

Was werden Sie als erstes tun, wenn alle geimpft sind, wieder Freiheit einkehrt?

Wieder Sport treiben, mich um mein soziales Leben kümmern. Natürlich warten schon neue Aufgaben, die ich ja zum Teil schon genannt habe. Aber etwas weniger möchte ich schon arbeiten.