Die Heilstätten in Beelitz gehören zu den bekannteren Lost Places um Berlin. Sie können allerdings nicht erkundet werden – das Gelände ist gesperrt.
Die Heilstätten in Beelitz gehören zu den bekannteren Lost Places um Berlin. Sie können allerdings nicht erkundet werden – das Gelände ist gesperrt. imago/Manngold

Ich liebe es, im grauen Alltag manchmal ein kleines Abenteuer zu erleben. Dass ich mich dafür gern mal in einem „Escape Room“ einsperren lasse oder in Berlin bei der Schnitzeljagd Geocaching mitmache, habe ich Ihnen bereits erzählt – doch richtig abenteuerlich wird es manchmal erst, wenn man eine Reise in die Vergangenheit wagt. Was ich meine? Überall rund um Berlin, in den Wäldern Brandenburgs, gibt es versteckte „Lost Places“ – verfallene Gelände, auf denen früher das Leben blühte, die aber irgendwann vergessen wurden.

Lesen Sie auch: Erichs Krönung: Als die DDR in die Kaffee-Krise rutschte und das den Bürgern bitter aufstieß >>

Erst kürzlich erkundete ich, gemeinsam mit einer Kollegin, ein solches Areal irgendwo in Brandenburg. Wo? Das werde ich hier nicht verraten – denn „Lost Places“ sind auch kleine Schätze, die es zu hüten gilt. Denn leider gibt es auch Vandalen, die nichts als ihre blinde Zerstörungswut an solchen Gebäuden auslassen wollen. Wer solche Gelände ernsthaft erkunden und in die Vergangenheit eintauchen will, der weiß, dass es dafür eine feste Regel gibt: „Take nothing but photos, leave nothing but footprints“ – es wird nichts mitgenommen (außer Fotos), es wird nichts hinterlassen (außer Fußabdrücke). Zumindest habe ich es so gelernt.

Lesen Sie auch: Bis zu 39 Grad: So kommen Sie heute gut über den Tag – die richtigen Tipps von früh bis spät>>

Lost Places in Brandenburg: Vom Bunker bis zum Ferienheim

Bei unserem Ausflug erkunden wir mehrere Plattenbauten, die – ganz versteckt – inmitten eines dichten Waldes stehen. Es ist beinahe magisch: Man tritt durch die Bäume - und da stehen sie. Fünfgeschosser, die Fenster dunkel wie neugierige Augen, die Türen offen. Der Putz bröckelt – und von außen rücken Bäume und Sträucher immer näher an die Gebäude heran. In jedem der Häuser befinden sich Wohnungen, durch die wir vorsichtig streifen. Die kleinen Badezimmer sind noch gefliest, die Wohnzimmer teilweise tapeziert, alles wirkt wie aus der Zeit gefallen. An manchen Wänden haben sich, wie bei vielen Lost Places, Sprayer verewigt.

Lesen Sie auch: Alarmstufe Rot: In den Wäldern steigt die Waldbrandgefahr. WAS man darf, WAS verboten ist!>>

In vielen Lost Places – wie hier in einer ehemaligen Kaserne – haben sich Sprayer verewigt.
In vielen Lost Places – wie hier in einer ehemaligen Kaserne – haben sich Sprayer verewigt. imago/Christian Ditsch

Ich frage mich in solchen Bauten immer: Warum wurden sie aufgegeben? Ich habe versucht, etwas über die Häuser zu recherchieren, allerdings nicht wirklich etwas entdecken können. Warum wurden sie verlassen, warum ließ man sie hier stehen? So ist es bei vielen Lost Places in Brandenburg: Einmal erkundeten wir ein ehemaliges Ferienheim des FDGB, einmal eine ehemalige Fabrik, beides in Brandenburg. Im Ferienheim fanden wir noch Küchenutensilien, in der Fabrik Werkzeuge, Unterlagen, sogar Essensmarken der Mitarbeiter.

Jetzt auch lesen: Berliner Hipster-Restaurant hängt Tim Raue ab: Er ist nicht mehr die Nr. 1 in Berlin>>

Auch eine stillgelegte Molkerei habe ich gesehen und mehrere riesige Bauernhöfe mitsamt Ställen. In einem ehemaligen Treibstofflager staunte ich darüber, dass unter der Erde riesige Tanks lagern, heute leer, die Innenwände verrostet. Für den KURIER schrieb ich mal einen Beitrag über eine vergessene Autowerkstatt im Norden Berlins. Mehrere verfallene Wagen aus der DDR parkten hier, im Hinterhof eines abbruchreifen Hauses. Falls Sie sich jetzt fragen, ob ich Profi-Einbrecher bin: Die Gelände, die ich bisher erkundete, sind frei zugänglich. Alles, was eingezäunt und von Verbotsschildern gesäumt ist, betrete ist nicht.

Lesen Sie dazu jetzt auch: Versteckte Schätze im Wald: Darum ist Geocaching das perfekte Hobby für den Frühling! >>

Lost Places in Brandenburg: Warum wurden diese Orte aufgegeben?

Wie kann so etwas sein? Bei Bunkern leuchtet mir ein, warum sie heute verlassen in den Wäldern stehen: Sie wurden, zumindest aus damaliger Sicht, nicht mehr gebraucht. Auch für bekannte Lost Places wie die Ruinen der Heilstätten von Beelitz gibt es Erklärungen – oder dafür, warum hier und da in unserer Stadt stillgelegte Bahnstrecken in den Wäldern liegen, manchmal verborgen unter Laub. Vor meiner Haustür, auf dem Biesenhorster Sand zwischen Biesdorf und Karlshorst, sind etwa noch Relikte des ehemaligen Rangierbahnhofes Wuhlheide zu finden: alte Gleise, Stromkästen, kleine Häuschen.

Auch alte Bahngleise sind in vielen Wäldern zu finden – sie zeigen, dass hier früher das Leben blühte.
Auch alte Bahngleise sind in vielen Wäldern zu finden – sie zeigen, dass hier früher das Leben blühte. imago/agefotostock

Aber welche Geschichten verbergen sich hinter Lost Places, die so von Menschen zurückgelassen wurden? Warum gingen sie – und warum fühlt sich heute niemand dafür verantwortlich? In jenen Plattenbauten in Brandenburg machten wir unsere Witze: Jede der Wohnungen würde in Berlin heute locker 1200 Euro kalt kosten, wenn’s denn überhaupt reicht. Aber im scherzhaften Umgang mit den verlassenen Häusern steckt auch etwas Ernst: Können wir es uns wirklich leisten, so intakte Gebäude einfach so verfallen zu lassen?

Jetzt lesen: Schreiben Sie mal eine Karte! Warum es so schön ist, endlich wieder Post im Briefkasten zu haben >>

Sie sind rätselhaft, diese „Lost Places“. Zugleich ist es gruselig, durch die verlassenen Wohnungen zu streifen, schließlich bin ich auch ein kleiner Angsthase. Und es ist wunderschön zu sehen, wie sich die Natur alles zurückerobert, wenn man sie nur lässt. Ich kann nur jedem empfehlen, mal eine kleine Reise in die Vergangenheit zu wagen und aufmerksam durch die Wälder Brandenburgs zu gehen. Es muss nicht gleich die verlassene Fabrik sein. Aber stumme Zeugen der Vergangenheit finden sich einfach überall.

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiere – und montags manchmal über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com