Wie hält es der Liedermacher Wolf Biermann mit Gott? Markus Wächter

Wolf Biermann glaubt an keinen Gott. Zur christlichen Religion hat er nicht gefunden, obwohl seine Mutter Emma ihn evangelisch taufen ließ.

Ein gläubiger Jude ist der inzwischen 84-jährige Lyriker und Liedermacher auch nicht geworden, auch wenn er väterlicherseits aus einer orthodoxen jüdischen Familie stammt. Seine Eltern waren überzeugte Kommunisten. Seinen Vater Dagobert ermordeten die Nazis im Vernichtungslager Auschwitz. Der Sohn Wolf, in Hamburg geboren und aufgewachsen, ging 1953 als 17-Jähriger aus der Hansestadt in die DDR, wollte mithelfen, die sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Sein Glaube war der Kommunismus.

Doch ein Religionshasser war er nie. In seinen Liedern, Gedichten und Prosastücken gibt es oft Bezüge zu Themen, mit denen sich auch Theologen beschäftigen. Solche Texte aus einem halben Jahrhundert versammelt der neue Suhrkamp-Band „Mensch Gott!“, der damit auf eine weniger bekannte Seite Biermanns aufmerksam macht.

Die unverwüstliche Hoffnung aller elenden Menschen

Biermann, der in seiner Zeit in Ost-Berlin zu einem der prominentesten Kritiker des SED-Staats wurde, 1965 Publikations- und Auftrittsverbot bekam und 1976 ausgebürgert wurde, ist durchaus bibelfest. Er kennt sich aus mit den Psalmen im Alten Testament und mit den Evangelien. Die Auferstehung interpretiert er als Zeichen für die unverwüstliche Hoffnung aller elenden Menschen auf den endlichen Triumph über die Finsternis. Die „wunderbare Schlussapotheose der Jesusgeschichte“ ist für ihn allerdings nur ein „geniales Gleichnis“ – und nicht als bare Münze zu nehmen.

Im Reformator Martin Luther sieht Biermann einen Bruder im Geiste, einen, der wie er selbst auf seine Überzeugungen gepocht hat – und gegen die Kirchenoberen aufbegehrte mit Berufung auf die Bibel. „Und mit solch immanenter Kritik prügelten Leute wie ich die machtbesoffenen Bonzen der DDR mit dem Kommunistischen Manifest.“

Dem Glauben an Gott billigt Biermann zu, moralischer Halt im Widerstand und Ermutigung zur Rebellion gegen Unterdrückung sein zu können. Religion war nicht einfach Opium fürs Volk – für solche Plattitüden ist Biermanns Sicht viel zu differenziert. Glaube an Gott ermutigte in der DDR zur Nicht-Anpassung, ist seine Überzeugung. Die „tapfere Schar echter Christen in der DDR“ bezeichnet er als seine natürlichen Verbündeten im Kampf gegen den Stalinismus.

Aufs Narrenparadies kann er verzichten

Dem Glauben an den Kommunismus hat Biermann längst abgeschworen – und bekennt sich zur Illusionslosigkeit: „Überhaupt auf jede Spekulation in Richtung eines schlaraffenländischen Narrenparadieses kann ich verzichten, solang die Chance bleibt, dass die närrische Gattung Mensch unsere kleine Erde nicht vollends in eine Hölle verwandelt.“