Martin Krist ist noch heute fasziniert von der Leiche, die 2015 am Spreeufer im Treptower Park auftauchte. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Im wahren Leben könnten sie kein Wässerchen trüben – doch wenn diese Berliner zur Tastatur greifen, lehren sie uns mit ihren bitterbösen, manchmal brutalen Fantasien das Fürchten. Vorhang auf für Berlins Schreibtischtäter!

Kriminalromane sind beliebt, besonders im Herbst und im Winter: Wenn es draußen klirrend kalt ist und das Kaminfeuer knistert, lassen sich viele gern von Morden in ihren Bann ziehen. Auch in der Hauptstadt leben viele Krimiautoren, die bei ihren Lesern mit immer neuen Geschichten für Spannung sorgen. Aber: Warum schreiben sie Krimis? Und wie morden sie am liebsten? KURIER traf fünf Autoren zum Verhör.

Paul Grote: „Das Töten ist mir sehr unangenehm“

Paul Grote schreibt Wein-Krimis – und hat in seinen Büchern noch nie jemanden mit einer Flasche erschlagen. Für den KURIER machte er aber eine kleine Ausnahme ... Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Ein guter Krimi und ein Glas Wein gehören zusammen – erst recht bei Paul Grote: In seinen Büchern wird nicht nur gemordet, auch Trauben spielen eine wichtige Rolle. Als Journalist schrieb Grote in den 90er-Jahren über Wein, eignete sich Fachwissen an, das er weitergeben wollte. Aber wie? „Viele Menschen wollen etwas über Wein lernen, aber sie mögen keine Klugscheißer. Ich wollte die Informationen in Geschichten einbetten. Und Krimis mag jeder.“ Aus der Idee ist ein umfassendes Werk geworden: Zahlreiche Wein-Krimis hat Grote veröffentlicht, zuletzt „Die Weinprobe von Lissabon“ (dtv, 10,99 Euro, Infos: www.paul-grote.de). Für seine Romane recherchiert er aufwendig: „Vor jedem Buch reise ich einen Monat lang durch ein Anbaugebiet, lerne Menschen und Orte kennen.“ Grote fasziniere das Genre. „Der Krimi ist der Gesellschaftsroman der Gegenwart, denn die Welt ist voller Verbrechen. Mich interessiert vor allem der Hintergrund der Menschen, die eine Tat begehen.“ Aber: Das Töten sei ihm beim Schreiben unangenehm. „Sich das Recht zu nehmen, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, ist eine Anmaßung sondergleichen.“

Kerstin Ehmer: „Gift-Morde sind immer kühl kalkuliert“

Kerstin Ehmer lässt eine Figur in ihrem Buch „Die schwarze Fee“ mit Gift morden – eine Methode, die oft Frauen zugeschrieben wird. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Die 20er-Jahre sind ein faszinierender Stoff für Filme, Serien, Bücher – auch die Figuren in der literarischen Welt von Kerstin Ehmer sind dort zu Hause. „Der weiße Affe“ und „Die schwarze Fee“ (Pendragon, 17/18 Euro) spielen in eben jener Epoche. „Und das dritte Buch entsteht gerade“, sagt sie. „Ich habe schon angefangen, diese Geschichten zu schreiben, als an ,Babylon Berlin‘ noch gar nicht zu denken war. Ich hatte das Gefühl, dass das Thema in der Luft lag. Dass unsere Zeit der damaligen immer ähnlicher wird, vor allem im politischen Bereich.“ Ehmer ist nicht nur Autorin, sondern auch Chefin der Victoria Bar in der Potsdamer Straße, schrieb 2013 „Die Schule der Trunkenheit“, ein Sachbuch. „Daraus entwickelte sich für mich das große Bedürfnis, Geschichten noch etwas freier zu entwickeln.“ Einer ihrer Romane, „Die schwarze Fee“, dreht sich um eine klassische Mordwaffe: Gift. Im Buch landet ein toxisches Gemisch aus Tollkirsche und Stechapfel im Tee. „Gift-Morde sind immer kühl kalkuliert – und werden meist Frauen zugeschrieben“, sagt Ehmer. „Das birgt allerdings die Gefahr, dass männliche Mörder falsche Fährten legen.“

Martin Krist: „Jeder fürchtet sich davor, dass das Glück zerbricht“

Martin Krist hat gerade seinen neuesten Thriller auf den Markt gebracht. Auch den realen Fall der Koffer-Leiche wolle er noch in einem Buch unterbringen, sagt er. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Im Juni 2015 entdeckte man im Treptower Park, am Ufer der Spree, eine Frauenleiche in einem Koffer. Ihre Geschichte begann, wie so viele, mit einer Affäre und einem Streit. „Das ist es auch, was mich an Krimis fasziniert“, sagt Martin Krist. „Die Geschichten kommen aus dem Leben. Und fürchtet sich nicht jeder davor, dass das eigene Glück plötzlich zerbricht?“ Er kennt sich damit aus: Seit seinem 25. Lebensjahr ist er Schriftsteller. „Ich wollte das schon, seit ich in meiner Kindheit Karl May gelesen hatte.“ Mit zwölf schrieb er die ersten Geschichten, mit 15 für eine Lokalzeitung, später arbeitete er als Redakteur, machte sich dann selbstständig. Gerade ist mit „Teufelswild“ (Epubli, 15,99 Euro, Infos: www.martin-krist.de) sein neuester Thriller erschienen. Allerdings landet hier niemand im Koffer in der Spree – und wenn, wäre es sowieso anders gelaufen als 2015. „In meiner Fantasie als Thriller-Autor hätte ich die Leiche zerlegt und die Teile etwas weiter verstreut“, sagt er. „Dann hätten die Ermittler richtig was zum Knobeln.“

Frank Schroeder: „Alle sind böse. Die meisten leben es nicht aus“

Für seine liebste Mord-Methode, die im Mittelalter zum Foltern eingesetzt wurde, braucht Frank Schroeder eine Ratte und Feuer. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Manche Autoren schießen und stechen – doch die liebste Mordmethode von Frank Schroeder ist derber. Und zugleich „eine der schrecklichsten, die ich je sah“, sagt er. „Im Gruselkabinett in London stieß ich darauf, später in Folter-Museen in der Toskana.“ Ein nackter, gefesselter Mann, auf seinem Bauch ein nach unten offener Vogelkäfig, darin eine Ratte. „Im Käfig wird auf halber Höhe ein Feuer entfacht. Und weil die Ratte nicht fliehen kann, frisst sie sich durch den Körper des Mannes.“ Die Technik fand Schröder so entsetzlich, dass er sie in seiner Geschichte „Der Rumpanscher von Padua“ verarbeitete. Schroeder ist Journalist, seine ersten Krimis entstanden zufällig. „Ein Kollege wollte auf dem Restaurantschiff Capt’n Schillow Whisky-Tastings mit Lesung veranstalten.“ Also begann er, kurze Krimis zu schreiben, in denen das Thema Alkohol eine Rolle spielt. Seine Bücher (u. a. „Tod im Weinkeller“, Treibgut Verlag, 13 Euro, Infos: www.schroederfrank.de) eint aber nicht nur das. „Bei mir kommen die Bösewichte immer davon.“ Er liebe es vor allem, hinter die Kulissen der menschlichen Psyche zu blicken. Aber: Muss man dafür selbst ein bisschen böse sein? „Alle sind böse“, sagt er. „Die meisten leben es nicht aus.“

Elisabeth Hermann: „Ein Schuss geht schnell und ist schmerzlos“

Elisabeth Herrmann mordet gern kreativ – aber manchmal wird in ihren Büchern auch geschossen. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Warum sind Krimis beliebt? Elisabeth Herrmann hat eine klare Antwort. „Weil es die Leute lieben, wenn etwas aus dem Ruder läuft“, sagt sie. „Und wenn dann jemand kommt und alles geraderückt.“ Wie schnell eine harmlose Situation kippen kann, zeigen auch ihre Bücher. „In einem spielt ein vergiftetes Mozzarellaspießchen eine Rolle, das einem Bauinvestor im Hals stecken bleibt“, sagt sie und lächelt. Doch auch Schüsse fallen in ihren Geschichten. „Ein Schuss geht schnell und ist schmerzlos.“ Fünfzehn Jahre ist es her, dass Herrmanns erstes Buch erschien. Sie arbeitete als Journalistin, stieß auf die Geschichte der Zwangsarbeiterinnen, die in Nazi-Familien die Kinder betreuten – und wollte daraus einen Krimi stricken. „Das Kindermädchen“ war ihr erstes Buch, zuletzt erschien „Requiem für einen Freund“ (beide Goldmann, 9,99 Euro) über Korruption und Gewalt in Berlins höchsten Kreisen. Ihre Werke zeigen: Krimis können nicht nur unterhaltsam, sondern auch gesellschaftskritisch sein. „Sie erzählen viel über uns, auch Dinge, die sonst durch das Raster fallen.“ Ein Mord ist für Herrmann oft nur der Ansporn, eine größere Geschichte zu erzählen.