Trotz Impfen und Testen steigen die Zahlen der Menschen an, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Foto: Imago/Panthermedia

Läden, Friseure und Museen haben gerade erst wieder eröffnet. Sogar nach Mallorca dürfen wir wieder fliegen. Doch die Hoffnung der Berliner, dass nun zu Ostern noch mehr Normalität zurückkehrt, zerplatzt jetzt wie eine Seifenblase. Denn das Robert-Koch-Institut schlägt Alarm. RKI-Präsident Lothar Wieler warnt vor der dritten Corona-Welle, die in Deutschland schon längst begonnen habe und schlimmer als die zweite sein soll, die zur Weihnachten 2020 für hohe Fallzahlen sorgte.  Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schätzt die Lage für Berlin als „sehr dramatisch“ ein. Ärzte fordern bereits die Rückkehr in den kompletten Lockdown.    

Der Inzidenzwert für Deutschland steigt weiter an.  82,9 Corona-Neuinfektionen innerhalb einer Woche pro 100.000 Einwohner vermeldete das RKI am Montag, am Vortag waren es noch 79,1. Seit Mitte Februar, als der  Wert sogar bei nur 56,8 lag, steigen die Neuinfektionen wieder im Land.

Der aktuelle RKI-Lagebericht zeichnet ein düsteres Bild für die nahe Zukunft. Laut der Prognose sei in der Woche nach Ostern mit höheren Inzidenzwerten als noch zu Weihnachten zu rechnen. Die Zahl könne bei 350 liegen. Der letzte höchste Bundesinzidenzwert wurde am 22. Dezember 2020 mit 197,6 erreicht.

„Die Aussichten des RKI für die Infektionslage zu Ostern sind dramatisch“, sagt Berlins Gesundheitssenatorin Kalayci.  Auch wenn derzeit der Inzidenzwert der Stadt mit 73,6 (Stand Sonntag) noch unter dem Bundesdurchschnitt liege, sei das Risiko für eine drastische Steigerung der Neuinfektionszahlen auch für Berlin „ sehr hoch“.

Die Krankenhausbettenauslastung könne durch ein exponentiellen Anstieg in einer dritten Welle deutlich zunehmen, so Kalayci. Die höchste Inzidenz verzeichne man gerade in Berlin bei den 15- bis 19- und 20- bis 24-Jährigen. „Die Beschränkung der Kontakte ist nach wie vor das Entscheidende. Die Regelungen müssen hier streng eingehalten werden. Das ist meine Bitte an die Berliner Bevölkerung“, sagt die Senatorin.

Mediziner fordern eine sofortige Rückkehr in den Lockdown

Mit welchen konkreten Maßnahmen Berlin vor allem zu den Osterfeiertagen agieren wird, um die dritte Corona-Welle einzudämmen, ist noch offen. „Auf Bundes- sowie Landesebene werden zum weiteren Vorgehen Beratungen stattfinden“, sagt ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung.

Dagegen sind die Forderungen einiger Ärzte mehr als deutlich. Der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Fachgesellschaft Divi, Christian Karagiannidis, fordert eine sofortige Rückkehr in den Lockdown. „Wir gewinnen auch nicht viel, wenn wir jetzt die nächsten ein, zwei Wochen offen lassen, weil wir ganz schnell auf einem hohen Niveau ankommen und es auf dem hohen Niveau doppelt so schwierig sein wird, von den Zahlen wieder herunter zu kommen“, sagt er. Eine starke Welle bedeute hingegen eine Katastrophe, weil die Zahl der freien Betten derzeit nicht rasch genug steige und das Personal erschöpft sei. 

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Schon Anfang März warnte Spandaus Amtsärztin Gudrun Widders im KURIER vor einem raschen Ende des jetzigen Lockdowns. Dazu stehe sie jetzt nach wie vor, sagte sie am Montag. Die Virusmutationen würden gerade dafür sorgen, dass vermehrt Jugendliche und jüngere Erwachsene an Corona erkranken. „Die Lockerungen zeigen, dass sich einige Menschen wieder so verhalten, als gebe es die Pandemie nicht“, sagt Widders.  „Um einen Anstieg der Infektionen zu verhindern, müssen wir alle weiter diszipliniert bleiben.“

Bei der Öffnung der Schulen sollte man bleiben.  „Allerdings müssen Lehrer und Erzieher vorher geimpft werden“, sagt Widders.  Dagegen sollten die Deutschen darauf verzichten, „in diesem Jahr großartig zu  verreisen.“ Auch wenn man nicht in ein Risikogebiet fährt, bestehe die Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken und diesen mit nach Hause zu bringen.

Die Öffnungs-Strategie des Senats sei fatal gewesen, so CDU-Gesundheitsexperte Tim-Christopher Zeelen. Nach seiner Ansicht wäre die Landesregierung gut beraten gewesen, wenn Berlin bis Ostern im Lockdown geblieben wäre, um mit Hilfe von Schnelltests und den Impfungen die Inzidenzwerte weiter zu senken.

Museen richten sich auf erneute Schließungen ein

Auf ein mögliches Ende der Lockerungen richten sich schon die Berliner Museen ein, die nach langer Zwangspause gerade erst wieder geöffnet haben. Etwa das Naturkundemuseum, das seit vergangenem Wochenende für Besucher offen steht. Wegen der drohenden dritten Welle gehe man intern davon aus, auch wieder schließen zu müssen, erklärte Museumssprecherin Gesine Steiner der Berliner Zeitung. „Wir haben deshalb die Vorbuchungszeiträume von 14 Tagen auf drei Tage gekürzt“, sagt sie.

Wer das Naturkundemuseum besuchen will, muss online Tickets für ein ganz bestimmtes Zeitfenster kaufen. „Am Sonnabend und Sonntag waren wir mit jeweils 250 Besuchern am Vor- und Nachmittag ausgebucht. Auch für die kommende Woche sind die Tickets schon ausverkauft“, sagt Steiner.

Die Ticket-Onlineregelung mit Zeitfenstern gilt in  Zoo und Tierpark  nach wie vor, so Sprecherin Philine Hachmeister. „Hier haben wir keine Lockerungen geplant, gerade weil wir die Entwicklung der Lage weiterhin abwarten und beobachten wollen.“ Dies gilt auch für das Aquarium, das als einziges Tierhaus derzeit nur für Jahreskartenbesitzer geöffnet wurde. „Wir können zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen, in welche Richtung sich hier alles weiterentwickeln wird“, sagt Hachmeister.

Trotz der dritten Welle: „Die Geschäfte erneut dichtzumachen, wäre kompletter Unsinn“, so Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg. Vom Einzelhandel gehe keine Gefahr aus, das würden auch Studien zeigen. „Wir Einzelhändler können ein sicheres Einkaufen gewährleisten - eine erneute Schließung wäre fatal“, sagt Busch-Petersen. 

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Thomas Lengfelder, Chef des Hotel- und Gaststättenverbands Berlin (Dehoga), kritisiert eine Fortführung der Schließung in der Gastronomie. „Wenn die Infektionszahlen weiter auf diesem Niveau bleiben, sollte auch die Außengastronomie wieder geöffnet werden“, sagt er. „Die Menschen sitzen auch heute schon draußen und trinken und essen auf Bänken oder in Parks. Wenn man sich so schnell draußen anstecken kann: Warum ist dann noch der Nahverkehr erlaubt?“

Neben der Außengastronomie sollten auch die Hotels wieder für Touristen  öffnen dürfen. Das Wichtigste für die Betreiber und ihren Angestellten sei vor allem eines: eine Perspektive. „Was uns an der ganzen Diskussion wundert: Warum gibt es nicht schon längst flächendeckende Teststationen? Warum wird nicht mehr geimpft? Wer hat da geschlafen?“, so der Dehoga-Chef. „Es ist deprimierend, dass alles so schleppend vorangeht.“ Ein Explodieren der Infektionszahlen wäre das schlimmste Szenario für die gesamte Branche. Ein Viertel der Gastronomen in Berlin und Brandenburg würde bereits an eine Schließung denken. „Viele Betreiber stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand“, so Lengfelder. „Kleinere Geschäfte haben nach einem Jahr keine Rücklagen mehr. Das ist ein richtiges Drama.“